Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

«Anna Karenina»

Von Martina Süess

Zuerst ist Kitty, die jüngste Tochter des Fürsten Dobronsky, in den attraktiven Draufgänger Graf Wronski verliebt, aber dann trifft Wronski die schöne Anna Karenina, und eine weltberühmte, leidenschaftliche, aber unglückliche Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Denn Anna ist bereits verheiratet, wird aber von Wronski schwanger und dann, nach einer traumatischen Geburt, opiumabhängig und wirft sich schliesslich verzweifelt und umnachtet vor den Zug, in dem der Graf wegfährt.

Und Kitty? Ihr Leben scheint schon im ersten Teil des Romans verpfuscht: Ihr Herz ist gebrochen und ihre Ehre befleckt. Zu allem Unglück hat sie einen Antrag des liebevollen, ernsthaften Ljewin abgelehnt. Nicht nur sie selbst, auch ihre ehrgeizige Mutter hatte auf eine Verbindung mit dem gesellschaftlich besser gestellten Grafen gehofft. Aber dann nimmt Kittys Leben eine Wendung, die mit der schönsten und seltsamsten literarischen Liebesszene eingeleitet wird: Auf einer Abendgesellschaft trifft sie Ljewin wieder, und nach dem Essen werden die beiden an einem Kartentisch allein gelassen. Die Konversation ist verständlicherweise stockend. Doch dann nimmt Ljewin ein Stück Kreide und schreibt auf das grüne Tuch, das den Tisch bedeckt, ein Rätsel. In der deutschen Übersetzung sieht dieses Rätsel so aus: A S M A D K N S S D H N O N D? Kitty braucht eine Weile, bis sie errät, was er fragen will, aber schliesslich antwortet sie: D K I N A A! Und auch Ljewin kann ihren geheimnisvollen Code entschlüsseln.

So unterhalten sich die beiden schweigend weiter, indem sie den ganzen Tisch vollkritzeln. Natürlich ist es kein Spiel, und wenn sich zwei auf diese Weise verstehen, dann sind sie füreinander bestimmt. Das letzte Wort ist denn auch das ersehnte Ja, und damit beginnt jene glückliche Liebesgeschichte, die den Kontrast zu Wronski und Anna bildet, und über die es, gerade weil sie glücklich ist, laut Tolstoi nicht mehr viel zu erzählen gibt, denn «alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich».

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