Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Nicht nur aus dem Bauch heraus

Es sei der Leib, der unsere Geschichte erzählt, sagt Isolde Schaad. Deshalb will die in Zürich lebende Autorin diesen vernachlässigten Körperteil rehabilitieren. Ihre Geschichten reichen von der leiblichen Mitte bis nach Asien.

Von Ulrike Baureithel (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Das Lachen ist etwas ganz Wichtiges in meinem Leben, aber auch die Wut»: Isolde Schaad auf dem Ampèresteg in Zürich.

Sie sagt: Berlin. – Nein, Zürich!, erwidere ich. Wir schauen uns an und lachen. Es ist lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Aber auch wenn sich die Erinnerung nicht mehr punktgenau lokalisieren lässt: Es ist eine gute.

Wir sitzen im «Sphères», dem buchhandelnden Café gleich unter der WOZ-Redaktion. Das Fotoshooting ist absolviert, Isolde Schaad ist in aufgeräumter Stimmung, tags zuvor ist ihr neues Buch im vollen Zürcher Literaturhaus vorgestellt worden. Sie mag den Literaturrummel eigentlich nicht, aber, setzt sie hinzu: «Man fühlt sich ja schon verpflichtet, sich seiner Leserschaft zu präsentieren.» Und geniesst auch sichtlich den Zuspruch, der sie umfängt.

Lachen und Wut

Isolde Schaad ist eine lebendige, redefreudige und lachbereite Person. Ihre Bücher sind witzig auf hohem Niveau, «das Lachen ist etwas ganz Wichtiges in meinem Leben, aber auch die Wut». Vielleicht hat sie für ihr neues Buch deshalb jenes Körperareal ins Visier genommen, aus dem beides kommt, das Lachen und die Wut: den körpereigenen «Äquator», die «Gürtellinie», von der aus sie Exkursionen «in unerforschte Gebiete» unternimmt.

Die sieben Geschichten führen vom umfänglichen Leib bis zum Erdumfang in Afrika und Asien und kreisen doch immer um den einen Bauch, der in der westlichen Hemisphäre einst als Zeichen des Wohlstands galt und heutzutage geschmäht wird. Sie wolle den Bauch «rehabilitieren», uns mit ihm versöhnen, denn «es ist der Bauch, der unsere Geschichte erzählt», begründet die Autorin die Wahl dieses ungewöhnlichen Sujets.

Und die «aus dem Bauch heraus» erzählten Geschichten heben vielversprechend an: Da ist gleich zu Beginn die ausgemusterte russische Ersatzballetteuse, bulimisch und mit einer stattlichen Leibesfülle geschlagen, die ihr als ein «Er» und ihr «Herr» gegenübertritt und seine Daseinsberechtigung einfordert im «Nahkampfgebiet der Dreizimmerwohnung». Diese Olga Jawlenka Kartowa trägt «den Ihrigen», der sie drückt und zwickt, also zu einem Arzt, und was sich da zwischen den beiden entspinnen könnte, gefällt «ihm», der wie ein eifersüchtiger Ehemann auftritt, überhaupt nicht, er wirft sich dazwischen; nur die Drohung, den Rülpsenden und Blähenden zu «piercen», befördert die beiden Untrennbaren wieder in die Zone eines gemässigten Stillhalteabkommens.

Sie habe nicht wissentlich nach diesem Motiv gesucht, erzählt Schaad, sondern sei beim Studium der Frontseiten ihrer MitbürgerInnen geradezu darauf gestossen worden. Die Art, wie ältere Männer ihren Schmerbauch vor sich hertragen, Schwangere in der Badeanstalt ihren Neunmonateleib ausstellen oder magersüchtige Mädchen ihren Nabel verunstalten, habe sie fasziniert, «das Thema suchte sich sozusagen selbst». Man muss vielleicht ein bisschen in die Jahre gekommen sein, um den Bauch als «soziale Topografie» zu entdecken: «Mir fällt jedenfalls auf», sagt Schaad, «dass sich im Alter die Geschlechter und die Bäuche angleichen.»

Manchmal sind es in ganz novellistischem Sinn «unerhörte Begebenheiten», die einen Bauch anschwellen lassen. Die unbedachte missdeutende Äusserung eines Bruders beispielsweise, die eine nicht mehr ganz junge Frau scheinbar in jenen Zustand katapultiert, den man früher «in guter Erwartung» genannt hätte und der dazu führt, dass einem die Umwelt viel wohlwollender begegnet und eine in Agonie befindliche Beziehung auflebt. War Mutterschaft einmal «die eingeborene Feindin der Intellektuellen», avanciert sie plötzlich zu einer Möglichkeitsform: «Das Verhalten hat den Zustand besiegelt.» Nur: Wie kommt man aus einem «anderen Umstand», der gar keiner ist, wieder heraus?

«12 000 Kilometer Nabelschnur», so der Titel dieser Geschichte, ist die ironische Abrechnung mit feministischer Kinderenthaltsamkeit und neuem Mütterlichkeitskult. Isolde Schaad sieht sich noch heute als Feministin, wenn auch in einer anarchistischen Variante, und von innen heraus als solidarische Kritikerin. Was sie nervt, ist die heutige Theoriefeindlichkeit, darüber kann sie sich aufregen: «Da gibt es die liebenswerten Grossmütter meiner Generation, die sich aufgegeben haben. Und da sind die jungen Frauen, die lieber ihren Körper her- und zurichten als denken. Da ist etwas auf die andere Seite gekippt. Bei uns früher war das Denken ja durchaus lustbesetzt.»

Harte Nuss Satire

Eigentlich wollte die studierte Kunsthistorikerin Karikaturistin werden, sie zeichnete früher viel. «Aber Satire für eine intellektuelle, kinderlose Frau ist eine harte Nuss, da darfst du dich nicht über die Gesellschaft lustig machen», erklärt sie lachend. Die Affinität zur Kunst kommt in einer der besten Erzählungen des neuen Bands zum Ausdruck. «Erhöhte Temperatur» ist die hochkomische Geschichte eines «zwinglianisch» kastrierten Bildrestaurators am Zürcher Kunsthaus, der sich «bäuchlings» in ein Mädchenmotiv des Schweizer Malers Ferdinand Hodler verliebt. Sein «ritueller Reinigungsvorgang» am Objekt endet in einem wahrhaft ergreifenden Verführungsakt durch das Objekt und in einer «Wahrheit», die die hodlersche Absicht persifliert. Kunstverstand und handwerkliche Kenntnisse paaren sich in dieser Geschichte mit einem distanziert psychoanalytischem Blick.

Ein Quäntchen liebevolle Zuwendung

Ob ihre Erzählungen also die Versöhnung mit dem Es verfolgten, frage ich sie. Es gehe ihr eher um eine Aufhebung von Über-Ich und Es, erwidert Schaad, das schlage sich auch in der Form nieder, etwa wenn sie eine Chronistin an die Seite ihrer Figuren stellt. Oder wenn sie wie in «Endlich Sri Lanka» den Robotermenschen Robby zum Motor der Geschichte macht und ihn den «Generalplan» des glücklosen Teilzeitvaters Willy durchkreuzen lässt.

«In jeder Tragik liegt auch ein Quentchen Glück», endet diese Erzählung versöhnlich. Und in jeder der Erzählungen steckt ein Quäntchen liebevolle Zuwendung zu ihren Figuren. Trotz des ironischen Blicks und ihres gelegentlichen Sarkasmus – bei aller Freude an einer bösen Wendung ist Isolde Schaads Prosa philanthrop in einem ganz basalen Sinn: Der «Schreiberos», von dem sie spricht, überträgt sich auf die Lesenden. Der «kleingeistigen Schweiz», in der, wie sie sagt, die soziale Kontrolle noch funktioniert, ist sie ein Stachel im wohl gefüllten Leib der Selbstzufriedenheit. Mehr Gutes kann man von einer Schriftstellerin nicht sagen.


Die Autorin ist auf der Leipziger Buchmesse mehrfach zu erleben, 
unter anderem am 14. März. 
Am 23. März wird Isolde Schaad 
die Goldene Ehrenmedaille der 
Stadt Zürich verliehen.

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