Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Bittere Flocken

Roberto Saviano, der seit seinem Mafiabuch «Gomorrha» im Untergrund lebt, widmet sich in seinem neuen Buch den globalen kriminellen Machenschaften der Kokainhändler.

Von Michael Saager

Mit Basuco ist nicht zu spassen. Das Zwischenprodukt der Kokaingewinnung ist «eine Mischung aus Ziegelstaub, Aceton, Insektiziden, Blei, Amphetaminen und verbleitem Benzin», schreibt Roberto Saviano, Autor des soeben erschienenen Buchs «Zero Zero Zero. Wie Kokain die Welt beherrscht». Basuco ist hochgiftig, aber billig. Es ist die Droge der Häftlinge. Als Transportmittel dienen Brieftauben, in deren Gefieder mit Büroklammern kleine Säckchen befestigt werden. Häufig, so Saviano, sei die Last zu schwer, dann prallten die Tauben gegen die Gefängnismauern. Der Sturzflug verletzter Tauben – nicht die schlechteste Metapher für die brutale Härte des weltumspannenden Kokainhandels, bei dem es in erster Linie um Kokainhydrochlorid, um Kokain in Reinkultur, geht.

Das feinste italienische Mehl trägt zu seiner Kennzeichnung zwei Nullen, die weisslichen Drogenflocken mit dem bitteren Geschmack bekommen bei Saviano drei: «Zero Zero Zero». Mit der Reinheit ist das freilich so eine Sache. Die Paste wird mit Salzsäure versetzt und anschliessend mit Aceton und Ethanol behandelt. Die Gesamtliste der Chemikalien – vor dem Streckprozess auf dem Strassenmarkt – ist noch um einiges länger. Kein Wunder, dass viele KokainkonsumentInnen lieber nicht wissen wollen, was genau sie sich da gerade wieder mal in die Nase ziehen.

Welches die erfolgreichsten multinationalen Unternehmen der Welt seien, fragt Saviano: Exxon Mobil, Volkswagen oder General Electric? Seine Antwort: Das «erfolgreichste Unternehmen der Welt» sei «der internationale Kokainhandel. Und zwar bei weitem!» Der Vergleich hinkt, denn weder ist der internationale Kokainhandel ein als Einheit erkennbares Unternehmen, noch verfügt er über unternehmenstypische Investitions- und Renditemechanismen.

Blutige Details

«Wenn man über Kokain schreibt, dann schreibt man über die Welt schlechthin.» Der 1979 in Neapel geborene Roberto Saviano ist überaus pointenverliebt und ausgesprochen behauptungsfreudig; seine Autorenpersönlichkeit scheint hochentflammbar. «Über Kokain zu schreiben ist, wie selbst welches zu nehmen», heisst es an anderer Stelle. «Du verlangst nach immer mehr Nachrichten, immer mehr Informationen, und was du findest, saugst du gierig auf. Du bist addicted, süchtig.»

Schon einmal war Saviano schwer süchtig. Da hatte er sich derart leidenschaftlich-gründlich mit der neapolitanischen Mafia beschäftigt, dass diese daraufhin schwor, sich mit ihm zu beschäftigen – auf ihre Weise. Seit sein Mafia-Tatsachenroman «Gomorrha» erschienen ist, muss Saviano ständig den Aufenthaltsort wechseln, wird er rund um die Uhr von Carabinieri bewacht. Es ist ein Leben im Untergrund, seit bald acht Jahren. Man kann sich Saviano schwerlich als heiteren Menschen vorstellen. Aber Schwung hat er.

«Zero Zero Zero» ist ein langer, intensiver, nicht ganz unproblematischer Ritt durch die Welt des Kokainhandels. Karten und Tabellen gibt es nicht, harte (empirische) Wirtschaftsdaten sind rar. Die Reise beginnt in Lateinamerika. Längst hat hier die Kokaingewinnung den Anbau von Mohn und Marihuana ersetzt. Kolumbien ist der weltgrösste Kokainproduzent, wichtigster Handelsumschlagplatz ist Mexiko. Saviano porträtiert miteinander konkurrierende mexikanische Bosse, er verfolgt den Aufstieg des allmächtigen Sinaloa-Kartells und den seines kürzlich gefassten Paten Joaquín Guzmán, der 2009 auf Platz 41 der 67 «mächtigsten Menschen der Welt» des US-Wirtschaftsmagazins «Forbes» geführt wurde.

Saviano schildert die grausamen Kartellkriege und unterschiedliche Strategien wahllosen oder «lediglich» gegen konkurrierende Kartelle gerichteten Terrors. Dabei verliert er sich in manch blutigem Detail – Folter und Mord sind bekanntlich allgegenwärtig in Mexiko – und distanziert sich ebenso rasch davon, mithin sogar von seiner Arbeit im Ganzen. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema Kokain sei er selbst «ein Ungeheuer» geworden, jammert er kokett. Der Abgrund in ihm habe bös zurückgeschaut. Das vielstrapazierte Bild Nietzsches ist ein zuverlässiger Kitschlieferant und Savianos Griff in die Pathoskiste selten ein glücklicher.

Am Körper von Flüchtlingen oder mithilfe von grossen Katapulten gelangt das «weisse Gold» über die mexikanische Grenze in die USA, das Land mit den meisten KokainkonsumentInnen. Ein Grossteil der Ware landet in den Häfen von Madrid und Rotterdam. In Passagier- und Sportflugzeugen, Tauch- und (Mini-)U-Booten, auf Frachtkähnen und neuerdings verstärkt auf Segeljachten findet das Kokain auf immer neuen ausgeklügelten Routen seinen Weg in die kokshungrige weite Welt.

Banken waschen weisser

Die kalabrische Mafiaorganisation ’Ndrangheta steuert die Vertriebswege in Europa, die Banken waschen fleissig das Geld, bis kein Flöckchen Schnee mehr an ihm haftet. Als in der Wirtschafts- und Finanzkrise Geld zusehends knapper wird, pumpt der internationale Drogenhandel weiterhin Milliarden in das marode Bankensystem. Die Krise von 2008/2009, behauptet Saviano, wäre ohne das viele Drogengeld sehr viel heftiger ausgefallen. Eine steile These.

Fünf Jahre hat Saviano an «Zero Zero Zero» gearbeitet, inkognito auch ausserhalb Italiens, denn: «Kokain rastet nicht.» Ein gutes Kontaktnetz zur Unterwelt gab es bereits. Zahlreiche ungestützte Behauptungen wie die, dass die globale Wirtschaft stärker von Entscheidungen grosser Drogenkartellbosse wie Felix Gallardo («El Padrino») und Pablo Escobar («El Mágico») geprägt sei als von Ronald Reagan oder Michail Gorbatschow, bedürfen allerdings ohnehin keiner Recherche.

Und viele der im Buch erzählten Drogengangster- und Kartellgeschichten wurden bereits von anderen JournalistInnen niedergeschrieben. Saviano hat ihnen lediglich neues Leben eingehaucht. Wie viel «harte» (Vor-Ort-)Recherche in dieser literarisch-journalistischen Arbeit steckt, ist kaum auszumachen. Savianos atemloser, Fakten und Fiktion mischender Redefluss ist alles Mögliche; ein Beispiel für sachlich-verlässliches Schreiben ist er nicht.

Der War on Drugs ist verloren, das geben mittlerweile sogar VertreterInnen der US-amerikanischen Regierung zu. Und wie geht es weiter? Der Harvard-Ökonom Jeffrey Miron erklärte vor einem Jahr im «Spiegel», weshalb er aus ökonomischen und gesundheitlichen Gründen für die Freigabe von Kokain sei. Auch Saviano meint, allein die Legalisierung könne das todbringende kriminelle Getriebe aus illegalem Angebot und zumeist illegaler Nachfrage zerstören. Mehr Konstruktives als diese Binsenwahrheit aufgeklärter Drogenpolitik fällt ihm nicht ein. Der knappe Rest zum Thema Legalisierung ist Pathos: «Ist das zu gewagt? Ist es eine Phantasie? Das Delirium eines Ungeheuers? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.»

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