Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Das schmutzige Leben und die prallen Einkaufstüten

Die spanische Bevölkerung leidet unter der Finanz- und Wirtschaftskrise. Rafael Chirbes lässt in seinem Roman «Am Ufer» eine illusionslose Stimme aus dem Alltag berichten. Er misstraut jedoch seiner eigenen Schöpfung.

Von Roman Schürmann

Wer spricht? Esteban, meistens. Esteban ist Schreiner, siebzig, ledig und Ende 2010 mit Jagdgewehr und Hund unterwegs im fiktiven Marjal-Sumpf hinter der spanischen Mittelmeerküste. Esteban, aber das erfahren wir erst später, sucht einen geeigneten Platz für den letzten Akt, inspiziert die Bühne am Vorabend der Premiere, die zugleich die Derniere sein wird, wie er lakonisch feststellt.

Kunstvoll arrangiert Chirbes in seinem hochgelobten neuen Roman «Am Ufer» die mäandrierenden Gedanken Estebans, während er im Sumpf spaziert. Sie reflektieren seinen Alltag und seine Biografie, schweifen in die Vergangenheit, in die Familien- und Landesgeschichte, sie erklären die Welt und kehren immer wieder zum Sumpf zurück. Dazwischen schneidet der Autor andere Stimmen: Estebans Angestellte kommen zu Wort, Aufzeichnungen seines Vaters tauchen auf, und Estebans Stammtischkollegen halten Reden. Zunächst etwas wirr, präsentiert sich bald ein sorgfältig gesponnenes Gewebe aus Beobachtungen, Gesprächsfetzen, Erinnerungen, Sentenzen, alles ist fein aufeinander abgestimmt, wiederholt sich gelegentlich, verstärkt und nuanciert das notgedrungen unvollständige Bild. Was es zeigt, scheint klar: «Die Krise macht sich überall bemerkbar», heisst es schon auf der zweiten Seite.

Allen Besitz verloren

Die Stimmen beschreiben, was passiert, wenn ein Land und seine Bevölkerung in eine Wirtschaftskrise geraten. Esteban hat dabei sein ganzes Erspartes verloren, musste die Schreinerei schliessen und seinen fünf Angestellten kündigen. Jetzt hat er nichts mehr.

Esteban spricht, aber die interessantere Figur ist sein dementer Vater, den er pflegt, «das schadhafte Tamagotchi». Dieser kämpfte in den dreissiger Jahren während des Spanischen Bürgerkriegs als überzeugter Marxist gegen Francisco Francos Faschisten. Anders als andere Genossen versteckte er sich nach der Niederlage nicht jahrelang im unzugänglichen Sumpf, sondern stellte sich den Behörden – er hatte eine Familie zu ernähren – und kehrte nach drei Jahren im Gefängnis in seine Schreinerei zurück. Er war ein gebrochener Mann, der «schweigend in der eigenen Traurigkeit schmorte»; und für Esteban war er ein abweisender, harter Vater. Beide verachteten einander. Doch nur der Vater trachtete «im Innern» weiterhin «nach Gerechtigkeit und einem harmonischen Leben in Gemeinschaft». Esteban weiss hingegen: «Das gute Leben verträgt sich nicht mit dem Gesetz, mit der Gerechtigkeit, und ist absolut inkompatibel mit der Nächstenliebe.»

Solidarität scheint aussichtslos

Esteban gibt sich als kühler Realist. «Der Mann, ein Zweifüssler, der Fotzen kauft», das sei «keine schlechte Definition». Er begreift nicht, weshalb sein Vater immer noch auf eine bessere Zukunft hoffte, obwohl er im Bürgerkrieg und danach im Gefängnis erfahren hatte, dass das Leben «schmutzig» ist. Esteban wirft ihm vor, seine eigene Familie vernachlässigt zu haben, gerade weil er – grundlos – an das Gute im Menschen glaubte. Esteban dagegen sieht sich von lauter EgoistInnen umgeben, «die für Geld und Lust verraten und töten», das sei nie anders gewesen, «ewig die gleiche Geschichte, langweilig». Solidarität ist deshalb ein aussichtsloses Konzept.

Im Unterschied zu seinem Vater hat Esteban keinen Plan, was gegen die Unmenschlichkeit, die er allerorten wahrnimmt, getan werden könnte. Zwar hält er «eine gehörige Portion Idealismus» für nötig, um zu überleben. Doch dieser Idealismus besteht einzig darin, sich etwas vorzumachen, denn «es überleben nur diejenigen, die es schaffen zu glauben, dass sie sind, was sie nicht sind». Dagegen findet Esteban Vaters Klassenkampf, den «Kampf des Proletariats», lächerlich. «Alles sollte immer nur Oben und Unten sein, sie und wir», wirft er dem Vater vor, «deins und unseres.» Er hält das für eine Lüge; Marxismus, das beweist ihm das Verhalten seines Vaters, funktioniert nicht: Allen soll es besser gehen, doch die eigene Familie hat nichts davon. Weil die Mutter den Vater überredete, statt des Sumpfs die Familie zu wählen, fühlt sich dieser als Verräter, der ein minderwertiges Leben führen muss. Deshalb ignoriert der Vater seine Familie, «wir sind das Private, das Erbärmliche, das, was dich fesselt und am Boden hält, an der Grenze zum Tierreich: Geboren werden, essen und koten, arbeiten, sich vermehren.»

Nur dank «der Solidarität innerhalb des Clans», bemerkt Estebans Jugendfreund Francisco einmal, widerstehe Spanien der Krise. Doch wenn die Familie das Einzige ist, was den Einzelnen am Leben erhält, ist sie zutiefst antisozial. Wer nicht dazugehört, bleibt ausgeschlossen, ist ein Feind. Esteban erlebt das am eigenen Leib.

Ein schlechter Stückeschreiber

«Der Klassenkampf hat sich überlebt, aufgelöst», sagt Esteban, die demokratisch organisierte Gesellschaft biete für alle Probleme eine Lösung – zumindest so lange, als die meisten anständig konsumieren konnten. Denn seit Ausbruch der Krise etabliert sich, wie Esteban feststellt, eine neue Ordnung, die Oben und Unten deutlich voneinander trennt. Während die einen «stolz ihre prallen Einkaufstüten» tragen, wühlen die andern nun in den Müllcontainern. Auf seiner Erkundigungstour im Sumpf fragt sich Esteban plötzlich, ob der Klassenkampf nicht doch «das einzig Bestimmende» war, «das alles prägte und durchdrang? Der grosse Motor der Weltgeschichte?» Jetzt erkennt er, dass er daran «weder geglaubt noch zu glauben aufgehört» hat. Doch es ist zu spät. Es bleibt ihm nur noch, seinen Vater an den Ort zurückzubringen, den ihm die Familie vorenthalten hat. Der Sumpf verbindet Vater und Sohn, bis zuletzt.

Und dann ist das Buch zu lang. Nicht dass sich vieles wiederholt, ist problematisch, sondern dass gegen Schluss zu vieles erklärt wird. Das wäre nicht nötig. Was Esteban über sein Leben sagt, gilt auch für den Roman: «Ein schlechter Stückeschreiber hat die Handlung zu lang ausgewalzt, das Publikum langweilt sich.» Ausserdem sind die Stimmen, die neben Esteban zu Wort kommen, überflüssig. Wir erfahren nichts Neues, auch hier traut Chirbes seinem Publikum zu wenig zu. Die Situation und die Menschen spiegeln sich in Estebans Gedanken, das reicht.

«Am Ufer» spielt im Dezember 2010. Nichts deutet darauf hin, dass nur einen Monat nach Estebans Derniere in Spanien die Bewegung ¡Democracia real ya! (Echte Demokratie jetzt!) aktiv wird und die Indignados (Empörte) im Mai 2011 den Movimiento 15-M (Bewegung 15. Mai) starten. Seither demonstrieren immer wieder Zehntausende gegen die Austeritätspolitik der Regierung und gegen politische Korruption, werden Landgüter besetzt und Banken. Mit dabei auch die sogenannten Iaioflautas (siehe WOZ Nr. 6/2014), die selbst ernannte RentnerInnenbrigade der Bewegung 15-M.

Der alte Esteban aber hat sich endgültig verabschiedet. Und seinen Vater mitgenommen.

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