Nr. 16/2014 vom 17.04.2014

Ade, Zürichsee

Wie hat der Bodenseeraum seine heutige Gestalt erhalten? Mit dem Geografen Oskar Keller wird Landschaftsgeschichte anschaulich.

Von Bettina Dyttrich

Wer baden gehen will, muss in den meisten Städten hinuntergehen zum Fluss oder See. In St. Gallen ist es anders: Dort steigt man zum Baden auf den Berg, zu den drei Weihern. Die wenigsten werden sich dabei fragen, wie das seltsame kleine Tal entstanden ist, in dem die Weiher liegen – eine schmale Rinne zwischen der Krete des Dreilindenhangs und dem Freudenberg. Eine Rinne war es tatsächlich einmal: Als während der letzten Eiszeit die Gletscherzunge, die das St. Galler Hochtal ausfüllte, langsam schwand, floss hier das Schmelzwasser Richtung Westen ab.

Das ist nur eine von vielen Geschichten, die Oskar Keller im Buch «Alpen – Rhein – Bodensee» erzählt. Landschaftsgeschichte ist die Spezialität des pensionierten Geografen und Glazialmorphologen. Sein Buch macht nachvollziehbar, wie der Raum des Bodensees und des Alpenrheins seine Gestalt bekam, von der Entstehung der Gesteine und Gebirge über die Eiszeiten bis heute.

Das liegt nicht nur daran, dass Keller Fachwissen allgemein verständlich erklärt. Fast noch wichtiger ist: Er kann zeichnen. Geologische Profile genauso wie Karten früherer und heutiger Landschaften, manche bewusst schematisch, andere fast so detailgenau wie Flugaufnahmen. Zusätzlich veranschaulicht er mit Fotos aus anderen Weltregionen, wie es hierzulande einmal ausgesehen haben könnte, als es viel wärmer oder viel kälter war.

Da tauchen die Alpen als Inseln im Urmeer zwischen Europa und Afrika auf, ein riesiger Meteorit schlägt nordöstlich von Ulm ein und schleudert Felsbrocken bis nach St. Gallen, der Rhein gräbt sich mehrmals ein neues Bett und stürzt schliesslich über den Rheinfall wieder in sein altes, und als die Eismassen abschmelzen, bildet sich für (geologisch) kurze Zeit ein riesiger See von Konstanz bis Chur, der sich in Sargans gabelt und bis nach Zürich reicht. Wer die Augen zumacht, kann es fast sehen – wie in Stahlbergers Lied «Dokfilm», in dem Filme von der Entstehung der Erde auftauchen. Manchmal sind es auch die Wörter, die der Vorstellung helfen: Deckenschotter-Eiszeit. Eem-Interglazial. Glimmersandrinne.

Zum Schluss schaut Oskar Keller in die Zukunft und rechnet aus, wie lange es dauert, bis die Flüsse den Bodensee, den Zürichsee und den Walensee mit Geröll, Kies und Sand aufgefüllt haben. Dabei wird klar, dass Menschen manchmal sogar in die Erdgeschichte eingreifen: Weil die Linth im Jahr 1811 umgeleitet wurde, wird der Walensee lange vor dem Zürichsee voll sein. Die ZürcherInnen können beruhigt sein: Ihr See hat noch 50 000 Jahre vor sich – 10 000 mehr als der Bodensee. Aber haben auch die ZürcherInnen noch 50 000 Jahre vor sich?

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