Nr. 17/2014 vom 24.04.2014

Der «Proceß» und seine Aufarbeitung

Der zu Unrecht angeklagte ehemalige Lehrer Daniel Saladin möchte mit «Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf» eine Diskussion um Pädophilie, Justiz und Kunst lancieren – und versteigt sich dabei in heikles Terrain.

Von Noëmi Landolt

«Ein Lehrer schlägt zurück», so und ähnlich wurden in den letzten Wochen Rezensionen des Buchs «Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf» betitelt. Der Autor des Buchs ist Daniel Saladin, der im Jahr 2009 beschuldigt wurde, seinen SchülerInnen im Unterricht am Zürcher Gymnasium Rämibühl Pornografie vorgelegt zu haben. Er hatte mit ihnen unter anderem Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» gelesen.

Bezüglich der Unterrichtsgestaltung wurde Saladin zweieinhalb Jahre später vollumfänglich freigesprochen. 36 Aktaufnahmen aus seinem Privatbesitz wurden jedoch als illegale Pornografie eingestuft, weshalb er zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt wurde. Heute ist klar, und das sagte auch der Richter bei der Urteilsverkündung, dass es aufgrund der Faktenlage nie zu einer Anklage wegen seiner Unterrichtsführung hätte kommen dürfen. Die Anklage hatte Saladin den Job und fast auch den Verstand gekostet. Er lebt heute mit Frau und Tochter in Norddeutschland.

Die Vorgänge rund um den «Proceß», wie Saladin in Anlehnung an Franz Kafka schreibt, also seine zermürbenden und entwürdigenden Erfahrungen mit dem Justizapparat, handelt er nun in seinem Buch ab. Am 6. April hätte er es an seinem ehemaligen Arbeitsort, dem Gymnasium Rämibühl, vorstellen sollen. Diese Lesung sagte der Autor jedoch gut zehn Tage vorher ab. Er zeigte sich enttäuscht über die bisherigen Besprechungen seines Buchs in den Regionalressorts. Solange die Presse als «Sprachrohr der im Text kritisierten Machtorgane» auftrete, seien die politischen Gegebenheiten für eine Lesung in Zürich nicht passend, wie er in einem Communiqué bekannt gab.

Gegen «Grüseljournalismus»

Erst die Absage der Lesung machte den «Blick» auf das Buch aufmerksam, der in der Folge auf der Frontseite die finanzielle Unterstützung des Werks durch die Stadt Zürich zu skandalisieren versuchte: «Zürich finanziert Buch von Grüsel-Lehrer», daneben ein Bild von Saladin, sein Gesicht gut erkennbar. Wer einmal den Stempel aufgedrückt bekommen hat, wird ihn so schnell nicht wieder los.

Die Reaktionen blieben nicht aus. Der Rotpunktverlag veröffentlichte auf seiner Website eine Stellungnahme gegen die Verleumdung seines Autors. Eine Gruppe von ehemaligen RämibühlschülerInnen und KollegInnen protestierte am 11. April mit einer Performance vor dem Ringier-Gebäude gegen «Grüseljournalismus». Ein Unterstützungskomitee kündigte eine Matinee für Mitte Juni am Rämibühl an mit einer Lesung aus «Aktion S.» und anderen künstlerischen Darbietungen. Das Komitee sammelt unter dem Titel «Der Fall Daniel Saladin geht uns alle an» Unterschriften und schreibt: «Das geht alle an, die die unerlässliche Prävention von sexuellem Missbrauch durch Pädosexuelle nicht instrumentalisieren wollen für eine überhitzte Debatte in den Medien und die sich der Diffamierung jeglicher Auseinandersetzung mit Sexualität und Erotik entgegenstellen wollen.» Zu den Unterzeichnenden gehören auch die SchriftstellerInnen Ruth Schweikert und Peter Stamm.

Eine solche Diskussion hat Saladin wohl auch mit seinem Buch anstossen wollen. Es gehe ihm dabei nicht um eine Rehabilitation, vielmehr verfolge er mit dem Buch einen aufklärerischen Ansatz, wie er schreibt. Seine zentrale Aussage sei nicht etwa «Ihr jagt den Falschen», sondern vielmehr «Eure Jagd ist falsch». «Er hat etwas zu sagen, das über den lokalen Justizfall hinausgeht, etwas das von gesellschaftlicher Relevanz ist», sagt Andreas Simmen, Programmverantwortlicher des Rotpunktverlags. «Inzwischen ist dank Internet-Beiträgen und der Besprechung in der «Süddeutschen» die Rezeption insgesamt nicht mehr so enttäuschend wie anfänglich. Es zeigt sich, dass das Buch durchaus richtig verstanden werden kann – nämlich so, wie es beabsichtigt war.»

Doch Daniel Saladin macht es den LeserInnen nicht einfach. Statt der «Hetze» seiner «Jäger» mit Besonnenheit entgegenzutreten und ihnen so den Wind aus den Segeln zu nehmen, wirft er mit Taliban-, Hexenverfolgungs- und Nazivergleichen um sich, schreibt über Dschihad und Bananenrepubliken. Solche Vergleiche sind nicht nur unangebracht, sondern schlicht unnötig. Und auch Sätze über die beschränkten kognitiven Fähigkeiten von StaatsanwältInnen erleichtern es, Saladin zu diskreditieren. Hier schreibt einer, der angeschossen und zutiefst verletzt ist. Das ist verständlich, und man kann von ihm keine distanziert-reflektierten Ausführungen erwarten. Und genau deswegen hätte er dieses Buch besser nicht selbst geschrieben.

Gefährliche Bagatellisierung

Saladin bezieht sich immer wieder auf Novalis, den deutschen Dichter der Frühromantik, der mit 22 Jahren eine Beziehung mit der 12-jährigen Sophie von Kühn führte. «Der Verbindung von Novalis und Sophie von Kühn irgendetwas Ausbeuterisches zu unterstellen, wäre indes reine Ideologie», schreibt er. Der Hinterfragung von Machtverhältnissen in der Darstellung von Kunst und Literatur spricht er jegliche Berechtigung ab, sie ist für ihn gleichzusetzen mit einer allgemeinen Kriminalisierung von Kunstwerken.

Irritierend ist auch der im ganzen Buch vorhandene misogyne Unterton. So schreibt Saladin, dass es ausschliesslich Frauen in Novalis’ Umkreis gewesen seien, die sich kritisch über seine Beziehung zu Sophie von Kühn geäussert hätten: «Frauen, die sich selbst eine Chance ausgerechnet haben. Bei Stigmatisierungen ist stets Neid im Spiel.» Saladin bedient sich damit des Stereotyps der lustfeindlichen, vertrockneten Feministinnen, die auch die aus seiner Sicht unnötige, ideologisch durchsetzte Institution des Kinderschutzes besetzten. Der Dramatisierung seines Falls durch Justiz und Medien begegnet Daniel Saladin, indem er mögliche Ausbeutungsverhältnisse bagatellisiert. Dies kann gerade angesichts der kommenden Abstimmung über die «Pädophilie-Initiative» – laut Rotpunktverlag hat diese für den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buchs keine Rolle gespielt – verhängnisvoll sein.

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