Nr. 17/2014 vom 24.04.2014

Hybrides Business

Bettina Dyttrich über Fast-Gentech im Garten.

Von Bettina Dyttrich

Wenn Naturwissenschaftlerinnen, Geisteswissenschaftler und Technikerinnen miteinander reden – falls sie das überhaupt tun –, kommt es schnell zu Missverständnissen. Beim Wort «hybrid» zum Beispiel: Die Technikerin denkt an Motoren und Computer, der Geisteswissenschaftler an Vermischtes und Uneindeutiges. Die Naturwissenschaftlerin hingegen denkt an Pflanzen. Und hier fängt die Politik an. Denn je nach Überzeugung hält sie Hybriden für einen Fortschritt oder für problematisch.

Hybridsorten sind Hochleistungssorten. Man wählt Pflanzen, zum Beispiel Tomaten, mit erwünschten Eigenschaften und befruchtet sie über mehrere Generationen mit sich selbst. Dann kreuzt man zwei solcher «Inzuchtlinien». Das Ergebnis sind sehr homogene Pflanzen – alle gleich gross, alle Früchte gleich geformt. Die meisten KonsumentInnen kennen nichts anderes und wissen gar nicht, dass alte Gemüsesorten viel unterschiedlicher aussahen.

Die Krux ist: Hybridpflanzen vererben ihre Eigenschaften nicht weiter. Wer ihre Samen wieder aussät, erhält keine brauchbaren Pflanzen. Darum sind LandwirtInnen gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. Das freut die Saatgutindustrie. Bei Gemüse und Mais gibt es kaum noch etwas anderes auf dem Markt als Hybriden.

Noch extremer sind sogenannte CMS-Hybriden. Sie haben sterile Pollen, sind also gar nicht mehr fortpflanzungsfähig. Bei der CMS-Züchtung werden Zellbestandteile miteinander verschmolzen. Das gilt nicht als Gentechnik, weil der Zellkern und damit die Gene unangetastet bleiben. Aber es ist nicht mehr weit davon entfernt: Mit CMS werden Eigenschaften von Arten kombiniert, die sich sonst nicht kreuzen könnten.

Bei Broccoli und anderen Kohlsorten sind CMS-Hybriden bereits verbreitet – auch im Biolandbau. Wer einkauft, hat keine Möglichkeit, Hybridgemüse oder CMS-Gemüse zu erkennen. Der Schweizer Bioverband Bio Suisse möchte langfristig auf CMS verzichten und die biologische Züchtung fördern; die deutschen Bioverbände haben CMS-Saatgut bereits verboten. Doch die BiolandwirtInnen sind sich uneinig, denn Hybrid- und CMS-Sorten sind auch für sie praktisch – vor allem wenn sie an Grossverteiler liefern, die optisch makelloses Gemüse erwarten.

GärtnerInnen haben Alternativen: Sie können Saatgut von BiozüchterInnen verwenden. Die Sativa Rheinau zum Beispiel züchtet seit zehn Jahren neue, vermehrungsfähige Gemüsesorten. Darunter den weltweit einzigen nicht hybriden extrasüssen Zuckermais. Denn die Sativa-ZüchterInnen sind überzeugt, dass auch Pflanzen eine Würde haben, die man respektieren sollte. Wer aufmerksam in den Garten schaut, könnte zum Schluss kommen, dass da etwas dran ist.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin und empfiehlt als weiterführende Lektüre die neue Broschüre «Saatgut. Bedrohte Vielfalt im Spannungsfeld der Interessen» von Pro Specie Rara und der Erklärung von Bern.

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