Nr. 17/2014 vom 24.04.2014

Der Boden lässt sich nicht auslagern

Wird die Mindestlohninitiative am 18. Mai 2014 angenommen, beträgt der Stundenlohn für alle mindestens 22 Franken. Was bedeutet das für die Landwirtschaft mit ihren tiefen Löhnen?

Von Bettina Dyttrich (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Bio heisst Jäten statt Spritzen, Erde statt Hors-Sol, tiefere Erträge, mehr Schädlinge. Das kostet alles mehr»: In der Bioland Agrarprodukte AG in Steinmaur.

Grüne Kisten überall. In den einen Schnittsalat, in den anderen Lauch, dort fleckige Kohlköpfe, aussortiert für den Kompost. Zwei Männer und eine Frau stehen zwischen den Kisten und bündeln einen Berg Radieschen in handliche Portionen. Daneben verpacken zwei Frauen kurz geschnittene Lauchstangen in Schalen. Eine Maschine überzieht die Schalen mit Plastikfolie und etikettiert sie supermarktfertig: Migros Bio. Die Spargeln sortieren kann eine andere Maschine schon fast alleine. Hoch und hell sind die Abpackräume der Bioland Agrarprodukte AG in Steinmaur, nicht weit vom Flughafen Kloten.

Steinmaur war einmal ein Bauerndorf. Nur die Ställe, die längst anderen Zwecken dienen, erinnern noch daran. Die Bauernfamilie Müller stellte in den sechziger Jahren auf Gemüsebau um, weil sie so die Wertschöpfung ihrer fünf Hektaren Land steigern konnte. Die Söhne Stephan, Daniel und Lukas Müller bewirtschaften mit ihrer Firma heute mehr als das Zehnfache: 65 Hektaren, davon zweieinhalb Hektaren in Hochtunnels und Gewächshäusern. Darin Tomatenpflanzen in endlosen Reihen, sie blühen gerade. Lukas Müller hat sich auf Orchideen spezialisiert, Firmen können Orchideen im Abo beziehen, man kann auch in der «Eventlocation Triibhuus» zwischen Orchideen heiraten. Der Betrieb bietet ausserdem Ausbildungen und Arbeitsplätze für IV-BezügerInnen an.

«Gute Leute, ehrlich und zuverlässig»

In den neunziger Jahren, als Coop begann, auf Bioprodukte zu setzen, stellten mehrere grosse Gemüsebaubetriebe auf Bio um. Auch Müller. «Bei Coop hiess es damals: Was man in der Schweiz nicht in Bioqualität hinkriegt, importieren wir.» Also schauten Müllers, dass man es hinkriegte. Heute wachsen auf dem Betrieb über vierzig verschiedene Biogemüse. «International ist der Trend umgekehrt: Spezialisierung», sagt Müller. «Aber das fände ich langweilig.»

Bioland Agrarprodukte hat im Winter etwa 25 Angestellte, zu Spitzenzeiten bis zu 60. Von den Ungelernten stammt niemand aus der Schweiz. Früher habe man vor allem PortugiesInnen gehabt, heute seien ungarischsprachige RumänInnen die grösste Gruppe, sagt Müller. «Gute Leute, ehrlich und zuverlässig.» Wenn er mehr Leute braucht, sagt er es den Angestellten, und sie bringen Bekannte mit. Ein Vermittlungsbüro musste er noch nie in Anspruch nehmen. Einige kommen schon seit zwanzig Jahren nach Steinmaur. «Letztes Jahr haben wir ein portugiesisches Ehepaar nach 38 Jahren verabschiedet.»

Niedriglohn-Enklaven

Die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt fünfzig Stunden. So steht es im «Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel». Der Name sagt es: Für die Landwirtschaft gilt dieses Gesetz nicht. Dort arbeiten schon Lehrlinge 55 Stunden. Es gibt keinen Gesamtarbeitsvertrag, sondern 26 kantonale Normalarbeitsverträge (NAV). Die meisten Kantone orientieren sich an den Richtlöhnen, die die Arbeitsgemeinschaft der Berufsverbände landwirtschaftlicher Angestellter mit dem Bauernverband und dem Bäuerinnen- und Landfrauenverband aushandelt. Der Minimallohn für ungelernte Angestellte liegt bei nur gerade 3200 Franken brutto, das ergibt einen Stundenlohn von unter 14 Franken. Vom Monatslohn können 990 Franken für Kost und Logis abgezogen werden. «Generell kann man Leute auch zu tieferen Löhnen anstellen, wenn sie das unterschreiben», sagt Philippe Sauvin von der kleinen Westschweizer Gewerkschaft L’autre syndicat, die auch LandarbeiterInnen vertritt. Die weitaus besten Bedingungen herrschen in Genf mit 45 Wochenstunden bei 3300 Franken, die schlechtesten in Glarus, wo im Sommerhalbjahr bis 66 Stunden zugelassen sind.

Nur zwanzig Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in der Schweiz beschäftigen regelmässig Angestellte. Familienbetriebe, heute de facto oft Einmannbetriebe, sind im Ackerbau und in der Viehwirtschaft die Regel. Anders sieht es im Obst-, Gemüse- und Weinbau aus, wo immer noch viel Handarbeit anfällt. Ungelernte SchweizerInnen gebe es im Gemüsebau nicht, sagt Stephan Müller. Dazu seien die Arbeitszeiten zu lang, die Arbeit bei Wind und Wetter zu streng. «Und für einen Schweizer, der hier für seine Familie sorgen muss, ist der Lohn schon knapp.» Für Polen und Rumäninnen sei es dagegen viel Geld. «Alle haben daheim eigene Häuser.»

Industriezweige mit ähnlich tiefen Löhnen wären längst ausgelagert. Doch der Gemüsebau ist an den Ort gebunden und hat damit ein ähnliches Problem wie etwa die 24-Stunden-Pflege in Privathaushalten: Die Arbeit fällt weiterhin in der Schweiz an, ist aber so schlecht bezahlt, dass sich keine SchweizerInnen mehr dafür finden. Die möglichen Alternativen – alle SeniorInnen nach Thailand schicken, alles Gemüse importieren – helfen nicht weiter. Der französische marxistische Anthropologe Emmanuel Terray nennt es «délocalisation sur place»: Wo die Arbeit nicht ausgelagert werden kann, werden Arbeitskräfte importiert. So entstehen Niedriglohn-Enklaven im Hochlohnland.

Die Mindestlohninitiative der Gewerkschaften möchte das ändern. Bei den in der Landwirtschaft üblichen Arbeitszeiten würde der geforderte Stundenlohn von 22 Franken für Ungelernte einen Monatslohn von rund 5260 Franken ausmachen – über sechzig Prozent mehr als heute und mehr als der heute übliche Anfangslohn für ausgebildete GemüsegärtnerInnen.

Bio ist teurer

Stephan Müller ist auch Präsident der Fachkommission Gemüse bei Bio Suisse, dem Biobranchenverband. Bio Suisse hat Stimmfreigabe zur Mindestlohninitiative beschlossen. «Natürlich wollen wir, dass die Löhne besser werden», stellt Müller klar. Trotzdem wird er Nein stimmen: «Wenn die Mindestlohninitiative angenommen wird, müssen wir als Erstes überlegen, welche Leute wir entlassen.» Die Lohnkosten machten heute schon 45 bis 48 Prozent der Gesamtkosten aus, mehr liege nicht drin.

Besonders die Biobetriebe wären die Leidtragenden der Initiative, sagt Stephan Müller: «Bio heisst Jäten statt Spritzen, Erde statt Hors-Sol, tiefere Erträge, mehr Schädlinge. Das kostet alles mehr.» Auch die Vielfalt wäre bedroht: «Vieles, was wir mit grossem Aufwand propagieren, würde verloren gehen: die Saisonalität, die alten Sorten. Man würde auf weniger verschiedene Kulturen und auf Automatisierung setzen. In Holland forschen sie schon an Gurkenernterobotern.»

Mehr Importe – das wäre die Konsequenz, ist Müller überzeugt. «Im EU-Raum gibt es Stundenlöhne ab 3,50 Euro, in den nordafrikanischen Ländern, die einen Teil der Ernte zollfrei nach Europa exportieren dürfen, 30 Euro im Monat. Haben Sie die Bilder der Plastikmeere in Südspanien gesehen? Das ist keine Landschaft mehr, das ist nur noch daneben.»

Auch die Arbeitsgemeinschaft der Berufsverbände landwirtschaftlicher Angestellter (ABLA) hat Stimmfreigabe zur Initiative beschlossen. «Eine solche Lohnerhöhung ist illusorisch», sagt ABLA-Sekretärin Mara Simonetta. «Die Bauern würden sie nicht verkraften.» Es sei schon schwierig genug gewesen, die Erhöhung des minimalen Richtlohns von 3170 auf 3200 Franken durchzubringen. Wichtigstes Ziel sei es nun, die Arbeitszeit zu senken. 49,5 Stunden in der Woche seien genug.

Kämpferischer ist Philippe Sauvin von L’autre syndicat. Er befürwortet die Mindestlohninitiative. «Wenn sie durchkommt, stellt sie die Landwirtschaft vor Probleme. Aber es braucht diesen Druck: Die Landwirte haben null Anstrengungen unternommen, etwas zu verbessern.» Man könnte einen Teil der Direktzahlungen oder der Zolleinnahmen für bessere Löhne der landwirtschaftlichen Angestellten einsetzen, schlägt Sauvin vor.

Linker Widerspruch

Einen anderen Weg geht die Gemüsegenossenschaft Ortoloco in Dietikon im Zürcher Limmattal. Sie baut auf 1,4 Hektaren Gemüse im Abosystem für rund 220 Haushalte an. Jede Woche können die GenossenschafterInnen ihre Gemüsetasche in einem Zürcher Quartierdepot abholen. Drei ausgebildete GemüsegärtnerInnen teilen sich 150 Stellenprozente.

Hilfskräfte gibt es keine – das Jäten, Abpacken und Ausliefern übernehmen die GenossenschafterInnen in Freiwilligenarbeit. «Was wir machen, ist weder Hobby noch Lohnarbeit», sagt Lea Egloff, «es ist ein gesellschaftliches Engagement.» Egloff gehört zur Betriebsgruppe, die sich um Buchhaltung, Sitzungen oder die Planung der Arbeitseinsätze kümmert. Zwei Drittel der Arbeit wird bei Ortoloco unbezahlt geleistet. Dafür bekommen die GenossenschafterInnen einen Bezug zu ihrem Essen, ein Mitbestimmungsrecht über den Betrieb, Freundschaften und Feste, und sie können den Angestellten 24.50 Franken pro Stunde auszahlen. «Ernährung ist etwas Grundlegendes wie Care-Arbeit», sagt Lea Egloff. «Wir sollten beides nicht dem freien Markt überlassen.» Doch Initiativen wie Ortoloco erreichen nur einen kleinen Teil der KonsumentInnen – bis jetzt zumindest.

Viele Linke fordern hohe Löhne und tiefe Lebensmittelpreise. Dass das widersprüchlich ist, geht heute, wo nur noch ein winziger Teil der Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeitet, oft unter. Doch dass Löhne und Preise verknüpft sind, sieht man anschaulich in Deutschland, wo ein ruinöser Wettlauf nach unten im Gang ist. Auch dabei spielt das Essen eine Rolle: In Berlin, so erzählte kürzlich eine Gewerkschafterin, überlebt am Ende jene Kinderkrippe, die den Kindern die billigsten Mahlzeiten vorsetzt.

«Wir haben das Essen so billig, so nebensächlich gemacht», sagt Stephan Müller. «Wir haben keinen Respekt mehr für die Leute, die täglich dafür in die Hosen steigen.» Höhere Lebensmittelpreise fordert auch Gewerkschafter Philippe Sauvin. Statt eine heile Welt solle die Landwirtschaftswerbung die ArbeiterInnen in den Vordergrund stellen. «Mit der Botschaft: Diese Leute arbeiten hart und viel. Darum haben ihre Produkte auch einen angemessenen Preis verdient.»

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