Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Ist das Wilde interessanter?

Von Bettina Dyttrich

Wer die Natur beobachten will, dabei aber nur auf Bildschirme starrt, kommt nicht weit. So wirkt es etwas widersprüchlich, wenn der Haupt-Verlag seine Reihe «Natur erleben – beobachten – verstehen» damit anpreist, dass es Apps und eine Website dazu gibt. Aber gut, für die Vertiefung kann die übersichtliche Website ganz nützlich sein. Zum Beispiel, um einen Kurzfilm über die «Drohnenschlacht», das Verstossen der männlichen Bienen aus dem Stock, anzuschauen oder zu hören, wie eine Wachtel klingt. Hauptsache, man geht trotzdem noch raus.

«Auf dem Bauernhof» ist bereits der achte Band der Reihe. Anschaulich geschriebene Texte regen an, Vögel im Obstgarten, Bienen oder Igel zu beobachten, und erklären, warum sich Früchte bei der Reife verfärben oder wie sich das Ei zum Huhn entwickelt. Der Autor und Biologe Andreas Jaun hat auch Augen für Unscheinbares wie das spannende Sozialverhalten von Spatzen. Und er schreckt auch nicht davor zurück, das Leben im Kuhfladen oder die Entwicklung der Blattläuse zu verfolgen, die ihre Männchen nach der Fortpflanzung nicht verstossen, weil sie gar keine brauchen: Sie machen es mit Jungfernzeugung.

Aber um den Bauernhof selbst geht es hier gar nicht so oft. Der Fokus des Autors liegt auf Wildtieren, nicht wenige Texte hätten genauso gut in den früheren Band «Auf der Wiese» gepasst. Die Beiträge zu Nutztieren beschränken sich auf Rind, Huhn und Biene, von Nutzpflanzen ist noch weniger zu erfahren. Vieles, was sich in einem Buch mit diesem Titel aufgedrängt hätte, fehlt völlig: alte und neue Tierrassen und Nutzpflanzensorten, die Bestimmung verschiedener Getreide, die Verhaltensunterschiede zwischen Milch- und Mutterkühen oder der Einfluss der Düngung auf die Pflanzenbestände einer Wiese. Das ist schade, denn gerade in diesen Bereichen gäbe es heute, wo nur noch wenige Stadtmenschen Verwandte auf dem Bauernhof haben, viel zu erklären.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch