Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Die Wissenschaft der Leidenschaft

Pedro Lenz über ein vielseitiges Fussballbuch

Von Pedro Lenz

Fussball ist ein einfaches Spiel. Das wissen wir. Und wir wissen auch, dass es keine besondere Bildung braucht, um sich am Fussball erfreuen zu können. Dass man gleichwohl intelligent, lehrreich und dabei immer kurzweilig über Fussball schreiben kann, das beweist der Österreicher Klaus Zeyringer mit seinem jüngst erschienenen Buch «Fussball. Eine Kulturgeschichte».

Zeyringer ist Germanistikprofessor und Literaturkritiker. Aber er ist auch ein leidenschaftlicher Fussballanhänger und ein akribischer Forscher. Sein neustes Buch beginnt bei den Anfängen des Fussballs in den Eliteschulen Englands und führt uns auf eine Zeitreise über den Stalinismus, den Spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit, den Aufbruch in den sechziger Jahren bis zur Globalisierung und totalen Vermarktung der Gegenwart.

Während Fussballbücher normalerweise Biografien einzelner Stars oder die Geschichte punktueller Ereignisse zum Inhalt haben, so ist «Fussball. Eine Kulturgeschichte» ein ausgesprochen breit gefasstes Lesebuch, das uns über alle Epochen und Kontinente informiert. Dabei braucht es weder ein vertieftes Fachwissen noch eine besondere Fussballaffinität, um sich von diesem Buch einnehmen zu lassen. Klaus Zeyringer versteht es nämlich, trotz wissenschaftlicher Exaktheit so zu schreiben, dass wir uns von der ersten Seite an packen und verführen lassen. Dabei lernen wir wie nebenbei, dass etwa der Komponist Dmitri Schostakowitsch in einem Notizheft alle Torschützen seiner Lieblingsmannschaft Stalinez Leningrad aufführte. Hierfür musste sich Schostakowitsch auf inoffiziellen Wegen kundig machen, denn die Torschützen wurden damals in der Sowjetpresse nicht namentlich erwähnt, weil alles ein Sieg des Kollektivs sein musste. Wir lernen ausserdem, dass Österreich im Jahr 1924 das erste Land auf dem europäischen Kontinent war, das den Berufsfussball einführte, oder dass das unvergessene Trauma der brasilianischen Fussballgeschichte, die überraschende Heimniederlage an der WM 1950 im Maracanã gegen Uruguay, den drei einzigen farbigen Spielern der Brasilianer angelastet wurde.

Es sind Hunderte solcher Informationen, die uns Zeyringer in unaufdringlicher, flüssiger Sprache nahebringt. Wie nebenbei lernen wir auch Fussballliteratur aus der ganzen Welt kennen. Wir erfahren, wie eng verknüpft der Fussball mit den soziologischen Phänomenen seiner Zeit ist. Wir lesen über die Anfänge und die Entwicklung des Frauenfussballs. Und wir können mit jeder Seite eintauchen in eine Welt, die auch dann mit uns zu tun hat, wenn wir uns kaum oder gar nicht für Fussball interessieren.

Selbst wer meint, schon genügend Fussballbücher gelesen zu haben und beinahe alles über diesen Sport zu wissen, wird in «Fussball. Eine Kulturgeschichte» eines Besseren belehrt. Zeyringer will nicht aus einer akademischen Warte auf den Fussball herunterschauen – ganz im Gegenteil: Er zeigt auf, wie der Fussball seine Erfolgsreise von einem engen akademischen Zirkel zum populären Massenphänomen angetreten hat.

Allein das umfangreiche Namensregister, in dem etwa der Philosoph René Descartes auf den Fussballer Marcel Desailly, Tito auf Hans Tilkowski oder die Brasilien-Legende Zico auf den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan folgt, ist die Lektüre wert.

Wenn jetzt bald wieder eine Fussballweltmeisterschaft losgeht, werden wir, wie immer in WM-Jahren, in den einschlägigen Fussballbars den Gelegenheitsfans die umständlichsten Fragen zum Fussball beantworten müssen. Aber in diesem Sommer brauchen wir uns nicht darüber aufzuregen. Wir können alle noch so anstrengenden Fragen mit einem einzigen Satz beantworten: «Grundregel Nummer eins: Lies ‹Fussball. Eine Kulturgeschichte› von Klaus Zeyringer, und frag erst wieder, wenn du es gelesen hast.»

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Wenn er nicht gerade Fussballspiele schaut oder Auftragstexte verfasst, liest er mit Vorliebe lehrreiche und unterhaltsame Bücher.

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