Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Soljanka mit viel Luftzug

In Jaroslav Rudiš’ viertem Roman köchelt zu viel auf zu kleiner Flamme.

Von Lennart Laberenz

Witze mit falschen Präpositionen können lustig sein. Oder hüftsteif. In Jaroslav Rudiš’ neuem Roman «Vom Ende des Punks in Helsinki» geht es nicht um Finnlands Kapitale, sondern um eine Bar mit diesem Namen, die in einer ostdeutschen «Stadt der Schatten» liegt. Im «Helsinki» arbeitet Ole, und recht steif geht es auch weiter: Rudiš’ Roman nimmt viele Dinge auf und versucht, sie miteinander zu verschränken: Midlife-Crisis, Punkrock, ein bisschen Gentrifizierungskritik und eine alte Liebesgeschichte in der Tschechoslowakei.

Zunächst aber geht es dem «Helsinki» nicht gut, wegen wuchernder Baustellen ist es einsturzgefährdet, Trantüte Ole muss bald schliessen. Bis dahin serviert er Gästen, die im weiteren Romanverlauf keine Rolle mehr spielen, aber noch ausgiebig Soljanka. Ole selbst ist auch nicht gut drauf, er hat den Frauen abgeschworen und kommt zum Schluss: «Luftzug ist echt scheisse, wenn man auf die vierzig zugeht.»

Eine weitere Ebene, der etwas Luftzug gut getan hätte, spielt in der Vergangenheit – es geht um das erste Ostkonzert der Toten Hosen im tschechoslowakischen Pilsen 1987, Ole trifft Nancy, es ist Liebe. Doch Nancy stirbt beim improvisierten Fluchtversuch. Nachdem das «Helsinki» keine Zukunft mehr hat, macht sich Ole auf in die Landschaft seiner Jugend. Er will noch einmal dem Mann ins Gesicht sehen, der sie damals verriet und für Nancys Tod verantwortlich ist. Eine Art Traumatherapie.

Das Konstrukt könnte aus der Ödnis öffentlich-rechtlicher Fernsehspiele stammen, was für den Drehbuchautor Rudiš durchaus naheläge. Doch auch als Roman scheitert es – schlapp in der Gegenwart und voll langweiliger Alkoholdüsternis in der Vergangenheit: «Eine verfickte Zeit», fällt Ole dazu ein.

Vor allem aber nervt Rudiš’ verpatzte, mutlose Sprache: Der auktoriale Erzähler kommentiert, erklärt und zerschwatzt die Dinge. Indirekte Rede wechselt ständig mit erlebter, Dialoge strecken sich, alles wird kräftig ausgestellt. Besonders fragwürdig wird es, wenn uns die sechzehnjährige Nancy per Tagebuch zugeschaltet wird. Was sich hier als Jugendsprache der achtziger Jahre geriert, wirft ernsthafte Fragen ans Lektorat auf. An einer Stelle notiert Nancy, dass ihr Tagebuch nun aber geheim sei. Etwas später kommt sie auf die Idee, dass so etwas ins Tagebuch zu schreiben Unsinn sei. Ihr Ende, das dramatisch wirken sollte, ist eine Befreiung: Nach ihrem Tod wird es endlich still.

Der Autor liest am Freitag, 30. Mai 2014, um 17 Uhr in Solothurn.

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