Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Sich selbst über die Schulter blicken

Fast zwanzig Jahre hat Rolf Niederhauser an seinem neuen Roman «Seltsame Schleife» gearbeitet, ein Möbiusband, wie er sagt. Sein Lektor Christoph Kuhn misst mit ihm noch einmal die Strecke aus, die er dabei hinter sich gebracht hat.

Interview: Christoph Kuhn

Illustration: Franziska Meyer

Christoph Kuhn: Rolf, um die Frage dieser Literaturbeilage aufzunehmen – Wer spricht? –, interessiert mich zunächst: Wer ist das oder wer ist das geworden, der vor zwanzig Jahren einen Roman zu schreiben begonnen und ihn erst jetzt beendet hat? Der hat sich doch verändert?
Rolf Niederhauser: Ja, wobei sich in dieser Zeit vor allem die Welt enorm verändert hat. Computerisierung, Globalisierung: Ich war nicht der Einzige, der an der Schwelle des 21. Jahrhunderts lernen musste, viele Dinge von Grund auf neu zu sehen. Dabei half mir, dass mich Mitte der neunziger Jahre ein absolut neues Forschungsgebiet zu fesseln begann: der Versuch, auf der Basis von Computertechnologie «lebensähnliche Vorgänge» zu simulieren, die Intelligenz von Lebewesen «Bottom-up» zu rekonstruieren.

Viele Ergebnisse dieser bahnbrechenden Technologie gehören mittlerweile zum Alltag, doch für mich verbanden sich damit Fragen nach der Natur unseres Bewusstseins, die ich einst als Achtzehnjähriger gestellt und dann wieder vergessen hatte. Diese Fragen führten mich immer tiefer in das Gebiet einer wissenschaftlichen Grundlagenforschung, während ich parallel dazu oft in Südamerika war, wo mich das exakte Gegenteil mindestens ebenso sehr faszinierte: nicht «artificial life», sondern das sinnliche Leben mit all seinen Widersprüchen. Irgendwann begann ich, eine Romanfigur zu entwerfen, die sich im Spannungsfeld dieser Extreme zurechtfinden muss. Ich skizzierte relativ unbeschwert eine Ausgangssituation, aber dann wurden immer eingehendere Recherchen nötig. Darüber vergingen Jahre, während deren sich die Welt verändert hat und meine Arbeit mich.

Aber wie bekommt dein Held oder besser Antiheld das zu spüren, er, der immer 32 Jahre alt bleibt? Wie wirkte sich die Zeit auf Stil, Inhalt, Absichten des Romans aus?
Als ich anfing, die Geschichte des Mathematikers Pit Dörflinger zu schreiben, war dieser dreizehn Jahre jünger als ich. Er stand an einem kritischen Punkt seines Lebens, der ihn zu erzählen zwang, was ihm in den letzten drei Monaten zugestossen war, und an eben diesem Punkt musste er all die Jahre verharren, um sich über fundamentale Dinge klar zu werden, während ich fünfzehn Jahre älter wurde und heute fast doppelt so alt bin wie er. Aber vielleicht kann man sagen: Dörflinger ist die Konstante, die aus all den Gleichungen und Gleichnissen hervorgegangen ist, die mir die Welt in dieser Zeit präsentierte.

Warum hat die Arbeit an der «Seltsamen Schleife» so lange gedauert?
Das Ziel zu erreichen, das mich lockte, nämlich im Jargon dieser Artificial-Life-Technologie eine Lebensgeschichte zu erzählen, erwies sich als anspruchsvoll. Mein Dörflinger ist aus der Bahn geraten, es verschlägt ihn äusserlich nach Kolumbien und innerlich tief in die Kindheit zurück. Aber wenn er über sich und sein Leben nachdenkt, kann er das nur in der Sprache und den Denkmustern tun, die er gewohnt ist. Was mich daran interessierte: Wenn Biologen, Mathematiker, Informatiker mittels Programmiersprachen lebensähnliche Vorgänge simulieren, tun sie doch, was Literatur seit 2000 Jahren macht: Sie simuliert imaginäres Leben in den Köpfen der Lesenden. Computer sind lesende Maschinen. Dieses metaphorisch-technologische Spannungsfeld faszinierte mich.

Aber ich musste mich durch die Metaphern hindurch in kleinste Details vertiefen – zum Beispiel: Was heisst es ganz technisch-praktisch, wenn ein informationsgesteuertes System, ein Roboter, unmittelbar mit der Umwelt interagiert, und wie denkt ein Mensch, der an der Entwicklung solcher Systeme arbeitet, über diese Mechanismen nach? Dazu musste ich nicht nur dieses Forschungsfeld erkunden, die daran arbeitenden Menschen und ihr Denken kennenlernen, sondern mich auch in die philosophischen Voraussetzungen dieses Denkens vertiefen.

Lässt sich das Vergehen von so viel Lebens- und Schreibzeit auch am Roman ablesen?
Am besten vielleicht an einem unscheinbaren Detail: Zu Beginn des Romans fährt Dörflinger von Boston nach Texas über die New Yorker Verrazano Bridge und sieht das damalige Wahrzeichen: die Twin Towers. Ich schrieb diesen Romanauftakt in New York und musste die Arbeit dann einige Jahre liegen lassen. 2001 wurden die Twin Towers in Schutt und Asche gelegt. Das veränderte die Welt so radikal, dass die kleine Sequenz eine immense Bedeutung bekam: Ich hatte mit einem Science-Fiction-Thema begonnen und schrieb plötzlich an einem historischen Roman!

Aber auch andere Anlässe zwangen mich, hie und da über die Bücher zu gehen. Unter anderem publizierte ich einige Artikel zu meinem Thema, womit ich nicht der Einzige war. Nach und nach erfuhr die Öffentlichkeit einiges über künstliche Intelligenz, autonome Roboter, neuronale Netzwerke. Somit konnte ich bei den Lesern mehr voraussetzen und musste Passagen, in denen Dörflinger von seiner Arbeit berichtet, mehrmals überarbeiten. Das half mir allerdings auch, die Dinge noch genauer zu verstehen. Trotzdem gibt es einiges, was man heute anders formulieren würde, was ich aber so lassen muss, weil der Roman 1997 spielt.

Das bezieht sich jetzt auf Dörflingers Geschichte in den USA. Wie steht es mit dem grossen Teil des Romans, der in Lateinamerika spielt?
Auch Kolumbien hat sich seit den späten neunziger Jahren enorm verändert. Ich war mehrmals dort, aber jedes Mal in einem anderen Land. Und der Roman beginnt ja in der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura, wo Dörflinger unter etwas mysteriösen Umständen landet und anfängt, seine Geschichte in sein Notebook zu tippen. Als ich zum ersten Mal in Buenaventura war, wusste ich noch nichts von diesem Roman, und als ich fünf Jahre später dorthin zurückkam, war es ziemlich schwierig zu rekonstruieren, wie Dörflinger die Stadt wohl erlebte.

Aber auch ich bin hoffentlich in all den Jahren nicht derselbe geblieben. Und damit verschärfte sich das Problem: Wie kann ich den Erzählton, den ich auf den ersten Seiten angeschlagen habe und in dem Dörflinger die Dinge aus seiner Perspektive schildert, über so lange Zeit aufrechterhalten? Er reist ja sozusagen auf seinen eigenen Spuren nochmals durch das Land. Und während er seine Geschichte aufschreibt, vergehen für ihn drei Wochen – für mich aber wurden es fünfzehn Jahre!

Die Frage «Wer spricht?» kompliziert sich, wenn wir sie ins Innere des Texts verlegen. Da spricht der Autor durch eine Reihe von Figuren. Was bedeuten sie für dich?
Dörflinger war mir zunächst ja in vielerlei Hinsicht fremd. Sein Arbeitsumfeld kenne ich nur oberflächlich, sein privates Umfeld ist ziemlich frei erfunden. Um diesen Menschen nun von innen her zu beschreiben, konfrontiere ich ihn mit anderen Figuren. In den USA hat er seit Jahren eine Freundin, aber statt mit ihren Eltern zur Weihnachtsfeier nach Texas zu fahren, besucht er einen alten Freund in Mexiko und landet schliesslich in Kolumbien, wo er sich in eine andere Frau verliebt. Durch sie lernt er völlig neue Lebenswelten kennen. Um erzählen zu können, wie Dörflinger all diese Menschen erlebt, muss ich ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie ihn sehen. Ich muss mich in sie hineinversetzen und bin in ihnen ebenso präsent wie in ihm. Ich muss dauernd diesen Perspektivenwechsel vollziehen. Und wenn er dann erlebt, wie andere ihn vielleicht nicht verstehen oder missverstehen, realisiere ich, was ich selbst an ihm nicht verstehe, wo er sich vielleicht selber missversteht.

Es geht um das Urproblem des Sichverstehens? Um das Wesen von Bewusstsein?
Genau. In Kolumbien begegnet Dörflinger nämlich einer Statue, einer präkolumbianischen Figur, die El Doble Yo heisst, doppeltes Ich, weil sie einen Menschen darstellt, dem eine Tiergestalt im Nacken sitzt: der Geist des Clans. Und Dörflinger entwickelt nun die Theorie, dass Bewusstsein in dieser Fähigkeit wurzelt, sich selbst über die Schulter zu blicken. Das ist aber genau das, was ich als Schriftsteller tue, wenn ich einen Ich-Erzähler mit anderen Figuren konfrontiere. Indem ich ihn diese anderen beschreiben lasse, beschreibt er indirekt auch, wie diese ihn sehen. Aus diesem Wechselspiel versuche ich herauszuhören, was mich eigentlich an der Sache fasziniert, über die sich meine Figuren unterhalten. Und ich hoffe, dass mit der Zeit diese Sache selbst zu sprechen beginnt. In diesem Fall ist die Sache das Spannungsfeld zwischen zwei gegensätzlichen Programmen, die unser Leben in den letzten zwanzig Jahren fundamental bestimmt und letztlich die Geschichte der Moderne seit dem 17. Jahrhundert geprägt haben: das digitale und das politische Programm. Ich habe Dörflinger diesem Spannungsfeld ausgesetzt, um schreibend zu erfahren, was das in mir bewirkt.

Diesen Dörflinger nehmen wir mehrfach wahr: als einen, der via Notebook direkt zu uns spricht, als einen, der von aussen beschrieben wird, und schliesslich als einen, den eine Wir-Instanz aufzuspüren versucht. Was heisst das für die Identität deines Protagonisten?
Während er seine Geschichte erzählt, sehen wir ihn immer wieder auch von aussen und werden dabei selber zu einer Romanfigur: «Wir» begleiten ihn bei seiner Selbstsuche, blicken ihm über die Schulter und wechseln dabei ständig vom Innen – Dörflingers Erinnerungen und Reflexionen – zum Aussen seiner Erzählgegenwart. Die Frage, wer Dörflinger ist, wird zur Frage nach diesem «wir». Daher auch der Titel des Romans. Die «Seltsame Schleife» ist ein Möbiusband, eine geometrische Figur, bei der ja auch eine scheinbare Aussenseite parallel zu einer Innenseite verläuft, obschon die eine letztlich in die andere übergeht. Genau so verläuft auch Dörflingers Trip: Er ist innerlich von Boston nach Buenaventura unterwegs, während er äusserlich von Buenaventura nach Boston reist, wobei er sich an beiden Destinationen im Ungewissen verliert.

Nach langem Schweigen

«Freiräume sind Spielräume, sie sind auf Naivität angewiesen. Aber Freiräume sind nicht Räume im Freien. Sie setzen voraus, dass es andere Räume gibt, besetzte Räume, Zwangsräume, und das sind die meisten. In diesen Zwangsräumen sind die Freiräume selber gefangen», schrieb Rolf Niederhauser 1984. Von den Zwangsräumen in der Schweizer Gesellschaft, in denen auch kleine Freiräume erkämpft werden können, hat Niederhauser in seinen Romanen und Stücken berichtet. Anfang der neunziger Jahre wurde es dann still um ihn, einer seiner letzten Texte damals hiess bezeichnenderweise «Requiem für eine Revolution».

Mit seinem neuen Roman «Seltsame Schleife» meldet sich der 1951 in Zürich geborene und in der Nähe von Solothurn aufgewachsene Autor zurück. Er handelt von dem Mathematiker Pit Dörflinger, der glaubt, dass sich alle Phänomene des Lebens als Ergebnis der Interaktion von sogenannten Zellulärautomaten verstehen und simulieren lassen: von der Zellteilung über das Verhalten von Insekten und die soziale Organisation höherer Tiere bis hin zum menschlichen Bewusstsein. Dörflinger arbeitet am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge in einem Projekt, das auf dieser Basis einen humanoiden Roboter konstruiert. Aber auch in den Slums von Medellín und im kolumbianischen Dschungel, wohin ihn eine abenteuerliche Reise verschlägt, sieht er lauter «Komplexe Adaptive Systeme» am Werk – bis ihn eine Liebesgeschichte mit einer ungeklärten Frage aus seiner frühen Kindheit konfrontiert und ihn die Einsicht, dass das Leben nicht nur komplex, sondern unendlich komplex ist, an den Rand eines Abgrunds treibt.

Mit seinem Lektor Christoph Kuhn, ehemals Kulturredaktor und Lateinamerika-Korrespondent, spricht Rolf Niederhauser hier über die Gründe seines langen Schweigens und über die Entstehung des neuen Romans. Das Werkstattgespräch spiegelt nicht nur die Arbeit am Text und die Zwiesprache des Autors mit seinen Figuren, sondern auch die miteinander vertrauten Stimmen von Autor und Lektor, die in glücklichen Fällen auch in den Produktionsprozess eingehen.

Ulrike Baureithel

Rolf Niederhauser liest am Freitag, 30. Mai 2014, 
um 20.30 Uhr in Solothurn.

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