Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

Der rote Faden der Sozialdemokratie

Die SP Schweiz hat letztes Jahr ihren 125. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass ist ein dickes Buch erschienen, das die Geschichte der Partei präsentieren will. Das Vorhaben ist nur halbwegs geglückt.

Von Roman Schürmann

Zürch, Generalstreik 1912: SP-Nationalrat Johannes Sigg spricht vom Balkon des Volkshauses aus.

Das Buch mit dem etwas sperrigen Titel «Einig – aber nicht einheitlich» ist sehr ambitioniert. Es will eine «Gesamtschau» der Schweizer Sozialdemokratie bieten, von der Parteigründung 1888 bis zum 125. Geburtstag der SP Schweiz vor einem Jahr.

Ein Abriss der wichtigsten Ereignisse der SP-Geschichte, der «Rote Faden», stammt vom Rechtshistoriker Nicola Behrens und kommt etwas holprig daher. Unterbrochen wird er immer wieder von kürzeren Texten diverser AutorInnen zu ausgewählten Stichwörtern, Personen und kantonalen Sektionen. Der grosse, dicke, quadratische Band ist üppig illustriert und brav gestaltet. Er entstand im Auftrag der SP, die Herausgeberin war aber redaktionell unabhängig.

Abgeschlossen wird das Werk mit einem Lexikon, das gemäss Nachwort des Hauptherausgebers François G. Baer von WOZ-Redaktor Stefan Howald mit «editorischer Sorgfalt» erstellt worden sei. Das stimmt. Der Hinweis deutet aber auch auf das grosse Problem dieses Buchs hin: Die Sorgfalt ist längst nicht überall spürbar, Qualität und Gebrauchswert der Texte sind sehr uneinheitlich. Herausgekommen ist so ein durchaus unterhaltsames Sammelsurium, das die Leserin wohl eher überfliegt als intensiv studiert. Mit einem etwas bescheideneren Programm hätte der zweifelsohne grosse Aufwand wohl zu einem dünneren Buch und einem besseren Ergebnis geführt.

Nicht benutzerInnenfreundlich

Schmerzlich vermisst wird eine Einleitung. Das anspruchsvolle Konzept dieser SP-Geschichte muss sich der Leser mühsam selbst erschliessen. Er blättert durch ein unübersichtliches Inhaltsverzeichnis, merkt dann kaum, dass die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss ein Vorwort verfasst hat; unter anderem auch, weil er bereits auf den ersten von allzu vielen Flüchtigkeitsfehlern stösst: Das Vorwort läuft zunächst noch unter dem Seitenvermerk «Inhaltsverzeichnis». Und dann findet er sich völlig unvermittelt im 19. Jahrhundert wieder, der «Rote Faden» beginnt – aber das kann der Leser nicht wissen, denn dieser Begriff taucht nur im Nachwort und im Impressum auf.

Auch der Entscheid, diesen «Roten Faden» zweisprachig – auf Französisch (untere Hälfte) und Deutsch (obere Hälfte) – einzurücken, während die übrigen Artikel jeweils bloss mit knappen Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache versehen sind, ist unglücklich. Wer den ersten Abschnitt des «Roten Fadens» bewältigt hat, stösst – wieder ohne Ankündigung – auf den Artikel «Les multiples expériences et influences du Parti socialiste neuchâtelois (PSN)». BenutzerInnenfreundlich ist das nicht.

Einige dieser kürzeren Zwischentexte sind sehr gelungen – etwa «Che Guevara in Herisau» über den Austritt der Kantonalsektion Appenzell Ausserrhoden aus der SPS im Jahr 1944, verschiedene Texte zum Frauenstimmrecht und zur Wirtschaftsdemokratie wie auch der Beitrag über den Weg der SP von der Befürworterin zur Gegnerin der Atomenergie (am Parteitag 1957 sagte Nationalrat Fritz Giovanoli: «Ohne die Erzeugung von Atomenergie würde unser Volk bald seinen Lebensstandard senken müssen»). Problematisch ist hingegen der Beitrag zur sicherheitspolitischen Debatte innerhalb der Partei seit 1989: Die ehemalige Nationalrätin Barbara Haering vertritt dabei eine klar nicht pazifistische Position, die ohne Gegenstimme bleibt. Dass im aktuellen Parteiprogramm von 2010 nach wie vor die Abschaffung der Armee gefordert wird (wie in der nützlichen, dem Buch beigelegten Übersicht über alle Parteiprogramme seit 1888 nachzulesen ist), ignoriert sie.

Die Armeefrage

Eigenartig ist zudem, dass bei Haering, aber auch im «Roten Faden» die Armeeabschaffungsinitiative, über die am 26. November 1989 (und nicht 1998, wie es im Buch einmal heisst) abgestimmt wurde, zwar kurz erwähnt, jedoch nicht auf deren Bedeutung für die Partei eingegangen wird. Denn diese tat sich schwer damit, die Parolenfassung war eine Zerreissprobe. Das deutete sich bereits 1982 an, als sich die Gruppe von JungsozialistInnen, die den Anstoss zur Initiative gegeben hatte, ausserhalb der Parteistrukturen als Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) konstituierte. Parteipräsident Helmut Hubacher sagte damals: «Diese Initiative wird eben gerade das offene Gespräch nicht ermöglichen, weil sie das wegen ihrer Radikalität gar nicht zulässt.» Anders als viele SP-PolitikerInnen, die sich gegen die Initiative stellten, forderten zahlreiche einfache Parteimitglieder die Ja-Parole. Es wurde heftig debattiert, die Medien diagnostizierten eine veritable Krise in der Partei, bürgerliche Politiker stellten die SP-Beteiligung im Bundesrat infrage. An einem ausserordentlichen Parteitag im Mai 1989 stimmten zunächst in einer Eventualabstimmung über siebzig Prozent der Delegierten für ein Ja, danach beschlossen sie aber aus taktischen Gründen Stimmfreigabe. Die SP liess sich nicht spalten, Hubacher bezeichnete die Stimmfreigabe im Juni 1989 als «ein Votum gegen die Armee und für die Partei und dafür, dass man die andere Meinung toleriert».

Doch davon ist im SP-Jubiläumsbuch nichts zu lesen. Eine Auslassung, die umso sonderbarer wirkt, als im nachfolgenden Abschnitt des «Roten Fadens» unnötig ausführlich über Bundesrätin Elisabeth Kopps fatalen Telefonanruf an ihren Mann berichtet wird.

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