Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Von der Blacke bis zum Edelweiss

Von Bettina Dyttrich

Früher war eine Kuh viel wert. Wurde sie krank, pflegte man sie gesund, auch wenn es lange dauerte. Zur Anwendung kamen oft dieselben pflanzlichen Hausmittel, die die Bäuerinnen für sich selber brauchten. Und auch die Tierärzte benutzten viele Arzneien auf pflanzlicher Basis.

Heute muss es auf dem Bauernhof schnell gehen, und pflanzliche Mittel sind fast verschwunden. 2012 lag der Antibiotikaverbrauch in der Tiermedizin in der Schweiz bei beunruhigenden 57 Tonnen (verkaufter Wirkstoff).

Der grosse Kahlschlag kam Mitte des 
20. Jahrhunderts. Er war in der Tiermedizin noch radikaler als in der Humanmedizin. Die Mittel der Pharmaindustrie waren oft einfacher anzuwenden als pflanzliche Futterzusätze, Tees oder Umschläge. Und vor allem galten sie als modern.

Noch ist nicht alles traditionelle Wissen verloren. Die Tierärztin und ausgebildete Landwirtin Franziska Klarer hat 32 pflanzenkundige TierhalterInnen aus dem Kanton Graubünden interviewt und über 400 Hausmittel dokumentiert. Zusammen mit dem Phytopharmazie-Experten Beat Meier und der österreichischen Tierärztin Elisabeth Stöger hat sie darüber «Jenzerwurz und Chäslichrut» geschrieben.

Die Rezeptsammlung, die Klarer zusammengetragen hat, ist eindrücklich. Zur Anwendung kommen diverse Kräuter, von der Blacke bis zum Edelweiss, aber auch Harz, Flechten und verschiedene Beeren, Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Schnaps und Kaffee; ein Bauer empfiehlt für Kühe nach dem Kalbern «Wein und zwei Eingeklemmte». Die Rohstoffe werden zu Kräutertee, Futterzusätzen, Salben und Wickeln verarbeitet. Beat Meier und Elisabeth Stöger beurteilten die Rezepte: Nicht alles, aber vieles, was die Bündner TierhalterInnen erwähnten, können sie empfehlen, manchmal mit kleinen Anpassungen.

«Jenzerwurz und Chäslichrut» ist zugleich Forschungsdokumentation und Kompendium für die Praxis. Es enthält ausführliche Anleitungen zum Sammeln und Trocknen der Kräuter und zur Herstellung der Arzneien.

Diverse Fachpersonen und Institutionen haben die Forschung unterstützt, von der Glarner Chueambulanz bis zum Umweltbüro für Flechten in Kriens. Und es geht weiter: Angehende ApothekerInnen der Universität Basel tragen das Wissen in anderen Kantonen zusammen. Dem Buch ist eine grosse Verbreitung zu wünschen. Vielleicht versucht dann mancher Bauer, die Euterentzündung seiner Kuh mit einem Essig-Lehm-Wickel zu behandeln, bevor er bei der Tierärztin Antibiotika bestellt. Damit wäre schon viel erreicht.

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