Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Ein Mädchen auf den Schienen des Literaturbetriebs

Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat sich selbst gewissermassen eine jüngere Version ihrer selbst erfunden, die sich auf die literarische Bühne beamt.

Von Ulrike Baureithel

Immer für eine Überraschung gut: Marlene Streeruwitz. Foto: Ursula Häne

Wer auf der Website des S.-Fischer-Verlags den soeben erschienenen Roman von Marlene Streeruwitz mit dem Titel «Nachkommen.» sucht, stösst dort auch auf ein E-Book mit dem Titel «Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland». Dafür zeichnet eine gewisse «Marlene Streeruwitz alias Nelja Fehn» verantwortlich. Das Buch, das von den grossen Auswirkungen der Eurokrise in Griechenland und der kleinen Liebe zwischen Nelja und Marios, einem im antikapitalistischen Widerstand engagierten und lädierten Paar, handelt, soll im September erscheinen.

Das diesen Juni erschienene Buch «Nachkommen.» kreist um ebenjene Nelja Fehn. Diese ist mit ihrer Geschichte, die auch von der toten Mutter Dora Fehn, ebenfalls Schriftstellerin, handelt, für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt am Main nominiert. Marlene Streeruwitz hat sich selbst gewissermassen eine jüngere Version ihrer selbst erfunden, die sich auf die literarische Bühne beamt. Will sie etwa nachholen, was ihr 2011 als Shortlist-Kandidatin vorenthalten wurde? Für Überraschungen war die österreichische Autorin schon immer gut. Man erinnere sich nur an den aus drei Heften bestehenden Kolportageroman «Lisa’s Liebe» (1997) und sein offensiv billiges Erzählen. Wird sich nun aus der adulten Stammzelle von «Nachkommen.» eine «pluripotente», ein sogenannter Alleskönner, reprogrammieren lassen?

Die Tränen zurückhaltend

Ganze zwei Tage umfasst die erzählte Zeit dieses keineswegs schmalbrüstigen Romans. Er setzt ein mit der beklemmenden Bestattungszeremonie von Neljas Grossvater, «dem Direktor Holzinger», der das fünfzehnjährige Mädchen nach dem Tod der Mutter eher widerwillig aufgenommen hat. Da steht sie nun fünf Jahre später in ihrem für alle Gelegenheiten tauglichen «marineblauen Hosenanzug» alleine vor dem aufgebahrten Leichnam, mutig die Tränen zurückhaltend, «denn sie hatte auch bei der Mami nicht geweint». Am Abend wird Nelja von ihrem Verleger zur Preisverleihung in Frankfurt erwartet. Davor liegt das Zusammentreffen mit der zerstrittenen, missgünstigen und kleingeistigen Verwandtschaft aus Kaiserbad.

Nelja Fehn – den Namen der Mutter übernimmt sie als Künstlername – ist wie viele der jungen Figuren in Marlene Streeruwitz’ Werk eine Schutzlose, Unbehauste, sozial und in Bezug auf ihren Körper. Der deutsche Vater ist von der Bildfläche verschwunden, die Mutter tot, und «die Omama» fühlt sich für das Mündel nicht mehr zuständig. So «kreiselt» die offensichtlich essgestörte junge Frau durchs Leben, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, was sie bewegt: «Sie musste eine ebene Aussenfläche herstellen, an der alles abgleiten können musste … Alles musste gleich wichtig sein. Dann war es auszuhalten.»

Satire auf den Literaturzirkus

In Frankfurt zieht sie einen Rucksackkoffer wie das Schicksalspäckchen ihres jungen Lebens hinter sich her. Die Stadt liefert den Schauplatz für eine Satire auf den deutschen «Literaturzirkus» mit seinen schlitzohrigen Verlegern, der übellaunigen Kritikerkaste und den exaltierten «Zicken»-Konkurrentinnen. Grandios die Beschreibung der Zeremonie im Frankfurter Kaisersaal und der knisternden Minuten vor der Verlesung des Preisträgernamens, während die Kandidatin Fehn neben sich selbst steht, in einer «dunklen Wattewolke, die sich vor ihr Sehen schob». Denn «eine junge Frau konnte sich nicht an einer Norm beweisen. Die junge Frau trat immer ausser Konkurrenz an, und dann zählte es nicht. Wie gut sie war. Wie perfekt. Wie viel perfekter als alle. Und das. Das machte es so ungerecht. So unfair.»

Das sind sie wieder, die Punktsätze der Streeruwitz. Der Punkt, dieser Möglichkeitsschaffer in der aufgezwungenen väterlichen Ordnung. Aber wie ernst sollen wir eigentlich dieses «kleine Mädchen» nehmen, das Streeruwitz da auf die Schienen des Literaturbetriebs stellt? Ist sie ein Klischee wie die saufende und fressende Entourage, der misogyne Kritiker, der das Buch der Jungautorin als «hübsche kleine Odyssee» schmäht, oder der paternalistische Verleger? Streeruwitz kennt das Geschäft und überzeichnet es gnadenlos, bis hin zu Martens, dem Professorenvater, der plötzlich in Neljas Leben auftaucht und alles, was sicher schien, infrage stellt: Wie war das mit «der Mami», welchen Anteil hatte sie an seinem Verschwinden? Hat sie überhaupt ein Recht, über das Leben der Mutter zu urteilen? Was wurde ihr vorenthalten, vorgelogen, und kann man Versäumtes als Erwachsene nachholen?

Verkleinert vor der Kamera

In gezügeltem Stakkato, zwischen zerrissenem innerem Monolog und indirekter Rede, die nur gelegentlich unmittelbar aus dem Mund der Sprecherin quillt, rollt die österreichische Autorin dieses Drama von Verlassenheit und Verrat ab, das dort stark wirkt, wo sie den Körper zum Zeugen der selbstentfremdeten Erfahrung aufruft. Wie einst in der riesigen Kirche im heimischen Kaiserbad empfindet sich Nelja auch durch die Kameras verkleinert: «Sie bestand aus einem Gesicht, hinter dem sie hervorschaute. Als müsste sie auf Zehenspitzen gehen, um zu ihren eigenen Augenhöhlen hinaufzureichen.» Aber im Unterschied zu den satirisch vorgeführten Chargen ist es Streeruwitz mit dieser Nelja richtig ernst: «Sie wollte nicht eines von den Tausenden grinsenden Frauengesichtern sein, die im Bilderdienst des Kapitalismus begraben wurden.»

Es gibt noch weitere solche Spruchbänder. Über alternde Männer. Oder den räuberischen Markt. Das ist schade, denn sonst liesse man sich auf diese junge Frau mit ihrem tastenden Denken, ihren abgerissenen, atemlos nachgesetzten Fragen und Überlegungen durchaus ein. Wenn sie nur nicht so verdammt politisch korrekt, so absolut «sauber» wäre und nicht nur das Angebot «vom Verlag von der Mami» (S. Fischer) ausschlagen würde, sondern auch die Erbschaft, die der gewissensgeplagte Vater ihr anträgt. Und wenn es die «Mutter» Streeruwitz lassen könnte, sie wie eine Stammzelle zu behandeln. «Dieser Text», sagt Nelja irgendwann, «der sollte für sich selbst sprechen … Sie sollte nur am Rand stehen und zusehen dabei. Sie sollte nicht einmal kommentieren müssen.» Genau. Mal sehen, ob sich diese Nelja als «alias» noch emanzipiert.

Marlene Streeruwitz liest im Rahmen des Openair Literatur Festival Zürich am Montag, 14. Juli 2014, 
um 20.30 Uhr im Alten Botanischen Garten Zürich 
aus «Nachkommen.». www.literaturhaus.ch

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