Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

«Wahnsinn. Ich bin im Himmel»

Eine spekulative Parabel über einen neuen Totalitarismus, gespiesen aus dem Markt der Daten: Dave Eggers’ Roman zeigt, an welcher Zukunft Google und Konsorten heute schon arbeiten.

Von Florian Keller

Was du fürchtest, wird wohl schon entwickelt: Am Google-Hauptsitz in Mountain View im kalifornischen Silicon Valley. Foto: Ursula Häne

Es ist ein typischer «Bullshit-Job», wie ihn der Anthropologe David Graeber vor einem Jahr in seinem gleichnamigen Essay beschrieben hat: unproduktiv, unattraktiv und wirtschaftlich eigentlich sogar überflüssig. Mae, die junge Protagonistin im Roman «Der Circle», beantwortet Fragen. Sie tut also das, was gewöhnlich «Kundendienst» heisst. Bloss, dass es hier, in diesem fiktiven Big-Data-Konzern namens Circle, mit einem persönlichen Antwortmail noch lange nicht getan ist. Denn nach jeder Antwort auf irgendein banales Anliegen verschickt Mae noch einen Fragebogen, um ihren soeben erfolgten Service benoten zu lassen. Und wenn sie dabei nicht die maximale Punktzahl erreicht, fragt sie nochmals nach wegen möglicher Verbesserungen. Mit der Folge, dass Mae bald mehr mit der permanenten Evaluation ihres Tuns als mit ihrer eigentlichen Arbeit beschäftigt ist.

Arbeiten im Paradies

Wie gesagt, ein Bullshit-Job. Nur dass Graebers Kritik hier ins Leere laufen würde. Mae nämlich empfindet ihren Job beim Circle nicht etwa als sinnlos und schon gar nicht als lästig oder unattraktiv: Es kommt ihr vor, als würde sie im Paradies arbeiten. So jedenfalls fühlt sie sich an ihrem ersten Arbeitstag, als sie im Hauptquartier der Firma zwischen gläserner Baukunst und grünen Parkanlagen spaziert: «Wahnsinn, dachte Mae. Ich bin im Himmel.»

So beginnt er, der neue Roman des US-Autors Dave Eggers. Das Buch ist längst ein Phänomen, dabei ist es erst vor einem knappen Jahr auf Englisch erschienen. Die ungeheure Resonanz ist kein Wunder: Eggers hat die Verheissungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer hocheffizienten literarischen Satire verdichtet. Sein Roman ist ein Konzentrat unserer Zeit, eine spekulative Parabel über einen neuen Totalitarismus, der sich aus dem Markt der Daten speist. Mae, die Novizin, die sich im Himmel wähnt, schwingt sich darin zur Galionsfigur einer so umfassenden wie erbarmungslosen digitalen Transparenz empor. Der moralische Imperativ dahinter: Wenn wir nichts mehr verbergen können, werden wir automatisch zu besseren Menschen. Und der ideologische Fluchtpunkt: die komplette Privatisierung dessen, was wir Demokratie nennen.

Zurecht wird Eggers neben den beiden Übervätern des dystopischen Romans eingereiht: George Orwell und Aldous Huxley. Mit Orwells «1984» teilt «Der Circle» in erster Linie das Motiv der Überwachung, aber atmosphärisch ist Eggers näher bei der synthetisch hergestellten allgemeinen Zufriedenheit, wie sie in Huxleys «Brave New World» herrscht. Bezeichnend auch, was seinen Roman von den beiden Klassikern der Moderne unterscheidet: Hier regiert letztlich keine anonyme staatliche Behörde mehr, sondern ein privater Konzern, dem sich die Subjekte anfänglich freiwillig ausliefern – bis sie irgendwann keine andere Wahl mehr haben.

Diese dystopische Vision wirkt umso beklemmender, als Eggers dafür gar nicht erst in eine ferne Zukunft springt. Die neuen Apps und Technologien, die den Plot vorantreiben, könnten allesamt bereits in Entwicklung sein, und der Circle selbst ist eine Synthese der einschlägigen Netzriesen von heute: der Überkonzern von morgen, der sämtliche digitalen Dienstleistungen unter einem Dach vereint und so dereinst Google und Konsorten ablösen könnte. Einer der Firmenchefs ist unverkennbar dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nachempfunden; ein verdächtiges Subjekt ist vorzeitig ergraut wie Julian Assange. Und der Kreis, der der Firma ihren Namen gibt, erinnert unweigerlich an den ringförmigen neuen Apple-Campus, der derzeit nach Plänen von Stararchitekt Norman Foster gebaut wird.

Kein Wort über das Kajak

Keine Frage, dieser Roman trieft vor Zeitgeist, er besteht eigentlich aus nichts anderem. Sogar die Gegenfigur zu Mae, ihr Exfreund Mercer, der Kronleuchter aus Geweihen bastelt und den Rückzug in die analoge Welt der realen Begegnungen predigt, redet wie ein wandelnder Leitartikel – der raunende Kulturpessimist als literarisches Abziehbild. Das Bestechende an «Der Circle» ist aber, wie sehr Dave Eggers seine Dystopie aus der Arbeitswelt von heute heraus entwickelt. Und dass er – anders als Orwell und Huxley – seine totalitäre Vision gerade nicht aus der Perspektive der Dissidenz schildert.

Zwar erlebt Mae in ihrem Alltag im Circle immer wieder kleinere Entzauberungen, doch die bestärken sie jeweils nur in ihrem Glauben an die guten Absichten des Konzerns. Ihr einziger rebellischer Akt besteht darin, dass sie manchmal ganz allein ein Kajak mietet – und dann nicht einmal ein Wort darüber am Arbeitsplatz oder in den sozialen Medien verliert. Und wer im Netz nicht dauernd alles von sich teilt, rutscht immer tiefer im internen Partizipationsranking – noch so ein informelles Evaluationsinstrument.

Da sind wir dann wieder bei David Graeber und seiner Diagnose des modernen Arbeitslebens. Wenn sich Mae zu Beginn des Romans über den Firmencampus führen lässt, wird klar, warum sie sich voller Hingabe in ihren Bullshit-Job stürzen kann, als wär es die schönste Sache der Welt: Alles hier ist so lauschig und sympathisch und komfortabel eingerichtet, dass es einem gar nicht mehr so vorkommt, als wäre man im Büro – ein bisschen so, wie man das ja von Google kennt. Mae arbeitet zwar beim «Kundendienst», aber hier heisst das «Customer Experience», was weniger nach Pflicht klingt, mehr nach einem echten Erlebnis. Der Circle sorgt bis in den Wellnessbereich hinein dafür, dass sich sein Personal fühlt wie eine eingeschworene Plauschgesellschaft. Die Leute hier sollen durch nichts daran erinnert werden, dass sie arbeiten. Und wer das erst verinnerlicht hat, braucht auch gar keine Wohnung ausserhalb des Campus mehr.

Dass dieser Roman, wie man nun in jeder Kritik lesen kann, schematisch gebaut und sprachlich flach ist, so gesehen also nicht als gute Literatur gelten kann, ist zwar richtig, aber man verkennt dabei, wie konsequent Eggers seine schöne neue Arbeitswelt bis in die Sprache hinein satirisch spiegelt. Gerade die flachsten Passagen in diesem Buch sind die wahrhaftigsten. Dann nämlich, wenn Eggers teils über mehrere Seiten schildert, was Mae eigentlich macht, wenn sie arbeitet, und wie sie dabei nur einem besseren Rating nachjagt und dabei gleichzeitig ihr Partizipationsranking zu steigern versucht.

Das sind wahnsinnig ermüdende Stellen, die man am Liebsten gleich überspringt. Aber sie erzählen nicht nichts: Sie führen eine völlig geistlose Arbeit und die multiple Evaluationsneurose der neoliberalen Firmenkultur vor. In diesen Momenten ahnt man: In unserer digitalen Dienstleistungsgesellschaft ist die Zukunft, die Eggers sich ausmalt, schon weiter verbreitet, als man denkt.

Lobbying

Der Geldsegen der grossen Internetfirmen

Das Internet ist Big Business, das Internet hat Marktmacht. Das zeigt sich nicht nur bei den Börsenkursen, wo die Firmen aus der Digitalwelt seit einigen Jahren überlegen obenauf schwingen – aktuell belegen Apple, Exxon, Google und Microsoft die ersten vier Plätze der wertvollsten Unternehmen –, sondern auch bei den Ausgaben fürs Lobbying. In den USA ist die Internetbranche längst unter den grossen Geldgebern in Sachen politische Einflussnahme angekommen: Dem Lobbydienst Open Secrets zufolge steckte mit rund 120 Millionen US-Dollar im ersten Halbjahr 2014 zwar nach wie vor die Pharma- und Medizinindustrie am meisten Geld ins Lobbying, doch die Computer- und Internetfirmen (71 Millionen Dollar) finden sich im Verfolgerfeld, zwischen der Versicherungsbranche (78 Millionen Dollar) und den Ölriesen (67 Millionen Dollar). Und während die Lobbyausgaben bei den anderen Branchen seit 2010 eher am Sinken sind, dürfte die Digitalbranche ihr Rekordergebnis von 2013 dieses Jahr erneut übertreffen.

Google zahlte allein fast zehn Millionen Dollar in die Kasse, damit belegt der Konzern nur knapp hinter Dow Chemical den zweiten Platz der spendabelsten Einzelunternehmen. Auch die Lobbyausgaben von Google in Europa steigen stetig an. Laut dem EU-Transparenzregister brachte der Konzern 2011 600 000 bis 700 000 Euro und 2013 bereits 1,25 bis 1,5 Millionen Euro für Lobbyarbeit in Brüssel auf.

Die Einflussnahme konzentriert sich dabei auf zwei Gebiete. Klassischerweise setzen sich die Internet- und Computerfirmen dafür ein, dass sich die Politik aus der digitalen Sphäre möglichst heraushält. Die 2012 gegründete Internet Association, zu der alle grossen Organisationen der Branche gehören, soll sich nach eigenen Angaben für eine Gesetzgebung einsetzen, welche ein «offenes und freies Internet schützt». Dabei geht es vor allem um die Netzneutralität und Fragen zur Monopolstellung einzelner Unternehmen – Google und Facebook möchten sich diesbezüglich keine Vorschriften machen lassen. Daneben haben sich gerade Google und Facebook unlängst klar gegen staatliche Überwachung ausgesprochen und die US-amerikanische Regierung aufgefordert, die entsprechende Gesetzgebung anzupassen. Da die Firmen unbedingt auf das Vertrauen der NutzerInnen angewiesen sind, um ihren Datenhunger zu befriedigen, kann sich die ungehemmte Schnüffelei der Behörden durchaus geschäftsschädigend auswirken.

Roland Fischer

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