Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

Serbisches Golgatha im «Grossen Krieg»

Was an den Westfronten des Ersten Weltkriegs geschah, ist einigermassen bekannt. Aber was passierte in Serbien? Ein neues Buch klärt auf.

Von Thomas Bürgisser

Gewisse Sachverhalte scheinen nur in biblischen Kategorien richtig erfasst werden zu können: «Golgota i vaskrs Srbije» («Golgatha und die Auferstehung Serbiens»), so lautet der Titel eines zweibändigen Sammelwerks serbischer Sprache mit Texten und Dokumenten zur Geschichte Serbiens im Ersten Weltkrieg. Die Publikation erschien Ende der achtziger Jahre in Belgrad, zu einer Zeit, als mit dem Wiedererstarken des Nationalen im multiethnischen Jugoslawien die Kriegsgeschichte zum nationalserbischen Mythos überhöht wurde.

Tatsächlich hält die Geschichte Serbiens im «Grossen Krieg» Stoff zur messianischen Heldenverklärung bereit: Mit Österreich-Ungarn bedrängte nach der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo ein mächtiges Imperium das kleine Balkankönigreich mit einem nicht erfüllbaren Ultimatum. Erbittert leistete die serbische Armee nach der Wiener Kriegserklärung vom 28. Juli 1914 den überlegenen Streitkräften der Donaumonarchie Widerstand. Erst im Herbst 1915 gelang es den Mittelmächten, unterstützt durch den Flankenangriff Bulgariens, das serbische Territorium zu besetzen.

Vier Jahre Leiden

Die Reste der serbischen Armee mit zahllosen Flüchtlingen zogen sich in einem legendären Treck unter ungeheuren Verlusten («Golgatha») durch die winterlichen Gebirgslandschaften Montenegros und Nordalbaniens bis auf die Adriainsel Korfu – wo die Exilregierung ihren Sitz nahm – und gar nach Nordafrika zurück. 1916 begann diese Armee zusammen mit den französischen, britischen und griechischen Verbündeten die Gegenoffensive an der Salonikifront. 1918 gelang den Alliierten in Mazedonien der Durchbruch und schliesslich die Rückeroberung Serbiens. Als Siegermacht konnte die serbische Monarchie eine führende Rolle im Königreich der SerbInnen, KroatInnen und SlowenInnen übernehmen. In diesem ersten jugoslawischen Staat erlebte das gemarterte Volk seine «Auferstehung». So die nationalistische Darstellung, die einen traditionsreichen Opfermythos – angefangen mit dem «ersten Golgatha», der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 – mit einem Selbstgefühl der Stärke zu verbinden wusste.

Die rege Publikationstätigkeit, die das Jahrhundertjubiläum des Kriegsausbruchs von 1914 befördert, bietet eine grosse Chance, den Ersten Weltkrieg aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. «Im Westen nichts Neues», die «Stahlgewitter» um Verdun – diese Fokussierung auf die deutschen Erfahrungen an der Westfront bereichert die in Wien lehrende Slawistin Gordana Ilic Markovic mit «Veliki rat – Der Grosse Krieg» um die serbische Wahrnehmung des Kriegs. Die aufgeladene Atmosphäre unmittelbar vor Kriegsausbruch, die ersten Kriegsoperationen, das Leben im besetzten Gebiet, die Lage der Menschen an der Front, auf der Flucht, im Exil und in Gefangenschaft, bei der Rückkehr in die Heimat: Im Spiegel ausgewählter Schriftstücke der serbischen Literatur und Presse eröffnet Ilic Markovic eindrückliche Perspektiven auf ein Kriegsgeschehen, das dem deutschsprachigen Publikum wenig vertraut ist. Das Buch vermittelt erschütternde Zeugnisse der ungeheuren Entbehrungen und Schrecken, die die Menschen auf dem Balkan während mehr als vier Jahren durchlitten.

Den Fokus legt die Herausgeberin auf die reiche Literatur von Kriegsteilnehmern wie Stanislav Vinaver oder Branislav Nusic, darunter auch die wortgewaltigen lyrischen Stimmen etwa von Vojislav Ilic Mladji und Milutin Bojic. Stark wirken die Tagebuchaufzeichnungen der Ärztin Slavka Mihajlovic oder ein Ausschnitt aus dem Werk der Schriftstellerin Isidora Sekulic, eine beissende Kritik der Besatzungszeit. Berührend in ihrer Authentizität sind Briefe aus den Kriegsgefangenenlagern und Auszüge aus Interviews mit Veteranen. Auch ausländische Autoren wie Egon Erwin Kisch, Karl Kraus oder John Reed kommen zur Sprache. Selbst die Schweiz ist vertreten: Die in Straf- und Vergeltungsaktionen begangenen systematischen Kriegsverbrechen der K.-u.-k.-Armee an der serbischen Zivilbevölkerung – düstere Vorboten der Gräueltaten und Massaker des Zweiten Weltkriegs – wurden damals vom Lausanner Kriminologen Rodolphe Archibald Reiss untersucht und dokumentiert.

Fehlende Kommentare

Sowohl zeitgenössische Privatbriefe, amtliche Dokumente oder Pressetexte als auch Memoiren, Romane und Gedichte geben jeweils einen sehr spezifischen, oft ideologisch gefärbten Blick auf einen Sachverhalt wieder. Dass eine ganze Zahl der in «Veliki rat» publizierten Fragmente dem gängigen Kanon verklärter serbischer Helden- und Opfermythen entstammt, schmälert ihren Aussagegehalt nicht.

Allerdings fehlt dem Sammelband, obwohl von drei einführenden Aufsätzen wissenschaftlich begleitet, doch an mancher Stelle ein erläuternder Kommentar, der helfen würde, die abgedruckten Quellen in ihrem Entstehungszusammenhang besser deuten zu können. Natürlich sprechen viele Texte für sich selbst. Verfasst und zusammengetragen wurden sie aber damals wie heute in einem jeweils anderen Zeitzusammenhang. Mehr über diese Kontexte zu erfahren, wäre eine weitere Bereicherung gewesen.

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