Nr. 36/2014 vom 04.09.2014

Das bürgerlich-liberale Europa geht unter

Ein wahrer Schweizerspiegel: In Meinrad Inglins gleichnamigem Roman wird das Land von 1912 bis 1918 in Breitleinwand vorgeführt.

Von Felix Schneider

Ein (erfundenes) Familiendrama und die (historisch abgesicherte) Geschichte des Lands: Das erzählt Meinrad Inglin (1893–1971) in seinem Roman «Schweizerspiegel» aus dem Jahr 1938. Er schildert die gesellschaftlichen und individuellen Veränderungsprozesse im Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das bürgerlich-liberale Europa geht unter, und mit ihm verschwinden das Gefühl der Sicherheit, der Glaube an Vernunft und Fortschritt, die Geborgenheit in festen Konventionen. Inglin kennt das Bürgertum und weiss von Bauern zu berichten. Arbeiterschaft und Sozialdemokratie aber sind unterbelichtet, die kennt er zu wenig.

Inglins Romanfiguren sind exemplarisch und trotzdem lebendig, ja oft unberechenbar. Im Zentrum des Geschehens steht die Familie des Nationalrats Alfred Ammann, der im Verlauf der Erzählung gründlich infrage gestellt wird. Er scheitert an Kriegsgewinnlern, einer neuen Bürger- und Bauernpartei, an der politisierten Arbeiterschaft – und vor allem an rechtsradikalen, präfaschistischen Tendenzen, die von seinem eigenen Sohn Severin verkörpert werden, Tendenzen, die er selbst und der gesamte Freisinn so lange nähren, bis sie ihnen über den Kopf wachsen. Inglin zeigt hier das Modell, das auch dem Umgang des Bürgertums mit den Nationalsozialisten oder dem Verhältnis des Freisinns zur SVP zugrunde liegt. Ammanns zweiter Sohn, Paul, ist der Intellektuelle: kritisch und von der Welt angewidert, kriegsbegeistert anno 1914 und skeptischer Sozialist anno 1918. Der dritte Sohn, Fred, ist unpolitisch und unsicher, er geniesst den Drill in der Armee und wird schliesslich Landwirt.

Ammanns Frau Barbara ist streng konservativ. Gegen Abtrünnige wie ihre Tochter Gertrud, die sich scheiden lässt, und ihren Sohn Paul, der Sozialist wird, führt sie ein strenges Regiment. Aber sie lehnt den Krieg von Anfang an konsequent ab und entwickelt sich schliesslich auch für ihre beiden abtrünnigen Kinder zu einer energischen Unterstützerin. Als Betreuerin von Gefangenen und Schwerverwundeten gewinnt sie eine neue Eigenständigkeit. Die Aufbruchstimmung von 1914 erfasst auch ihre Tochter Gertrud – aber Gertrud wird davon nicht kriegslüstern, sondern freiheitsdurstig. Sie lässt sich – mit zwei Kindern! – scheiden: damals ein Skandal.

Inglin hat seine Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg erst in den dreissiger Jahren zum Romanstoff verarbeitet, weil er die Demokratie als grundsätzliche Alternative zu Faschismus und Stalinismus zeigen wollte. Dabei sind ihm Gedanken von anhaltender Aktualität gelungen: Er präsentiert zum Beispiel die Schweiz als unfertig. Die natürliche Weiterentwicklung des Landes wäre – Europa! Adolf Muschg oder Micheline Calmy-Rey denken heute in Inglins Bahnen weiter, wenn sie feststellen, dass die Vereinigung Europas sich nach einem ähnlichen Modell vollzieht, wie sich die Vereinigung der Schweiz vollzogen hat.

Sehr aktuell wirkt auch Inglins Bemühen, Heimatgefühle einzuhegen. In den Institutionen, die das Land zusammenhalten, will er rationales Denken und Handeln am Werk wissen. Das Irrationale im Verhältnis zur Heimat gehört für Inglin in den vorpolitischen kulturellen und regionalen Raum.

Inglin ahnt, dass eine Demokratie ein Volk von freien, selbstbestimmten und gleichberechtigten Menschen voraussetzt. Da es dieses nicht gibt, versucht er, Regeln zu denken, die Demokratie ermöglichen: Am originellsten ist seine Auffassung vom notwendigen «Gefechtsabbruch». Er plädiert für Debatte und Streit, betont aber die Notwendigkeit, rechtzeitig innezuhalten und Kompromisse anzustreben.

Auf einer Hörbox mit vier CDs des Christoph Merian Verlags liest Hanspeter Müller-Drossaart Auszüge aus dem «Schweizerspiegel».

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