Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Zerrspiegel der Realität

Von Michael Saager

Mit seinen Erzählbänden «Bürgerkriegsland fast am Ende» (1997) und «Pastoralien» (2002) wurde der US-Amerikaner George Saunders zu einem gefeierten Autor bitterböser Short Storys: Ein Wolfsrudel von Existenzängsten im Nacken, fristen seine ProtagonistInnen ein meist jämmerliches Dasein in Themenparks oder Stripbars. Saunders versenkt sich tief in die Gedankenwelt seiner Figuren, wenn sie ihren grell inszenierten Alltagswahnsinn durchpflügen.

Das ist in seinem neuen Erzählband «Zehnter Dezember» nicht anders. Weil Saunders aber ein überaus einfallsreicher Autor ist, wird man ein weiteres Mal bestens unterhalten, wenn man das so salopp sagen darf. Oder wo sonst liest man von aus Statusgründen angeschafften, so anmutig wie unglücklich im Garten baumelnden menschlichen Lampions? Oder von Gefängnisinsassen, denen die Teilnahme an einer üblen psychopharmakologischen Studie gewisse Hafterleichterungen verspricht? Die Kehrseite der experimentell verursachten sexuellen Raserei ist der brutale Suizid; kommt eben ganz darauf an, welches Mittel der Herr Versuchsleiter gerade durchs Gehirn fluten lässt – aus rein wissenschaftlichen Erwägungen, versteht sich. Saunders denkt hier die unheilige Allianz aus Strafgefangenschaft, wissenschaftlicher Neugier und Gewinnmaximierung konsequent zu Ende. Sowieso kennen seine im Kern todtraurigen Gesellschaftssatiren generell keine Gnade; sie sind Zerrspiegel der Realität.

Die «New York Times» erklärte «Zehnter Dezember» gleich zum besten Buch, das wir dieses Jahr lesen würden. Man muss das nicht so sehen, zumal Saunders’ Lieblingsstilmittel – garstig-überhitzte Gedankengänge, geschwätzige Tagebucheinträge – schon auch ein bisschen nerven können. Vielleicht ist eine gewisse Penetranz der Preis, den man für Saunders’ erbarmungslose Wahrhaftigkeit zahlen muss. Dem «New Yorker» erzählte er: «Wenn ich möchte, dass der Leser für eine Figur Sympathie entwickelt, hacke ich sie mitten durch – an ihrem Geburtstag. Dann beginnt es zu regnen. Und die Figur ist aus Zucker.» 

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