Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Früher war ich eine Eiche. Oder eine Narzisse

Was ist die Pflanze? Eine Gruppe von Fachleuten um die Biologin Florianne Koechlin gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden.

Von Bettina Dyttrich

Als vor sechs Jahren eine Gruppe von Biologinnen, Landwirten, Philosophen und anderen Fachleuten die «Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen» veröffentlichte, fanden das manche JournalistInnen ziemlich lustig: Hat jetzt auch die Tomate einen Rechtsanspruch? Dürfen wir nicht einmal mehr Gemüse essen?

So war es nicht gemeint. Es ging vielmehr darum, dass «es auch im Umgang mit Pflanzen Grenzen gibt». Zu den Rechten, die die Gruppe formulierte, gehört unter anderem das Recht auf Fortpflanzung – eine Kritik an Züchtungen, die zu Sterilität führen. Oder das Recht, nicht patentiert zu werden.

Initiantin der «Rheinauer Thesen» ist die Biologin und Gentechkritikerin Florianne Koechlin, die in ihren Büchern und Vorträgen einem breiten Publikum neue Forschungen über Pflanzen näherbringt. Die Diskussionsgruppe der «Thesen» trifft sich weiterhin und hat 2011 eine Publikation zum Thema Pflanzenzüchtung veröffentlicht. Nun ist aus den Diskussionen ein Buch geworden. «Jenseits der Blattränder» besteht aus Fragmenten, kurzen Texten verschiedener AutorInnen, die aus den Diskussionen entstanden sind. Das Buch ist ein Versuch, das von Koechlin geforderte «andere Herangehen an die Pflanze» umzusetzen.

Umstrittene Vermenschlichung

Die Diskussionen führten nicht immer zu Einigkeit. Kontroversen gab es zum Beispiel über die Frage, ob manche Textstellen die Pflanze unzulässig vermenschlichen. Denn Pflanzen sind ganz anders als Menschen und Tiere. Darauf weist etwa der Landwirt Martin Ott hin: «Die Pflanze ist potenziell unsterblich», schreibt er – sie hat die Fähigkeit, «sich aus einer einzigen Zelle wieder neu aufzubauen». Ganz anders als wir: Aus einem abgetrennten Finger wird kein ganzer Mensch mehr. Für Pflanzen ist daher auch das Gefressenwerden keine Katastrophe, sondern oft eine Notwendigkeit: Angepasste Beweidung fördert das Gras. Die «Zusammenarbeit» von Grasfressern und Gras hat in den Steppen die fruchtbarsten Böden der Welt hervorgebracht.

Manches in diesem Buch kennen Koechlin-LeserInnen aus früheren Büchern: Pflanzen kommunizieren via Duftstoffe miteinander, aber auch mit «HelferInnen» – werden sie von Insekten attackiert, ziehen sie gezielt die Feinde der Feinde an. Und Pflanzen, die gelernt haben, sich zu wehren, vererben ihre Fähigkeiten auch weiter. Für die ökologische Züchtung, die robuste Nutzpflanzen hervorbringen soll, ist das eine wichtige Erkenntnis.

Wie in einer Chemiefirma geht es dagegen in einem Gespräch unter konventionellen Getreidebauern zu, das Martin Ott aus der Zeitung «Schweizer Bauer» zitiert. Vor lauter Ammonsalpeter, Herbiziden, Fungiziden und Halmverkürzern droht ihnen «der Blick auf die Pflanze zu entgleiten», wie Ott treffend schreibt.

Reis wird Ratte

Zu den faszinierendsten Beiträgen gehört der Text des Wissenschaftsjournalisten Patrik Tschudin über die Forschungen von Chen-Yu Zhang. Der Molekularbiologe hat Ratten untersucht, die Reis fressen. Laut seinen Beobachtungen werden winzige Stücke der Erbinformation des Reises in das Genom der Ratte eingebaut, verändern also ihr Erbgut. Das hat in der Fachwelt für ziemlichen Wirbel gesorgt und könnte viele etablierte Thesen über den Haufen werfen. Manche WissenschaftlerInnen halten Zhangs Ergebnisse allerdings für ein Resultat ungenauer Messungen. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

«Jenseits der Blattränder» führt weit über das streng Naturwissenschaftliche hinaus und in Philosophie, Poesie und Spekulation hinein. Manchmal wird das schwülstig und pathetisch. Manchmal wirkt es naiv, zum Beispiel wenn Permakultur-Designer Bastiaan Frich invasive Neophyten als «das sich wandelnde Kleid der Mutter Erde» verklärt.

Aber in den besten Momenten wird transzendentale Biologie daraus. Wissenschaftlich unbestritten und doch hochphilosophisch ist Florianne Koechlins Feststellung: «Jedes Kohlenstoffatom eines menschlichen Körpers war vorher, im Laufe der Evolution, schon unzählige Male in einem anderen Lebewesen, in einer Narzisse, einer Eiche oder einer Lerche.» Diese enge Verbindung zu verstehen, ist nicht einfach. Und was hiesse es, danach zu handeln?

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