Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Träume zwischen Café, Tankstelle und Frieden

Die Lage in Somalias Hauptstadt Mogadischu ist alles andere als entspannt. Derweil versucht die Bevölkerung, ein möglichst normales Leben zu führen. Eine Reportage aus dem instabilen Land.

Von Bettina Rühl (Text und Fotos), Mogadischu

Nuruddin Ahmed in seinem Café: «Hier in Mogadischu ist die Sicherheitslage zu 99 Prozent okay.»

Die alte Espressomaschine zischt und lärmt so laut, dass Nuruddin Ahmed sich kaum verständlich machen kann. «Die Sicherheitslage ist hier zu 99 Prozent okay», schreit der Somalier, ohne den Blick vom Siebträger zu heben, den er einspannt, ehe er den Kolben senkt. Seine Maschine wird von Hand betrieben und stammt womöglich noch aus der italienischen Kolonialzeit, die 1960 mit der Unabhängigkeit Somalias endete. Die gut besetzten Tische im Restaurant nahe der Kreuzung K 4 im Zentrum der somalischen Hauptstadt Mogadischu scheinen Ahmed recht zu geben: In Gruppen oder alleine sitzen Männer an Plastiktischen vor Plastiktellern, auf denen sich Huhn, Papaya und Bananen auf Injera, ursprünglich äthiopische Teigfladen, türmen. Besonders geschätzte Gäste bekommen ein Platzdeckchen, und zwar eine Seite aus den «Gulfnews». Heute wird eine Ausgabe vom Juni 2014 verwendet.

Bei allem Respekt vor Nuruddin Ahmeds Einschätzung muss trotzdem ergänzt werden, dass militante Islamisten auch in der Nähe der Kreuzung K 4 regelmässig schwere Attentate verüben. «K 4» steht für Kilometer vier, die Distanz zur Innenstadt.

In ganz Mogadischu reissen Kämpfer der zum Al-Kaida-Netzwerk gehörenden somalischen Al-Schabab-Miliz immer wieder Dutzende Menschen mit Selbstmordanschlägen in den Tod. Anfang Juli stürmten sie sogar die «Villa Somalia», den schwer gesicherten und weitläufigen Regierungssitz, an dem Präsident Hassan Scheich Mohamud und etliche Regierungsvertreter arbeiten und residieren, Letzteres aus Sicherheitsgründen. Der Präsident blieb unverletzt, weil er zum Zeitpunkt des Angriffs nicht auf dem Gelände war. Bei dem anschliessenden Gefecht um die Kontrolle des Komplexes starben mindestens neun Menschen, darunter die Attentäter.

Omar Hassan Obane vor seiner Tankstelle: «Meine Kunden verlassen sich darauf, dass niemand einen Sprengsatz einbaut oder das Auto mitgehen lässt, wenn sie es bei uns zurücklassen.»

Aber Ahmed, der sich selbst nicht ohne Stolz als «Maschinist» bezeichnet, hat sich in mehr als zwanzig Jahren eines brutalen Bürgerkriegs offenbar derart an den Terror gewöhnt, dass solche Vorfälle sein Vertrauen in die wiedergewonnene Stabilität Somalias nicht mehr wirklich erschüttern. Das Gespräch scheint seine ohnehin gute Laune weiter zu heben: «Es ist das erste Mal, dass eine Europäerin hier ihren Cappuccino bestellt.» Aus seiner Sicht ist das ein Beweis für die gute Sicherheitslage, auch wenn diese Europäerin mit sechs Bewaffneten unterwegs ist. «Die letzte Weisse habe ich vor mehr als zwanzig Jahren gesehen, das war noch zu Zeiten Siad Barres», sagt der Maschinist. Der Diktator Siad Barre wurde 1991 gestürzt, danach gerieten die Kämpfe ausser Kontrolle, und Mogadischu wurde zum Kriegsgebiet. Der Staat zerfiel, an öffentliches Kaffeetrinken war nicht mehr zu denken.

Massstab bestimmt das Sicherheitsgefühl

Im Innern der Espressomaschine, an der Ahmed arbeitet, brennt eine Gasflamme. In Mogadischu ist eine solche Maschine ausgesprochen praktisch, denn in dem kriegszerstörten Land gibt es keine öffentliche Stromversorgung. Aus den Steckdosen kommt das, was private Anbieter mit dieselbetriebenen Generatoren erzeugen und entsprechend teuer verkaufen. In Somalia gibt es mit dem Kabinett von Präsident Hassan Scheich Mohamud erst seit 2012 wieder eine international anerkannte Regierung. Aber die hat vorerst noch jede Menge andere Sorgen als den Aufbau eines öffentlichen Stromnetzes: Trotz der Unterstützung durch eine 22 000-köpfige Eingreiftruppe der Afrikanischen Union namens Amisom kontrolliert sie noch immer nicht das ganze Staatsgebiet. Stattdessen herrscht in vielen ländlichen Gebieten die Al-Schabab-Miliz, und die Hauptstadt ist allenfalls nach somalischen Massstäben sicher.

Weil aber viele SomalierInnen so kriegserprobt und optimistisch sind wie Nuruddin Ahmed, haben sich etliche Strassenzüge von Mogadischu in den vergangenen drei Jahren tatsächlich verändert. Wer nach der Landung auf dem Aden Adde International Airport die vielen Panzersperren, Betonmauern und Checkpoints stadteinwärts passiert hat, fährt an einer Phalanx riesiger Werbetafeln vorbei in Richtung Kreuzung K 4. Banken, Fluglinien, Hotels und die Hersteller von Babynahrung preisen ihre Produkte und Dienste an. Statt der Kriegsruinen, die den Anblick noch vor drei Jahren dominierten, sind jetzt hinter hohen, stacheldrahtbewehrten Mauern auch die leuchtend sauberen Fassaden neuer Hotels zu sehen. Anders als noch vor drei Jahren gibt es inzwischen zudem Geschäfte, die von einer Art Alltagsleben zeugen, Fahrschulen und eine Reinigung zum Beispiel. Und das Benzin wird nicht mehr ausschliesslich von Frauen am Strassenrand in ausgedienten Getränkeflaschen verkauft, sondern auch an einigen Tankstellen.

Mit sauberem Auto durch die Ruinen

Eine davon managt Omar Hassan Obane. Aus zwei Zapfsäulen verkauft er Diesel und Benzin. Der Platz gegenüber wird von Ruinen gesäumt, nur einige Gebäude wurden dort schon wieder hergerichtet. In Obanes Büro dröhnt ein riesiger Generator. «Der Diesel dafür ist für mich billiger, als wenn ich den Strom aus dem Netz kaufe», sagt Obane. Der ständige Lärm tut seiner Begeisterung für die eigene Tankstelle keinen Abbruch, er hat hier sein Paradies gefunden: «Ich habe mehr als zwanzig Jahre lang davon geträumt, wieder mit Treibstoff zu tun zu haben.» Denn als Somalia noch eine Diktatur war, arbeitete Obane in der staatlichen Erdölgesellschaft. Mit Siad Barres Sturz und dem Zusammenbruch des Staats wurde er arbeitslos. Von da an hielt er sich und seine Familie mit Handel über Wasser und träumte von Benzin. Vor anderthalb Jahren fand er die Lage sicher genug, um seinen Traum zu realisieren. Er fragte die damals neue Regierung, ob er eine der einst staatlichen, mittlerweile völlig zerschossenen Tankstellen in der Stadt wieder aufbauen dürfe. Sie stimmte zu, und Obane legte los.

«Ich war der Erste, der wieder eine Tankstelle aufgemacht hat», sagt er. «Natürlich bin ich stolz.» Zu seinem Unternehmen gehört auch eine Waschanlage. Im Moment sind Obanes Angestellte in allen vier Boxen mit ihren Hochdruckreinigern beschäftigt. «Die Kunden rennen mir fast die Bude ein», sagt Obane. Auch der Bürger von Mogadischu fährt offenbar lieber mit einem sauberen Wagen – wenn auch an Kriegsruinen vorbei und durch einen Staat, der nur in Ansätzen existiert. Die Bedeutung der Waschanlage kann man in Obanes Augen kaum überschätzen: Er sieht darin einen Ausdruck für das Ende des Terrors. «Das Autowaschen ist Vertrauenssache», sagt er, «meine Kunden verlassen sich darauf, dass niemand einen Sprengsatz einbaut oder das Auto mitgehen lässt, wenn sie es bei uns zurücklassen.»

Der Norden von Mogadischu gilt dagegen weiterhin als gefährlich. «Das ist bis heute das Gebiet der Schabab», sagt Omar Olad, Direktor der somalischen Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (Hilfe für alle). Einen Ausflug dorthin hält er selbst mit sechs Bewaffneten für wenig ratsam. «Die Schabab-Kämpfer mussten zwar ihre militärischen Stellungen räumen, aber sie haben hier etliche ‹Schläfer› und sind jederzeit zum Angriff bereit.» Bis zum August 2011 kontrollierten die Islamisten die meisten Teile Mogadischus. Dann wurden sie von Soldaten der Amisom sowie der somalischen Rumpfarmee geschlagen und zogen die meisten Kämpfer ab. Allerdings blieben etliche zurück, rasierten sich und wechselten die Kleidung. Jetzt sitzen sie tagsüber an kleinen Verkaufsständen, laden ihren KundInnen gegen eine Gebühr die Handys wieder auf oder arbeiten in einer der drei Telefongesellschaften. Abends, so berichten viele BewohnerInnen der Hauptstadt, zeigen die abgetauchten Islamisten ihr zweites Gesicht. Dann setzen sie Somalier unter Druck, die beispielsweise für die Amisom arbeiten oder sich in den Augen der Radikalen auf andere Weise «gottlos» verhalten.

6,5 Millionen Franken Kopfgeld

Dass der langjährige Führer der Terrororganisation, Ahmed Abdi Godane, am 1. September durch eine US-amerikanisch Drohne getötet wurde, werde an der Präsenz der Islamisten wenig ändern, mutmasst der somalische Journalist Hassan Muhammad Omar*. Omar sitzt hinter den hohen Mauern, die das Grundstück einer somalischen Hilfsorganisation in der Hauptstadt umgeben. Ausserdem stehen schwer bewaffnete Milizionäre rund um die Uhr auf dem Wachturm, der die Mauer überragt. Auf Godanes Kopf hatten die USA die Rekordsumme von umgerechnet 6,5 Millionen Franken ausgesetzt. Schon wenige Tage nach seinem Tod ernannte die Al-Schabab-Miliz seinen Nachfolger: Ahmed Omar Abu Ubaidah. «Er war Godanes rechte Hand und ist nicht weniger gewalttätig«, sagt der Journalist Omar. Viele SomalierInnen teilen diese Einschätzung. Auch Roland Marchal, Afrikaexperte am französischen Forschungszentrum CNRS, hält Abu Ubaidah für skrupellos. Im Rahmen der brutalen Richtungskämpfe innerhalb der Schabab habe Abu Ubaidah im vergangenen Jahr viele «liquidiert», sagte Marchal dem US-Radiosender Voice of America. Den Auftrag habe Godane erteilt, der etliche Rivalen und Kritiker töten liess. Unter ihm wurde die Terrorgruppe schlagkräftiger und bekam eine internationale Ausrichtung. Eines der Ergebnisse war der Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in Kenias Hauptstadt Nairobi vor einem Jahr. Mehr als siebzig Menschen wurden dabei getötet.

Doch Abu Ubaidah fehlen laut SomaliaexpertInnen das Charisma und die Führungsstärke Godanes. Der neue Führer der Terrorgruppe gehört ausserdem einem Minderheitenclan an, was in Somalia ein Nachteil ist. Marchal schliesst deshalb nicht aus, dass Ubaidahs Ernennung Führungskämpfe innerhalb der Organisation auslösen könnte. Seit ihrer Gründung besteht die Schabab aus zwei Flügeln, die Godane mit Gewalt und Charisma zusammenhielt: einen national orientierten, der seinen Kampf auf Somalia beschränken möchte, und einen, der den radikalen Islam mittels Terror in die ganze Welt tragen will.

Wie der Richtungskampf auch ausgehen mag: Die SomalierInnen gehen davon aus, dass sie weiterhin terrorisiert werden. Journalistinnen, Richter, Menschenrechtlerinnen, Beschäftigte von Hilfsorganisationen und andere Bürger berichten schon seit Jahren von Drohanrufen der Islamisten. Nicht wenige erzählen sogar, dass ihnen die Anrufer während des Telefonats beschrieben hätten, was sie gerade taten. Viele Somalier fühlen sich deshalb unter ständiger Beobachtung durch Al-Schabab-Mitglieder in Zivilkleidung. Der Journalist Hassan Muhammad Omar macht sich nicht viele Hoffnungen: «Die Bevölkerung wird nach dem Wechsel an der Spitze der Terrorgruppe weiter bedroht.»

Angriffe von zwei Seiten

Omar denkt inzwischen sogar ernsthaft darüber nach, Mogadischu zu verlassen. «In all den Kriegsjahren habe ich gedacht: Es muss doch irgendwann besser werden», sagt der 55-Jährige. Jetzt aber reicht es ihm, trotz der neuen Tankstellen, der Trockenreinigung und anderer Anzeichen von Normalität. «Die Schabab bedroht uns immer noch», sagt Omar, «und jetzt bedroht uns auch noch unsere eigene Regierung.» Was ihm am Vorabend auf dem Heimweg passierte, bestärkt ihn in seinem Entschluss. «In meiner Nachbarschaft wurden vier Menschen getötet, einer davon fast vor meinen Augen.» Die Täter: unter anderem Soldaten und Polizisten der neuen Regierung, so jedenfalls erzählt es Omar. Als er schon fast zu Hause war, habe er hinter sich eilige Schritte gehört. Als er sich umdrehte, habe er drei Soldaten in Uniform heranstürmen sehen. «Ich dachte, sie wollten den Bus kriegen, der ein paar Meter weiter vorne stand und wartete.» Stattdessen stürmten sie um die nächste Ecke, und Omar hörte sieben Schüsse. Dann kamen ihm die Soldaten wieder entgegen, «jetzt hatten sie es noch nicht einmal eilig». Als er um die Ecke guckte, habe dort ein Toter gelegen. Der nächste Mord passierte nur zwanzig Meter weiter, «Polizisten haben einen Kollegen erschossen, alle trugen Uniform». Ein Querschläger traf eine junge Somalierin, die gerade in einer Toilette aus Wellblech ihre Notdurft verrichtete. Die Kugel durchschlug ihren Kopf. Ehe Omar sein Haus erreichte, wurde ein weiterer Mann von Unbekannten erschossen.

Die vermeintlichen Polizisten und Soldaten könnten auch Islamisten in Uniformen gewesen sein, denn Uniformen jeder Art gibt es überall zu kaufen, und die Milizionäre haben wohl auch etliche bei Kämpfen erobert. Omar hält es trotzdem für wenig wahrscheinlich, dass die Täter am Vortag Islamisten waren. «Die Kämpfer der Schabab töten anders», sagt er. «Sie kommen im Morgen- oder Abendgrauen, meist zur Zeit des Gebets. Sie sind bewaffnet, tragen aber Zivil und verschwinden nach dem Mord sofort in der Menge.»

Auch Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch kritisieren Übergriffe der staatlichen Sicherheitskräfte gegen die Bevölkerung, die nun von beiden Seiten angegriffen werde: von den Islamisten und der Regierung. Das gilt nicht zuletzt für die Medien. Unabhängige Radiostationen werden geschlossen, Journalisten eingeschüchtert, verhaftet, drangsaliert. Dabei steht die somalische Regierung trotz massiver internationaler Unterstützung weiterhin auf so wackligen Beinen, dass die somalischen BürgerInnen praktisch keinerlei staatliche Dienstleistungen geniessen: Die Regierung kann das Leben ihrer BürgerInnen nicht schützen, ist mit dem Aufbau eines Gesundheits- oder Bildungswesens überfordert und lässt die SomalierInnen im Notfall von internationalen Helfern versorgen. Die wenige Kraft, die sie langsam aufbaut, scheint sie als Erstes gegen die eigenen BürgerInnen zu richten.

Gelder systematisch veruntreut

Dass der Staat mehr als zwanzig Jahre lang überhaupt nicht existierte und nun erst neu geschaffen wird, ist nur ein Teil der Erklärung. Der andere Teil ist die Tatsache, dass die Regierung den Neuaufbau selbst unterläuft, indem sie die dafür zur Verfügung stehenden Gelder fast systematisch veruntreut. Denn trotz nach wie vor schwacher staatlicher Strukturen hat die Regierung durchaus Geld. Die Vereinten Nationen, arabische Staaten wie Katar oder Saudi-Arabien, die Türkei und internationale Hilfsorganisation übergeben der Regierung jährlich viele Millionen US-Dollar. Hinzu kommen einträgliche Steuerquellen wie der Hafen von Mogadischu oder florierende Unternehmen wie die privaten Telefongesellschaften. Von dem Geld landet aber fast nichts in den Kassen des Staats.

Einen Einblick in das Ausmass der Veruntreuung gewährte Abdirasaak Fartaag im Frühjahr 2012. Fartaag war leitender Finanzkontrolleur im Büro des damaligen Ministerpräsidenten, noch zu Zeiten einer somalischen Übergangsregierung. Der Finanzkontrolleur machte als Whistleblower unter anderem öffentlich, dass die Regierung von 58 Millionen US-Dollar Einnahmen im Jahr 2011 nur eine Million für Sozialleistungen ausgegeben hatte. Er fand ausserdem heraus, dass die damalige Übergangsregierung 2009 beispielsweise allein durch den Hafen 24 Millionen US-Dollar an Steuern einnahm. Davon wurde nur rund ein Viertel bei der Finanzbehörde angegeben, der Rest verschwand in irgendwelchen Taschen. In diesem Stil geht es durch die Jahre. Einem Bericht der UN-Beobachtungsgruppe für Somalia zufolge übernahm Präsident Hassan Scheich Mohamud 2012 das Finanzgebaren seiner Vorgänger. Währenddessen finanziert das Ausland die Verteidigung des Landes sowie den Aufbau von Armee und Polizei (vgl. «Es hat eben nicht jeder eine Uniform» im Anschluss an diesen Text).

Ob tatsächlich Soldaten und Polizisten bei den Morden in Omars Nachbarschaft die Täter waren, wird vermutlich nie ermittelt werden. Auch die Justiz ist in Somalia – sehr freundlich gesagt – noch im Aufbau. Dieser Aufbau kommt aber kaum voran, denn die Richter fürchten um ihr Leben. In den letzten Monaten wurden sechzehn von ihnen ermordet, mutmasslich von Kämpfern der Al-Schabab-Miliz. Aus Angst vor Racheakten und weiteren Anschlägen weigern sich die zivilen Gerichte inzwischen, die Verfahren bei schweren Verbrechen zu übernehmen. Stattdessen urteilen die Militärgerichte auch in vielen zivilen Verfahren. Menschenrechtsorganisationen kritisieren eine massive Verletzung der Rechte der Angeklagten bei diesen Prozessen. Die Unschuldsvermutung werde oft ausser Kraft gesetzt, und die Angeklagten hätten kaum die Gelegenheit, in Berufung zu gehen. Ende Juli verurteilte das oberste Militärgericht beispielsweise drei mutmassliche Al-Schabab-Mitglieder zur Todesstrafe, drei Tage später wurden sie öffentlich exekutiert. «Wir führen einen Krieg gegen den Terror», erklärt der oberste Militärrichter, Oberst Abdirahman Muhammad Turyare. Jede Kritik an den Verfahren weist er zurück. «Wir müssen eine deutliche Sprache sprechen und schnell urteilen.» Dennoch entsprächen die Verfahren an den Militärgerichten den internationalen juristischen Standards.

Der oberste zivile Richter des Landes, Aidid Ilkahanaf, ist sich da nicht so sicher. «Ich weiss nicht, ob diejenigen, die da Recht sprechen, dafür ausreichend qualifiziert sind. Und ob sie jeweils genug Beweise haben, um die Todesstrafe verhängen zu können.» Ilkahanaf sagt das ohne Bitterkeit. Dabei liegt in dem Satz sein persönliches Scheitern, und er weiss das: Er will für Gerechtigkeit sorgen, und schafft es nicht. Obwohl er sein Leben für diese Mission riskiert. Der Richter hat schon mehrere Anschläge nur knapp überlebt, und er rechnet damit, dass weitere folgen. «In Mogadischu kannst du deines Lebens nie sicher sein», sagt er. «Jeder kann ein Kämpfer der Schabab sein. Dein Bruder, dein Leibwächter – jeder.» Ilkahanaf bewohnt drei schlichte Zimmer in der «Villa Somalia». Die einst pompöse Anlage ist immer noch vom Krieg gezeichnet und verkommen. Ilkahanafs Zimmer liegen am Ende eines verwahrlosten Flurs. Er ist allein bis auf seine Leibwächter, die in einem der leeren Zimmer campieren. Und bis auf seine Haushaltshilfe, die in einem weiteren der leeren Zimmer für ihn kocht. Der Richter beginnt jeden Tag, indem er den Flur fünfzigmal auf- und abgeht. «Das dauert exakt 20 Minuten.» Dann strampelt er 45 Minuten in seinem Wohnzimmer auf einem Hometrainer. «Man lebt hier wie im Gefängnis», sagt der Richter. Und lacht. Ilkahanaf lacht häufig, und vielleicht muss man den Aberwitz in diesem Leben sehen, um nicht daran zu verzweifeln. Ilkahanaf jedenfalls ist nicht verzweifelt, sondern ein freundlicher und offener Mann geblieben, der gerne Menschen empfängt. Obwohl er weiss, dass jeder von ihnen gekommen sein kann, um ihn zu töten. Seine Familie lebt in London, und er hat selbst einen britischen Pass, seit er in den 1960er Jahren mit einem Stipendium der Vereinten Nationen in London studierte. «Aber wenn wir alle aus Somalia fliehen, überlassen wir dieses Land den Terroristen», sagt er. «Und das wäre nicht gut.» Deshalb bleibt er und hofft, dass sich seine Mission eines Tages doch noch erfüllt und es im Land wieder Gerechtigkeit gibt.

* Name geändert.

Europäische Trainingsmission

«Es hat eben nicht jeder eine Uniform»

Ein bisschen schief klingt die somalische Nationalhymne, aber der deutsche Hauptfeldwebel Miguel Koke hört wie gebannt zu. Vor ihm stehen «seine» zwölf Auszubildenden, Soldaten der somalischen Armee, und singen. Nur acht von ihnen tragen eine Uniform, die anderen sind in Hemd und Hose gekommen, einer trägt einen traditionellen somalischen Wickelrock.

Koke sieht über solche Kleinigkeiten hinweg. «Es hat eben nicht jeder eine Uniform», sagt er, «aber sie sind trotzdem motiviert und wollen etwas lernen.» Der Hauptfeldwebel bleibt im Rahmen der Europäischen Trainingsmission (EUTM) für einen Kurs, also für rund sechs Wochen, in Somalia. Die 1205 europäischen Militärs sind für mehrere Monate vor Ort. Sie wohnen in einem Hochsicherheitscamp beim Flughafen von Mogadischu. Das Meer und die Dünen sind in Sichtweite, auch Sandsäcke und Stacheldraht geraten nie aus dem Blickfeld. «Da drüben ist das richtige Somalia», sagt Koke und zeigt auf den Sand jenseits der massiven Befestigung. Er meint damit potenziell lebensgefährliches Gebiet. Aber innerhalb von Trainingslager und Unterkunft fühlt Koke sich sicher.

Die EUTM berät auch die somalischen Streitkräfte und die Regierung beim Aufbau der Armee. Somalia soll sich künftig selbst verteidigen können. Auf dem Programm der EUTM stehen Kurse in Verwaltung, Fernmeldewesen, Führungswesen, dem Aufbau von Kommandostrukturen. «Wir fangen fast bei null an», sagt der stellvertretende Missionskommandant Anders Svensson. So gebe es beispielsweise nicht einmal im Generalstab eine erkennbare Struktur. Und für den Aufbau von Kommandostrukturen fehlt es nur schon an Funkgeräten; bislang sind Handys die einzigen Kommunikationsmittel.

Noch problematischer ist womöglich die Verlässlichkeit der Auszubildenden. Viele Soldaten werden der Armee von Clanmilizen «ausgeliehen». Im Ernstfall sind sie womöglich eher ihrem Clan gegenüber loyal als der somalischen Armee. Bei der Auswahl der Trainingsteilnehmer kann die EUTM nicht mitreden. Weil aber die EUTM ein transparentes Soldsystem habe und besser und zuverlässiger bezahle als die Milizen, hofft Svensson, dass die Soldaten nach der Ausbildung nicht zu den Islamisten überlaufen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch