Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Vertraute Sprache, fremde Schrift

In Dialektromanen wie dem eben erschienenen «Unger üs» von Guy Krneta wird Schweizerdeutsch zu einer Kunstsprache, die zum langsamen Lesen zwingt. Wer in Mundart schreibt, beschreitet einen regelfreien Raum.

Von Corina Caduff

In seinem neuen Dialektroman «Unger üs» erzählt Guy Krneta die Geschichte einer Familie auf Berndeutsch. «Familienalbum» heisst das Buch im Untertitel, und tatsächlich funktionieren die Episoden wie Einzelbilder, die sich mehr und mehr zu einer Erzählung fügen.

Patron der Familie ist der Grossvater, der eine Kette für Herrenmode aufgebaut hat, die allerdings keines seiner Kinder fortführen mag. Nun ruft er die Nachkommen zusammen, um die Zukunft des Familiengrabs zu diskutieren. Auf dem Stein ist lediglich noch für einen einzigen Namen Platz, also gilt es zu klären, ob die Familie das ablaufende Abo um weitere 25 Jahre verlängern und ein zweites Grab hinzukaufen soll: «Ob mir üs chönnti vorschteue, eines Tages das Familiegrab wöuen i Aaschpruch z nä. Aui hei gschwige.»

Das Körperliche der Sprache

Berichtet wird dies vom Ich-Erzähler, einem Militärdienstverweigerer, der dafür ins Gefängnis musste und schliesslich einer Liebe nach Peru folgte. Es geht in «Unger üs» um Internationalisierung und Vereinzelung in der Schweizer Geschichte, um Anti-Heimeligkeiten. Die letzte Reise des Grossvaters führt nach New York, wo er eine Enkelin besucht, die tote Sprachen erforscht: «Schprache syge ke Heimat u heige ke Heimat. Si sygen öpis, wo me sech tüeg aaeigne, für aaschliessend z meine, ds Eigete syg i ihne.»

Das Eigentümliche beim Lesen eines Dialektromans liegt darin, dass Intim- und Fremderfahrung aufeinanderprallen: Die Sprache ist sehr vertraut, doch die Schrift erscheint fremd; man erkennt kaum wie sonst beim Lesen auf den ersten Blick die Wörter, sondern wird zurückgeworfen auf das langsame, buchstabierende Lesen, bei dem sich jedes Wort zu einem Klang formt, dessen Bedeutung man erst so erkennt. Man muss also die Sinnlichkeit des Klangs nachstellen, um zu verstehen.

Beim Lesenlernen wird das Körperliche aus der Sprache vertrieben. Das merkt man daran, dass das eingeschliffene Standarddeutsch-Lesen ein rein kognitiver Vorgang ist. Lesen wir jedoch Dialekt, so ziehen wir die Spur des Akustischen nach, die die Schrift in sich trägt, und gewinnen damit ein Stück dieser Körperlichkeit wieder. Dieser Vorgang wird allenfalls übersprungen, wenn man ungewohnte schriftliche Ausdrücke wie «Auti» (nein, kein Plural von Auto) oder «Änkuching» (nein, nicht der König eines exotischen Reichs) gelernt hat und sie also wie beim Standarddeutschen direkt übersetzt: Alte, Enkelkinder. Wenn man so verfährt, kann man die Vertreibung des Körperlichen aus der Sprache gleichsam bewusst vollziehen und sich dabei selbst beobachten.

Oder aber man gibt sich ohne weiteres dem eigens produzierten Klang hin und erfreut sich an der «fremden» Schrift, die eine zu entdeckende intime Bedeutung der Dialektsprache bereithält. Das funktioniert auch dann, wenn es sich nicht um den eigenen Dialekt handelt. «Unger üs» eignet sich dafür besonders gut – nicht zuletzt deswegen, weil der Berner Dialekt hier nicht nur Gemütlichkeit verspricht, sondern weil aus den weichen Umlautklängen auch Risse, Kälte und Abgründe der Familiengeschichte aufbrechen, etwa wenn von Toden, Heimatlosigkeit und vergangenen Friedensbeschwörungen auf dem Bundesplatz die Rede ist.

Kein Schweizer Sonderfall

Die aktuelle Dialektliteratur speist sich vor allem aus der Spoken-Word-Szene (vgl. «In allen Sprachen klingt die ganze Welt mit» im Anschluss an diesen Text) und besteht weitgehend aus Kurztexten, die von der mündlichen Darbietung ausgehen und zu dieser zurückstreben – sie wollen vorgelesen werden. AutorInnen wie Stefanie Grob, Gerhard Meister, Ernst Burren oder Beat Sterchi schreiben vorwiegend in sich geschlossene, kürzere Textstücke, deren Lektüre nur wenige Minuten dauert. In dieser Nähe zur Spoken-Word-Szene liegt auch begründet, dass Dialektromane wie Krnetas «Unger üs» oder «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz so selten sind.

Der Dialektroman mag hierzulande also zwar rar sein, Dialektliteratur an sich aber ist alles andere als ein Schweizer Sonderfall: Dialektliteratur ist international. Man denke an den arabischen Raum, wo man sich schriftlich auf Hocharabisch verständigt, jedoch in der Belletristik und anderen Textsorten häufig Dialekte verwendet werden. Dies hat zurzeit etwa in Ägypten Konjunktur, zum Beispiel bei der Autorin Safaa Abdelmenem. Man denke aber auch an die Literatur in Kreolsprachen oder an bayrische oder österreichische Dialektliteratur.

Für den Sammelband «dialÄktik» hat Pedro Lenz jüngst eine avancierte Poetik der Dialektliteratur verfasst, in der er jegliche Art von nationalisierender Vereinnahmung ausdrücklich zurückweist: «Die Wahl einer kaum genormten Umgangssprache als Literatursprache teile ich mit Berufskolleginnen und Berufskollegen weltweit.» Lenz plädiert daher entschieden dafür, literarische Mundart weder pathetisch zu erhöhen noch abzuwerten. Er selbst gehe einfach vom akustischen Sprachklang aus, der ihn tagtäglich umgebe: Das Schreiben in der Umgangssprache stelle für ihn «keine Besonderheit dar, sondern einen bewusst getroffenen Entscheid für einen von vielen möglichen Wegen des Schreibens».

Wenn man zwei Sprachen beherrscht, die einen im Alltag begleiten, führt das in derselben Logik zu zweisprachigen Büchern. Das lässt sich gegenwärtig etwa bei Arno Camenisch oder der deutsch-japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada beobachten, und aufgrund von Migration und globaler Mobilität wird das künftig vermutlich bei immer mehr SchriftstellerInnen der Fall sein.

Obschon Mundartwellen in der Schweiz regelmässig wiederkehren und der Dialekt von den Medien und bildungspolitischen Diskursen immer wieder propagiert wird, erfassen und normieren diese Wellen doch nicht den Schriftbereich. Gerade diese Immunität gegenüber Normierungen mag für die Jugend, die den Dialekt exzessiv und kreativ in Kurznachrichten verwendet, so attraktiv sein. Für die Literatur ist sie ein Wagnis.

Dialekt zu schreiben, ist nach Pedro Lenz sehr viel schwieriger, als einen hochdeutschen Text zu verfassen, weil er «die Begriffe nicht im Duden nachschlagen» könne. Zwar gibt es für einzelne Dialektvarianten durchaus Grammatiken und Wörterbücher, aber schriftliche Mundart, so Lenz, sei «in jedem Fall als Improvisation, als Neuschöpfung und als Kunstsprache zu verstehen».

Das heisst auch, dass jeder Schriftsteller seine eigene (Mundart-)Schreibweise entwickeln muss. «Nachher» heisst beim Berner Autor Krneta «när», beim Berner Autor Pedro Lenz hingegen «nächär». Der bestimmte männliche Artikel lautet bei Krneta «dr», Lenz hingegen schreibt ihn wie im Hochdeutschen «der». Und während Pedro Lenz öfters direkte Rede schreibt, favorisiert Krneta praktisch durchgehend die indirekte Rede.

Das scheinbar Naheliegende

Auch wenn zu den Dialekten einzelne Regelwerke vorliegen: Im Gegensatz zum Duden sind diese kaum bekannt, sodass die LeserInnen gar nicht merken können, wo Autoren wie Lenz oder Krneta von irgendwelchen Regeln abweichen. Umso mehr muss jedeR SchriftstellerIn darauf achten, dass er/sie die selbst gewählten orthografischen und grammatischen Formen konsequent einhält.

Solche regelfreien Räume zu beschreiten, ist für KünstlerInnen immer eine grosse Herausforderung. Wer sich für das scheinbar Naheliegende entscheidet und in Mundart schreibt, macht es sich also keineswegs einfacher, im Gegenteil: Dialekt in den Literaturbetrieb einzuführen und zu behaupten, ist viel wagemutiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff ist Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Zuletzt ist von ihr das Buch «Szenen des Todes» (2013) im Lenos-Verlag erschienen.

Spoken Word

«In allen Sprachen klingt die ganze Welt mit»

Die aktuelle Dialektliteratur in der Schweiz gründet wesentlich in der Spoken-Word-Szene, die seit 2000 auf dem Vormarsch ist. Der bekannteste Player dieser Szene ist das Autorenkollektiv Bern ist überall, eine fünfzehnköpfige Gruppe, zu der auch Guy Krneta und Pedro Lenz (und ansonsten übrigens nicht nur BernerInnen) gehören.

In seinem Manifest legt das Kollektiv eine Sprachhaltung dar, die mithin die viel beschworene Dominanz des Berner Dialekts zurückweist: «Es gibt keine hohen und niederen Sprachen. In allen Sprachen ist Höhe und Tiefe. In allen Sprachen klingt die ganze Welt mit. Jede Sprache ist eine Brücke in die Welt. Wir fordern die Gleichstellung aller Sprachen.» Dieser Forderung kommt die Gruppe Bern ist überall nach, indem sie bei ihren Auftritten verschiedene Hochsprachen und Dialekte zusammen performt.

Verlegerisch unterstützt wird die Spoken-Word-Szene wesentlich durch den im Jahr 1998 gegründeten und in Luzern beheimateten Verlag Der gesunde Menschenversand, der nicht nur Printbücher und CDs anbietet, sondern auch sogenannte «enriched eBooks» mit Audiofiles und Visuals. Dass ausgerechnet ein literarischer Verlag im audiovisuellen Bereich experimentiert, ist zu begrüssen. Kauft man etwa Guy Krnetas neuen Roman «Unger üs. Familienalbum» als eBook, kann man einige ausgewählte Kapitel auch hören, vom Autor selbst vorgelesen.

Wer lieber auf die eigene Kraft der lautlichen Sprachimagination vertraut und den inneren Klang selbst herstellen will, ist mit dem Taschenbuch besser bedient.

www.bernistueberall.ch

www.menschenversand.ch

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