Steuerparadies Nidwalden: Die neuen Herren vom Bürgenstock

Nr. 40 –

Der katarische Staatsfonds steckt 500 Millionen Franken ins Hoteldorf auf dem Bürgenstock im Kanton Nidwalden. Jetzt wird die Anlage in eine luxuriöse Destination für Superreiche verwandelt.

Baugrube des Waldhotels

Unzählige AusflüglerInnen sind schon auf den Bürgenstock gefahren, hinauf zu diesem Felsen, der schroff aus dem Vierwaldstättersee ragt. Und oben sind sie an den alten Hotelpalästen vorbei zum berühmten Felsenweg gewandert. Der Rundblick auf den Vierwaldstättersee ist traumhaft.

Seit weit über hundert Jahren zieht es auch Reiche, Prominente und Mächtige auf den Bürgenstock. Zentralschweizer Hotelpioniere haben ihnen auf der Felskante ein Refugium gebaut. Jetzt ist in dieser Oase der Teufel los. Kräne ragen in den Himmel, Baulärm übertönt die Kuhglocken. Vom 140-jährigen Grand Hotel stehen nur noch zwei Eckkörper. Das Palace Hotel von 1905 ist komplett ausgehöhlt, das Park Hotel verschwunden. Wo das Waldhotel stand, klafft eine grosse Baugrube.

Die Bauarbeiter erstellen ein luxuriöses Resort mit einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel und einem Vier-Sterne-Superior-Hotel im ehemaligen «Palace» sowie ein neues Waldhotel, ein elfstöckiges Healthy-Living-Haus, wo Medical Wellness zelebriert wird. Dazu eine 10 000 Quadratmeter grosse Wellnesslandschaft, zwanzig Restaurants und Bars, Golf- und Tennisplätze sowie neue Parkhäuser.

Ab 2017 soll das Luxusresort 400 Zimmer und Suiten anbieten. Kostenpunkt: 500 Millionen Franken. Zwar gibt es ein Dutzend Zimmer und drei Restaurants für Normalverdienende, doch im Visier haben die Bauherren vor allem Luxusgäste – neben vermögenden SchweizerInnen «die reichsten Bevölkerungsschichten» in China, Indien, den Golfstaaten und Russland.

Adenauer, Gandhi, Sophia Loren

Die Investoren kommen aus dem Emirat Katar am Persischen Golf. Sie wollen ihre Volkswirtschaft diversifizieren und ihre Petrodollars sicher anlegen. Vertreter vor Ort ist Bruno H. Schöpfer, ein Luzerner, der seit Jahrzehnten in der Luxushotellerie arbeitet. Schöpfer ist Managing Director der Katara Hospitality Switzerland AG. Die Firma mit Sitz in Zug ist eine Filiale der Katara Hospitality in Doha, die der Qatar Investment Authority (QIA) gehört, dem Staatsfonds von Katar (vgl. «Zwielichtige Investoren» im Anschluss an diesen Text).

Einer der Eckkörper des alten Grand Hotels

In der QIA hat die katarische Herrscherfamilie der Al Thani das Sagen, mit Seiner Hoheit Tamim bin Hamad Al Thani an der Spitze. Der 34-jährige König ist seit 2013 Staatsoberhaupt der katarischen Monarchie, in der es weder Parlament noch Parteien gibt. Nun ist er mit seinem Clan auch noch Herrscher über das 200 000 Quadratmeter grosse Hoteldorf auf dem Bürgenstock.

Die Wirtschaftspresse feiert die Investoren als Retter des Bürgenstocks, denn viele Jahre ging im Hoteldorf nichts mehr; es drohte zu verfallen. Der letzte Besitzer, der Hotelier Fritz Frey, musste das hoch verschuldete Hotelensemble 1996 an die UBS abtreten. Die Bank verkaufte es an Investoren mit Sitz in Luxemburg. Ihre Schweizer Vorzeigeköpfe versprachen immer wieder einen Neuanfang. 2007 verkauften sie das Hoteldorf mit grossem Gewinn an die Kataris.

Der Bürgenstock, von reichen Engländern als Paradies entdeckt, erlebte in den fünfziger und sechziger Jahren seine grosse Blüte. Konrad Adenauer oder Indira Gandhi erholten sich auf dem Berg, Stars aus Hollywood schmissen hier tolle Partys. Auf alten Fotos posiert Hotelier Frey in Badehose mit Sean «007» Connery am Pool. Sophia Loren im Pelz kuschelt sich an den Gastgeber. Die säuberliche Trennung von Hautevolee und AusflüglerInnen in Wanderschuhen galt schon damals.

Doch was jetzt neu aufgebaut wird, sprengt alles Bisherige. Peter Frey, der älteste Sohn von Fritz Frey, erlebt das hautnah mit. Der Elektrounternehmer wohnt in Nachbarschaft zum Resort, und er mag nicht, was die Investoren aus Katar aus dem Boden stampfen: «Der Bürgenstock wird überladen mit Unmengen von Beton und einem abgehobenen Luxus. Das wird nur noch elitär.»

«Kein Feingefühl» hätten die Investoren, meint der Unternehmer, der in der familieneigenen Kapelle auf dem Bürgenstock klassische Konzerte organisiert. Er hätte das Resort lieber harmonisch entwickelt und mehr Bestehendes saniert. Der Nachfahre einer Hoteliersfamilie ist einer der wenigen, die sich kritisch über die Entwicklung auf dem Bürgenstock äussern.

Dass der Umbau nicht mehr Opposition provoziert, liegt am Managing Director Bruno H. Schöpfer. Der schlaue Entlebucher rief, als er 2008 von den Kataris engagiert wurde, sofort alle lokalen Umweltverbände an einen Tisch, darunter den Innerschweizer Heimatschutz und den Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee: «Gegen das Resort gab es nie Einsprachen seitens der Umweltverbände», sagt Schöpfer.

Geblendet vom Glanz der Dollars

Die Kritik kam von «aussen». Bernard Zumthor, Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Denkmalschutz (EKD), sagte gegenüber der Zeitung «Le Temps», die Umsetzung des Projekts vermittle «den Eindruck einer gefährlichen Improvisation».

Die EKD und die Eidgenössische Kommission für Natur- und Heimatschutz sind involviert, weil der Bürgenstock zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung gehört und das Hoteldorf zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung.

Mehrfach besuchten die Kommissionen das Hoteldorf, um an der Erarbeitung eines kantonalen Schutzplans mitzuwirken. Als sie Ende 2012, nach längerer Pause, das Resort aufsuchten, trauten sie ihren Augen nicht: Das Grand Hotel und das Hotel Palace aus der Belle Époque waren ausgehöhlt, viele Nebenanlagen zerstört. Die Kommissionen wussten nicht, dass der Kanton seinen Schutzplan mitsamt den «massiven Eingriffen» bereits genehmigt hatte; sie waren von Nidwalden auch nicht dar-über informiert worden.

Der Kanton habe die Empfehlungen der eidgenössischen Kommissionen nicht berücksichtigt, sagte Zumthor gegenüber «Le Temps». «Man bekommt klar den Eindruck, dass der Kanton vom Glanz der Dollars geblendet wurde.» Zumthor will nicht mehr darüber reden; das Thema sei «très sensible», und er habe wegen seiner Äusserungen grosse Schwierigkeiten bekommen. Auch der Präsident der EKD, Nott Caviezel, will keine Auskunft geben. Es handle sich um ein laufendes Verfahren. Derweil ist der kantonale Schutzplan, der bloss die Aussenmauern der historischen Hotels sowie ein paar Kleingebäude schützt, längst gegessen.

«Es war ein Fehler, dass wir den Kommissionen den Schutzplan nicht zustellten», gesteht der Nidwaldner Denkmalschützer Gerold Kunz. Und der Baudirektor Hans Wicki (FDP) räumt ein: «Im ganzen Prozess ist nicht alles perfekt gelaufen.»

Bruno H. Schöpfer sagt, mehr Denkmalschutz sei nicht möglich gewesen. Die Bausubstanz der Hotels sei teilweise schlecht gewesen; diese hätten die Anforderungen des Erdbeben- und Feuerschutzes nicht mehr erfüllt und seien den aktuellen energetischen Standards nicht mehr gerecht geworden. «Wir investieren immerhin 35 Millionen Franken in fünf denkmalgeschützte Gebäude. Teile der alten Fassaden der alten Hotels bleiben ebenso erhalten wie die historische Hotelhalle im Palace. Dieses Schmuckstück konservieren wir und bauen es wieder in das neue Gebäude ein.»

Die fünf denkmalgeschützten Gebäude sind Kleinbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren, darunter ein Stickereigebäude, eine kleine Wetterstation und ein winziges Trafogebäude. «Der Schutz dieser Kleinbauten ist eine reine Alibiübung», sagt Peter Frey. «Der Denkmalschutz hat versagt, kantonal wie eidgenössisch.»

Weshalb der Kanton die eidgenössischen Kommissionen ausbremste, bleibt unklar. Der Nidwaldner Denkmalpfleger Gerold Kunz: «Ich stehe zwischen den Ansprüchen der Bauherrschaft und den Möglichkeiten des Kantons. Die Forderungen aus Bern waren berechtigt, aber die Arbeit vor Ort verlangt andere Gewichtungen.»

Dabei geht es um sehr viel. Die Investoren wollen auf dem Bürgenstock 800 neue Arbeitsplätze schaffen, womit das Resort – nach den Pilatus-Flugzeugwerken in Stans – schlagartig die zweitgrösste Zahl an Arbeitsplätzen im Kanton zur Verfügung stellen wird. Und das Resort will im Vollbetrieb einen Umsatz von 130 Millionen Franken erzielen, wovon das lokale Gewerbe kräftig profitieren soll.

Fürs Marketing reichen der Bauherrschaft ohnehin die alten Fassaden, alles andere stört. «Der Gast, der solchen Luxus sucht, gibt sich nicht mit einer altmodischen Badewanne zufrieden, er akzeptiert keine knarrenden Böden. Wir spielen hier in der Liga der Spitzenluxushotels wie in Singapur, Paris oder den Golfstaaten.»

Der Kanton sorgt dafür, dass die Investoren in einer weiteren Liga an der Spitze mitspielen können. Angrenzend an die neuen Hotels entsteht eine Wohnzone, die ihresgleichen sucht: 68 luxuriöse Suiten mit Wohnflächen von bis zu 814 Quadratmetern. Drei Gebäude mit «Panorama Residence-Suiten» werden bereits ab diesem Herbst vermietet. Sie werden bis zu 20 000 Franken kosten – pro Monat. Gar 25 000 Franken kosten die «Grand Residence-Suiten» im ehemaligen Grand Hotel.

Geschlossene Gesellschaft

Richtig teuer wirds an der Felskante, wo «Lakeview Residence-Villas» ebenfalls mit Seesicht und eigenem Pool gebaut werden – mit Monatsmieten von bis zu 35 000 Franken. Alle Residenzen bieten einen Hotelservice mit Concierge, Housekeeping und Roomservice, und alle verfügen über individuelle Trockenverbindungen zur Spa-Landschaft. Der Zugang führt über eine neue Servicestrasse, von der gesonderte Wege zu den Residenzen abzweigen. «Ich befürchte, dass hier eine geschlossene Gesellschaft entsteht», sagt Peter Frey. Vor allem frage er sich, wer überhaupt die extrem teuren Residenzen mieten soll.

«Das sind Leute, die die Vorzüge in Nidwalden geniessen wollen», sagt Schöpfer. «Das günstige Steuerklima, die schöne Lage und die Vielfältigkeit der Facilitys.» Noch etwas präziser sagt es eine Studie der BAK Basel Economics: «Zur Zielgruppe zählen an der Pauschalbesteuerung interessierte Ausländer, gut verdienende, im Raum Luzern arbeitende Schweizer Paare ohne Kinder sowie in- und ausländische Pensionäre.» Dieser Zielgruppe offeriert Nidwalden die passenden Steuerregimes. Die Nidwaldner Personen- und Unternehmenssteuern gehören weltweit zu den tiefsten.

Auf die Entwicklung auf dem Bürgenstock kritisch reagiert haben bisher einzig ein paar junge Grüne, die sich kürzlich zu den Jungen Grünen Zentralschweiz zusammengeschlossen haben. Im August schrieben sie, das neue Resort sei «ein aberwitziges Projekt»: «Das angestrebte Kundensegment ist pauschalbesteuert und reist per Helikopter an. Die sonst von der bürgerlichen Politik geforderte Integration wird nur von ‹renitenten› Flüchtlingen verlangt, nicht aber von reichen Steuerflüchtlingen.»

Über Generationen hinweg war es immer dasselbe Spiel. Die reichen Gäste kamen, und sie gingen wieder. Das wird auch so bleiben. Zusätzlich setzt nun aber eine neue Entwicklung ein: die «Monacoisierung». Die Wegbereiter dazu sind die Einheimischen.

Zwielichtige Investoren

Der Staatsfonds Qatar Investment Authority, dem neben dem Resort auf dem Bürgenstock (vgl. Haupttext) auch die Fünf-Sterne-Hotels Schweizerhof in Bern und Royal Savoy in Lausanne gehören, ist auch an der Credit Suisse und am Rohstoffriesen Glencore Xstrata beteiligt. Das Vermögen des Fonds wird auf 170 Milliarden US-Dollar geschätzt. Im Privatbesitz eines Investors aus Katar ist zudem das Hotel Villa Honegg, ebenfalls auf dem Bürgenstock.

Menschenrechtsorganisationen berichten regelmässig über Menschenrechtsverletzungen in Katar. Dabei geht es um Vergewaltigungen von Dienstpersonal oder sklavereiähnliche Zustände beim Bau der Stadien für die Fussball-WM 2022.

«Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Investor zu beurteilen, sondern bloss, ob seine Baugesuche gesetzeskonform sind», sagt der Nidwaldner Baudirektor Hans Wicki (FDP). Bruno H. Schöpfer von der Bauherrschaft sagt: «Wir äussern uns nicht zu politischen Themen.»

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