Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

Ein blosser «Kollateralschaden»?

In Deutschland wird es womöglich zum letzten NS-Kriegsverbrecherprozess kommen. Enio Mancini, der 1944 ein Massaker an italienischen ZivilistInnen überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte.

Von Sabine Bade

Vor siebzig Jahren ermordeten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision «Reichsführer SS» im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose ZivilistInnen – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder. Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geraten ist, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines langjährigen, beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und nach Berichten von anderen Überlebenden konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter Mancini bis 2006 war.

Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben im abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Gräueltaten unterblieb.

Urteil in La Spezia

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von der deutschen Wehrmacht und der SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksicht gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom «vorläufig archivierten» Ermittlungsakten einer noch während des Kriegs eingesetzten US-amerikanischen Militärkommission dienten erst ab 1994 als Grundlage von Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision «Reichsführer SS» wegen «fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit» schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten blieb das folgenlos: Eine Auslieferung nach Italien mussten sie nicht befürchten.

Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker berichtet worden, vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Ab 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Nachforschungen ein: Das Massaker könne auch als Kollateralschaden der Partisanenbekämpfung gewertet werden. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung verfasste Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Stuttgarter Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Der Geist der «furchtbaren Juristen»

Gabriele Heinecke, Mitherausgeberin dieses äusserst lesenswerten Buchs, beschreibt in einem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden – Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden «furchtbaren Juristen» das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buchs hatte das letztmögliche Rechtsmittel – das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer – Erfolg: Der 3. Strafsenat sah «ausreichenden Tatverdacht» und «keine vernünftigen Zweifel» daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet gewesen waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten NS-Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

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