Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

Eine atemberaubende Biografie

Von Susan Boos

Alles begann mit einer Recherche über die düstere Vergangenheit des Klosters Fischingen im Kanton Thurgau. Es war ein Heim für «schwererziehbare Kinder», geführt von Patern. Im Sommer 2012 publizierte der Wiener Journalist Bernhard Odehnal, der für den «Tages-Anzeiger» über Ost- und Mitteleuropa berichtet, die Geschichte eines Österreichers, der als Kind in Fischingen versorgt worden war. Er schildert, wie dieser geschlagen und missbraucht wurde.

Bei seinen Recherchen stiess Odehnal auf Guido T., der in Fischingen Ähnliches erlebt hatte. Auch er war eingesperrt, geschlagen und von einem Pater vergewaltigt worden. Als Guido T. mit fünfzehn Jahren das Kinderheim verlässt, kann er kaum lesen, aber Sicherheitsschlösser öffnen, wie Odehnal schreibt. Das Heim sei eine eigentliche Gangsterschule gewesen. Guido T. erzählt Odehnal seine atemberaubende Lebensgeschichte – ein fantastisches Stück Oral History.

Guido T. fährt zur See, lebt später in Zürich und wächst ins Milieu hinein. Mit seinen Kumpeln begeht er einen Bruch nach dem andern. Er kommt ins Gefängnis, haut ab, kommt wieder rein, bis ein Sozialarbeiter dafür sorgt, dass er während seiner Haftstrafe eine Lehre absolviert, aber auch lesen, schreiben und Englisch lernt.

Damit ändert sich sein Leben. Guido T. wird von einer Schweizer Firma nach Nigeria geschickt und reüssiert. Mit 33, nach vier Jahren im Kinderheim, drei Jahren auf hoher See, drei Jahren als Einbrecherkönig und vier Jahren im Gefängnis wird er zum Vertrauten eines mächtigen Clanchefs in Nigeria. Er hat ein eigenes Haus mit Garten, einen Dienstwagen und eine Köchin. Später wird er weiterziehen, in Ägypten Hotels bauen und für Brown, Boveri & Cie (BBC, heute ABB) in Saudi-Arabien Schaltstationen installieren.

Guido T. schaffte es, weil er improvisieren und organisieren konnte – und vor allem, weil er die jeweiligen Sprachen lernte: Haussa in Nigeria, Arabisch in Ägypten. Die Gewalt, die ihm in Fischingen als Kind angetan worden war, hat ihn nie losgelassen. Heute ist er über siebzig und lebt mit einer winzigen Rente in Zürich. Eigentlich hatte er viel Glück.

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