Nr. 41/2014 vom 09.10.2014

Stabilisierungsversuche in der Senkrechten

Was zwingt ExtrembergsteigerInnen zu ständig neuen Höchstleistungen? Ihr narzisstisches Handeln passt zur neoliberalen Gesellschaft.

Von Pit Wuhrer

Es musste natürlich wieder ein Rekordversuch sein. Auf dem Gipfel des Shishapangma (8013 Meter) war Ueli Steck, der Schweizer Extrembergsteiger, zwar schon gewesen. Aber innerhalb von sieben Tagen gleich zwei Achttausender zu bezwingen (neben dem Shishapangma auch den 8201 Meter hohen Cho Oyu), die 170 Kilometer zwischen den beiden Bergen per Mountainbike zu bewältigen und jeweils mit Skiern abzufahren – das hatte vorher noch niemand geschafft.

Doch dann kam, vor zwei Wochen, was oft kommt an den ganz hohen Bergen: Kurz unterhalb des Gipfels des Shishapangma löste sich eine Lawine, die drei von Stecks vier Kollegen unter sich begrub. Zwei von ihnen – beide erfahrene und renommierte Höhenbergsteiger – überlebten den Lawinenabgang nicht.

Einfach Pech gehabt? Nicht ganz: Kaum eine Sportart ist so gefährlich wie der Extremalpinismus, und das wissen die Mitglieder der von Neid, Konkurrenzdenken und Egomanie zerfressenen Szene ja auch. Warum reihen sie trotzdem ein lebensbedrohliches Unterfangen ans andere? Weshalb jagen sie Rekorden hinterher? Welche Sucht treibt sie dazu, gleich nach einer überstandenen Tour das nächste, noch gefährlichere Abenteuer anzugehen?

Darüber hat der Psychologe Manfred Ruoss ein Buch geschrieben, das zu den besten und lohnendsten Werken der jüngeren Alpinliteratur gehört. Ruoss ist selber erfahrener Alpinist (auch wenn er sich bescheiden als «alpinistischer Universaldilettant» bezeichnet), und er ist noch immer viel in den Bergen unterwegs – weil er «die Jahre, in denen andere Leistungssport betreiben, gelenkschonend in finsteren Kneipen zugebracht» hat. So locker und so selbstironisch beschreibt er im Buch die eigenen Erfahrungen am Berg und auf Expeditionen zu Sechs- und Siebentausendern: Was treibt mich, wie verkrafte ich ein Scheitern, wie ändern sich Menschen, die sich (zu) hohe Ziele gesteckt haben? Oder, allgemeiner ausgedrückt: Müssen wir über Grenzen hinausgehen, um bestehen zu können (wie es uns die marktradikalen ApologetInnen des neoliberalen Kapitalismus laufend predigen)?

Das kurze Glücksgefühl

Die eigenen Erlebnisse und Selbstzweifel bilden einen wichtigen Teil des Buchs, das mit einer gut verständlichen theoretischen Abhandlung beginnt. Neben den Grundbedürfnissen Essen, Trinken, Schlafen benötigt der Mensch, so Ruoss, auch die Befriedigung anderer Bedürfnisse – nach Bindung, nach Orientierung und Kontrolle, nach Lustgewinn und nach Selbstwertstabilisierung –, um sich psychisch entwickeln und festigen zu können. Wir sind stets bestrebt, «Zustände herzustellen, in denen diese Bedürfnisse befriedigt sind». Das (normale) Bergsteigen ist ein probates Mittel dafür: die gemeinsame Anstrengung, das Glücksgefühl auf dem Gipfel, die Freude am Erfolg.

Allerdings hält das Vergnügen, das ein gelungener Bergtag bereitet, nicht bei allen an: Es verschwindet schon beim Abstieg wieder. Für diese Menschen ist das Bergsteigen eine Sucht, ein Zwang – weil sie ein als minderwertig empfundenes Selbst mit sich herumtragen, unter psychischen Spannungszuständen leiden oder glauben, sich und anderen durch immer neue Höchstleistungen etwas beweisen zu müssen. Mitunter zeigt sich bei diesen ExtremistInnen ein rücksichtsloser Narzissmus, der – so Ruoss – «besonders bei Führungsfiguren in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft» verbreitet ist.

Gefährliche Vorbilder

Woher kommt die Ruhelosigkeit? Was löst die unerträglich grossen Anspannungen aus, die manche der bekanntesten HöhenbergsteigerInnen offenbar nur mithilfe von starken Reizen (extreme Kälte, Ausgesetztsein, grosse Höhe, ständige Absturzgefahr) bewältigen können? Das zeigt Ruoss anhand von dreizehn Einzelbeispielen und einer Randnotiz zu Reinhold Messner. In diesen Biografien – die auch die Schweizer Alpinisten Christian Kluncker, Erhard Loretan, Stephan Siegrist und Ueli Steck berücksichtigen – seziert der praktizierende Psychotherapeut nüchtern, mitunter etwas bissig, aber stets auf Basis veröffentlichter Literatur Punkt für Punkt die Selbstaussagen berühmter ExtrembergsteigerInnen. Dabei attestiert der Autor den Risikosüchtigen narzisstisches Handeln, autistische Züge, Dominanzdenken und mangelnde Empathie – und zeigt auch die Ursachen dafür auf: Oft sind es Mangelerscheinungen in der Kindheit, Heimunterbringung, ein fehlender Elternteil, eine autoritär-herabsetzende Erziehung, die zum verzweifelten Bemühen um die Stabilisierung des Selbstwerts führen.

Dass ausgerechnet diese beschädigten Menschen von Managern und Politikerinnen als Vorbilder gefeiert werden, passt zwar in unsere leistungsgeile Gesellschaft, ist aber – so Ruoss – «nutzlos bis gefährlich». Nutzlos, weil «bergsteigerisches» Denken «kein Modell für komplexe Alltagsentscheidungen» sein kann. Und gefährlich, weil die Narzissten in den Führungsetagen zwar genauso «vom persönlichen Erfolg um jeden Preis besessen» sind wie Bergsteiger, im Unterschied zu diesen aber ganze Volkswirtschaften ruinieren können.

Auch wenn sich am Ende die Wiederholungen häufen: Das Buch steckt voller Erkenntnisse und bietet uns FreizeitbergsteigerInnen einen Trost: Wir erleben die Berge zwar nur auf Wanderungen und an mehr oder weniger einfachen Viertausendern, aber dafür sind wir psychisch einigermassen beieinander.

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