Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Träumen wir noch, oder sind wir bereits am Arbeiten?

Kulturtheorie als düstere Science-Fiction: Jonathan Crarys Plädoyer für den Schlaf als Gegenwelt zum Kapitalismus gerät zur hoffnungslosen Abrechnung mit der Gegenwart.

Von Daniela Janser

Wir nehmen Drogen, um nicht mehr schlafen zu müssen, und andere Drogen, um überhaupt noch schlafen zu können. Ein Pentagon-Projekt erforscht die Möglichkeit, menschliche Kampfmaschinen auszubilden, die eine ganze Woche ohne Schlaf auskommen und trotzdem tadellos funktionieren. Ein russisch-europäisches Raumfahrtskonsortium plant, mit Satelliten Sonnenlicht auf die Erde zu reflektieren, damit die langen Polarnächte industriell besser genutzt werden können. Schlafen wir noch, oder arbeiten wir schon?

Jonathan Crary fährt in seinem neuen Buch «24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus» von der ersten Seite an schweres Geschütz auf, um klarzustellen, dass unsere Nachtruhe akut in Gefahr ist. Der Kunsthistoriker und Professor an der Columbia University, der mit «Techniken des Betrachters» 1996 ein Standardwerk zu modernen Überwachungsmethoden vorlegte, hat nun eine Polemik über die «kapitalistische Endzeitvision» einer «Welt ohne Schatten» geschrieben. Seine Behauptung: Unsere Gegenwart erstrahlt auch ohne gigantische Spiegel im All rund um die Uhr im Widerschein der allgegenwärtigen Bildschirme, die uns den Schlaf rauben, die Geborgenheit zerstören und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Tag und Nacht immer weiter auflösen.

Angleichung an die Maschinen

Die Zeit ist aus den Fugen, der Ausnahmezustand ist im neoliberalen Regime zur Regel geworden. Ziel dieses Regimes sind die Herstellung und Erhaltung willfähriger Subjekte, die in ihrer kindlichen Freude an immer neuem Technospielzeug nicht merken, dass dieses ihr Leben zerstört und es kaum noch Schlupfwinkel gibt, um sich dem wirtschaftlichen Zugriff auf alle Lebensbereiche zu entziehen. Für Crary sind wir längst SklavInnen unserer Geräte, weil wir nicht merken, dass diese «aufgezwungenen Wegwerfprodukte» uns benutzen statt wir sie.

Auf den ersten Blick sitzt diese kulturpessimistische Kritik. Niemand würde leugnen, dass die sogenannten neuen Medien die Arbeitstage eher verlängern, die Grenzen zur freien Zeit aufweichen, die Hektik steigern – und dass wir uns dabei ein Stück weit sogar den Maschinen angleichen. Oder warum sonst würden die Menschen stolz erzählen, dass sie das iPhone aus dem Schlafzimmer verbannt haben oder in den Ferien endlich wieder einmal «ihre Batterien aufladen» müssen?

Trotzdem wächst beim Lesen von «24/7» ein Unbehagen darüber, wie da einer von der Erfindung der Gaslampe über die Industrialisierung bis zum Siegeszug des Fernsehens in den fünfziger Jahren springt, um schliesslich in der digitalen Gegenwart zu landen und nur eine einzige unheilvolle Geschichte der fortschreitenden Entmächtigung des Menschen sehen will. Zitat: «Das Fernsehen verkörperte die Falschheit der Welt, beseitigte aber auch jede Vorstellbarkeit einer ‹wahren› Welt.»

Wenn Crary auch noch andeutet, dass die Digitalisierung eine verheerendere Wirkung auf das Leben der Menschen habe als die Industrialisierung, wird man den Verdacht nicht mehr los, dass der nicht mehr ganz junge Professor vielleicht durch die E-Mail-Flut in seinem Postfach aus seiner privaten Ruhe gerissen wurde. Und in seiner Überforderung ist ihm entgangen, dass eine Fabrikarbeiterin, ein Fabrikarbeiter aus dem 19. Jahrhundert auch ohne Internetanschluss bereits eine sehr ähnliche Geschichte von geraubtem Schlaf und Alltagsleben zu erzählen gehabt hätte.

Rührendes Plädoyer

In Crarys erhitzter Kampfrede gegen die Unnatur der digitalen Welt gehen seine bedenkenswerten Anliegen fast unter: sein Plädoyer für mehr Vorstellungskraft und Träume statt standardisierter Fantasien, mehr Gesellschaft statt Vereinzelung und mehr aktive Bürger- statt blosser Zuschauerschaft. Auch sein an sich sehr interessanter Abriss zu den Revolten der sechziger und der heftigen Gegenrevolution der achtziger Jahre als der Geburtsstunde des Neoliberalismus gerät schliesslich unter die Räder der Polemik: Philip K. Dicks Roman «Träumen Androiden von elektrischen Schafen?» (1968) wird von ihm als geniale, prophetische Kritik des neoliberalen Zeitgeists vorgestellt, Ridley Scotts Filmversion «Blade Runner» (1982) nur noch als dessen willenloses Opfer. So einfach darf man es sich nicht machen.

Crarys Buch endet mit einem rührenden – und wortgewaltigen – Plädoyer zur Rettung des Schlafs als letzter natürlicher Bastion gegen die pausenlose Belagerung unseres Alltags durch Konsumzwang und digitalen Kommunikationswahn. Bloss, stimmt das auch, sind Schlaf und Traum wirklich geheimnisvoll autarke Bollwerke gegen die Vereinnahmungen der Gegenwart? Oder konkreter gefragt: Ist es wirklich radikaler, von der Revolution zu träumen, als von ihr zu twittern? Womöglich ist Crarys ziemlich einseitiges und ganz undialektisches Loblied auf den Schlaf auch einfach ein Erschöpfungssymptom.

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