Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Abgefederte Zeitenwende

Von Jochen Kelter

Im Jahr 1976 erschien Karin Kiwus’ erster Gedichtband «Von beiden Seiten der Gegenwart». Der Band wurde von der Kritik einhellig gelobt und erlebte vier Auflagen. Es waren unruhige Zeiten damals auch für die Lyrik, aber Gedichte wurden ernst genommen, über sie wurde gestritten. Die einen wollten sie im Museum entsorgen, andere sie politisch instrumentalisieren, wieder andere sie dem Alltag öffnen. Es war eine Zeitenwende in der deutschsprachigen Dichtung.

Vielleicht bestand Kiwus’ Erfolg darin, dass sie es nach dem Tod von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Günter Eich schaffte, ihre Gedichte einer «neuen Subjektivität» – so ein Schlagwort von damals – dem persönlichen Alltag zu öffnen. Dies, ohne dem Parlandoton und mäandernden Monologen zu verfallen, die Rolf Dieter Brinkmann damals mit den Gedichten von Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti oder Frank O’Hara aus den USA herüberbrachte. Kiwus entzog sich einer allzu selbstbezogenen Schreibweise, wie sie Jürgen Theobaldy (mit dem Hölderlin-Motto «Komm! Ins Offene, Freund»!) oder Friedrich Christian Delius praktizierten. Bei aller Lakonie und Nüchternheit hielt sie einen vergleichsweise hohen Ton, der die alltägliche Begebenheit als etwas Besonderes ins Gedicht hebt.

Drei Jahre später erschien der Band «Angenommen später», erst 1992 ihr dritter Band «Das chinesische Examen» sowie nochmals vierzehn Jahre später, im Jahr 2006, «Nach dem Leben». Vier Gedichtbände in dreissig Jahren stellen ein schmales dichterisches Werk dar, geschuldet vielleicht auch ihrer Arbeit als Lektorin und vor allem ihrer Tätigkeit als «Sekretär der Abteilung Literatur» der Berliner Akademie der Künste, die sie mit einer dreijährigen Pause von 1975 bis 2005 ausübte. Dass diese Gedichte von Beginn bis heute Bestand haben, belegt die Gesamtausgabe ihres lyrischen Werks, das in diesem Frühjahr unter dem Titel «Das Gesicht der Welt» erschienen ist. Auffällig ist in ihnen immer wieder das Zusammengehen von Sehen, Malen und Schreiben, die Kiwus ein ganzes Dichterinnenleben begleitet haben, nachzulesen etwa im Gedicht «Bonjour Monsieur Soutine» (von 1992) oder im Schlussgedicht der Gesamtausgabe, «Leonardos Engel».

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