Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Im Selbstgespräch über unruhige Zeiten

«Was hast du dir bei alledem gedacht?» Zu seinem 85. Geburtstag blickt Hans Magnus Enzensberger auf den Umbruch von 1968 zurück. Und bleibt die Sphinx, die er immer war.

Von Felix Schneider

Mit dem Band «Tumult» verspricht Hans Magnus Enzensberger viel. Und er hält auch viel, allerdings nicht das, was er verspricht. Wenn er Erinnerungen an die Jahre 1967 bis 1970 ankündigt, so weckt er hohe Erwartungen, denn er war mit seinen Gedichten, seinen Essays und seiner Zeitschrift «Kursbuch» eine Orientierungsfigur für die rebellische Intelligenz. In späteren Jahren irritierte er dann immer wieder mit politischen Wenden und Volten, etwa als er Iraks Diktator Saddam Hussein zu einem «Wiedergänger» Hitlers erklärte oder als er den US-Krieg gegen den Irak verteidigte. Umso neugieriger ist man zu erfahren, wie er heute zu seiner Haltung der sechziger Jahre steht, zur Ablehnung des US-Kriegs gegen Vietnam, zu seiner damaligen Systemopposition.

Nun misstraut Enzensberger Autobiografien grundsätzlich. Auch will er das chaotische Durcheinander der beschleunigten Zeit um 1968 nicht nachträglich in eine saubere Ordnung pressen oder seinem Verhalten rückblickend eine rechtfertigende Logik unterstellen. Er gibt seinen Erinnerungen deshalb die Form eines Gesprächs zwischen dem alten und dem jungen Enzensberger. Das ist schiefgegangen. Der junge Enzensberger ist natürlich kein anderer als der alte. Für zwei ist da kein Platz. Der alte Enzensberger bleibt peinlich-blasser Stichwortgeber, mit der einzigen Aufgabe zu rufen: «Schnitt!» – damit der andere zum nächsten Erinnerungssplitter hüpfen kann.

Lustvoll widersprüchlich

Enzensberger bekennt, dass ihm der junge, wilde Doppelgänger gleichen Namens heute fremd ist. «Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Lieber, was hast du dir bei alledem gedacht?» Bingo! Das tät uns auch interessieren. Aber was er damals dachte und wie er heute darüber denkt, genau das erzählt er kaum – was typisch ist für «HME».

Eine Sphinx nennt ihn sein Schriftstellerkollege Hans Christian Buch. Enzensbergers ganzes Schreiben läuft darauf hinaus, die Aufmerksamkeit des Lesers vom Autor ab- und auf die Wirklichkeit hinzulenken. Er verfügt über eine magische Beschreibungsgabe. Ob er eine ganze Gesellschaft, eine Epoche, einen Menschen oder ein einzelnes Objekt schildert: Seine Sprache wirkt auf die Realität wie ein Föhnsturm auf eine Landschaft, sie macht alles plastischer. Lustvoll sammelt Enzensberger Widersprüche, radikal spitzt er zu, elegant lässt er seinen an Diderot geschulten Stil spielen – und immer bleibt eine ironische Distanz zu allem und jedem. Wie er selbst es wirklich meint, das erfährt man nie. Oder fast nie.

«Tumult» beginnt mit zwei Manuskripten, die Enzensberger angeblich in seinem Keller gefunden hat: Tagebücher von Reisen durch die Sowjetunion 1963 und 1966. Wer jemals selbst in der UdSSR war, wird jubeln, wer jünger ist, kann sie erleben, als gäbe es sie noch. Da sind die gewaltigen, brutalen Industrieanlagen mit ihren ArbeiterInnen, geschunden und doch stolz. Die russische Eisenbahn, das rollende Wohnzimmer mit Babuschka und Tee. Die ökologischen Katastrophen, die im westlichen Betrachter den plötzlichen Wunsch nach einer Rache der Natur erwecken. Und die abgewrackten Flugzeuge! Und Moskau! Höhepunkt ist ein grandioses Porträt des Staatspräsidenten Nikita Chruschtschow. Enzensberger schildert ihn als gerissenen Bauern: «Von seiner grössten politischen Leistung ahnte er nichts. Sie liegt in der Entzauberung der Macht. (…) Den Personenkult dementiert er nicht allein ideologisch, sondern durch seine Person.»

Am Rand eines russischen Rummelplatzes «in der Dunkelheit folgt ein tête-à-tête im Gras. So hat ein amour fou angefangen, der das Zeug hat, sich zu einem vehementen russischen Roman zu entwickeln.» In so distanziertem Ton verrät Enzensberger erstmals etwas von seinem bisher abgeschirmten Privatleben. Für die faszinierende, aber schwierige Mascha, die er mitten im Kalten Krieg in Russland heiratet, verlässt er Frau und Tochter. Immerhin besucht er die beiden oft in Norwegen. Allerdings ist er von 1967 bis 1970 auch oft in Rom, und er wohnt in Berlin, und am längsten ist er in Kuba, aber er unternimmt auch eine Weltreise bis Phnom Penh, und eigentlich hat er einen Lehrauftrag in den USA … Enzensberger irrlichtert durch Europa. Immer hat er – weiss der Teufel, wie er das macht – die grosszügigsten Einladungen. In Connecticut sitzt er in einer Vierzehnzimmervilla, bezieht ein «beträchtliches Gehalt», verfügt über ein eigenes Sekretariat – schickt aber dem Unipräsidenten einen Brief, in dem er die herrschende Klasse der USA beschimpft und seine sofortige Abreise nach Kuba ankündigt.

Wenn er von Kuba erzählt, bewähren sich seine Realitätsschilderungen wieder vortrefflich. Im einst prächtigen internationalen Luxushotel sitzen jetzt verdiente Zuckerarbeiter und Mechaniker und halten die Hände ihrer Freundinnen. Kuba lebt in Enzensbergers Bildern. Das zunehmende Entsetzen über Misswirtschaft und Unterdrückung verdrängt nie ganz die Liebe zu Land und Leuten. Er geniesst den Antipuritanismus der Kubaner, bewundert, dass eine Frau dort Parteifunktionärin, Marxistin und Wahrsagerin in einer Person sein kann, erlebt aber auch, wie Freunde verfolgt, Homosexuelle diskriminiert, die Ressourcen des Landes vergeudet werden.

Der Tumult war nicht umsonst

Und Berlin? Enzensberger freut sich über die «Erschütterung der deutschen Ordnung». «Antiautoritär – das war die Parole.» Er zeichnet wunderbare Porträts von Rudi Dutschke, Bahman Nirumand, Gaston Salvatore und anderen. Bei aller Skepsis gegenüber Fraktionskämpfen findet er: «Umsonst war der Tumult nicht gewesen», das Land sei zivilisierter, entspannter geworden. Auch viele anschauliche Details sind hier zu lesen – nur eines wüsste man zu gern: Die aphoristischen Notizen, die Enzensberger unter dem Titel «Berliner Gemeinplätze» im «Kursbuch» der sechziger Jahre veröffentlichte, machen deutlich, dass bei ihm damals hinter der ironischen Distanz eine tiefe Überzeugung steckte, nämlich die von der Notwendigkeit einer Revolution, von der Dringlichkeit einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft. Zu gerne wüsste man, ob HME diese Überzeugung beibehalten oder aufgegeben hat.

Enzensberger spielt zwar die Bedeutung, die er für das Geschehen der sechziger Jahre in der Bundesrepublik hatte, systematisch herunter. Tatsache ist aber, dass unzählige Lehrerinnen und Lehrer seine Gedichte im Unterricht eingesetzt haben. Am Frankfurter Abendgymnasium, an dem ich damals unterrichtete, vermittelte eine der wichtigsten Unterrichtseinheiten im Fach Deutsch Enzensbergers «Verhör von Habana», «ein Selbstbildnis der Konterrevolution», das natürlich mit der Revolution sympathisierte. Nicht, dass ich den damaligen Unterricht bereue – aber ein Wort des Autors aus heutiger Sicht zu seinem Dokumentarstück fände ich angebracht.

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