Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Wer fährt das Tram? Wer holt den Müll?

Von Wolfgang Storz

Für alle, die sich intensiv mit Fragen der Arbeitsbedingungen im Service public beschäftigen müssen oder wollen – ob als Gewerkschafter, als Personal- oder Betriebsrätin, als Wissenschaftler oder als Politikerin – ist das Buch «Im öffentlichen Dienst» Pflichtlektüre. Aber lesen sollten es eigentlich alle. Denn der Band mit dem etwas schwerfälligen Untertitel «Kontrastive Stimmen aus einer Arbeitswelt im Wandel» ist in mehrerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Es beschäftigt sich mit unserem Alltag, der wesentlich von öffentlichen Dienstleistungen bestimmt wird. Das Tram fährt, der Müll wird abgeholt, die Rechnung liegt im Briefkasten, die Tochter wird täglich unterrichtet, der Arzt operiert – wer erbringt diese Leistungen wie?

Im Mittelpunkt des Buchs stehen die Beschäftigten, also jene, die täglich im öffentlichen Dienst stehen. Die Studie basiert auf zahlreichen Intensivinterviews, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter Federführung und Verantwortung von renommierten Soziologen wie Berthold Vogel und Franz Schultheis (siehe WOZ Nr. 29/2014) geführt wurden. Diese Interviews zielten darauf ab, wie sich die Arbeitsbedingungen in öffentlichen Krankenhäusern, bei den Verkehrsbetrieben, in Schulen verändern – und wie die Beschäftigten mit diesen Veränderungen (meist geht es dabei um Prozesse der Ökonomisierung) umgehen.

Die AutorInnen sehen in ihrer «qualitativen Gesellschaftsdiagnose von unten» einen weiteren Beitrag zu einer «verstehenden Soziologie der Arbeitswelt». Ihr Anspruch: Sie stellen die Interviews mit den Beschäftigten so in den jeweiligen Kontext, dass «soziologische Porträts» entstehen, und orientieren sich dabei an der Beobachtung von Karl Marx, demzufolge die Menschen zwar ihre eigene Geschichte machen, aber nicht unter frei gewählten Bedingungen, sondern unter vorgegebenen oder ihnen aufgezwungenen Umständen. Es ist ein wissenschaftliches Buch zum Reinschauen: verständlich geschrieben und aufbereitet, den Alltag aus einer anderen Perspektive präsentierend, mit teilweise sehr überraschenden Befunden.

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