Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Zu alt, zu weltlich, zu dunkelhäutig

Von Anna Wegelin

Die Anthologie «Küsse und eilige Rosen» hat 1998 die Literatur der «fünften Schweiz» sichtbar gemacht. Dreissig Kurztexte wählte das Herausgeberinnentrio Chudi Bürgi, Anita Müller und Christine Tresch damals aus. Sie stammten von AutorInnen, die es aus den unterschiedlichsten Gründen in die Schweiz verschlagen hatte. Der Schriftsteller Yusuf Yesilöz war einer von ihnen.

Yesilöz flüchtete 1987 aus der Türkei in die Schweiz. Die Problematik der kulturellen Identität hat der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller und Filmemacher aus Winterthur in seinen bisher neun Buchveröffentlichungen konsequent und variantenreich behandelt. In seinem neuen Roman «Soraja» tut er dies erneut – auf unaufgeregte Weise.

Der Protagonist Ferhad ist ein gepflegter, sympathischer Endvierziger. Er ist alleinstehend und lebt in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. Nach über zwei Jahrzehnten in der Fremde will er in die Türkei zurückkehren, um dort vielleicht heimisch zu werden. Es geht ihm zwar nicht wirklich schlecht. Aber dass es ihm nicht vergönnt war, die um einiges jüngere Soraja zu heiraten, trägt zu seinem melancholischen Gemütszustand bei. Zu alt, zu weltlich und auch zu dunkelhäutig war er Sorajas Eltern: Ferhads Mutter, die früh starb, war die Nachfahrin kenianischer SklavInnen, er selbst wird oft für einen Afrikaner gehalten. Auch Soraja, die einen eigenwilligen Mix aus angepasster und eigenständiger Lebensführung in sich vereint, hat sich für die Norm entschieden und einen anderen geheiratet.

«Soraja» spielt in den letzten Wochen vor Ferhads Reise in eine ungewisse Zukunft. Nach Spannungsmomenten während dieser trägen Zeit des Wartens, Rückblenden in Ferhads Kindheit sowie der Bekanntschaft mit rund einem Dutzend Figuren aus der Entourage des Erzählers endet die Geschichte unvermittelt: Ferhad, der soeben seine Wohnung in Ankara bezogen hat, erreicht eine freudige Nachricht. Ob sich sein Traum erfüllen wird, bleibt offen. Wie so manches im Leben.

Yusuf Yesilöz liest am Samstag, 8. November 2014, um 18.30 Uhr im Rahmen der «BuchBasel» im Museum Kleines Klingental. Moderation: Anna Wegelin.

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