Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Der reine Reim aufs Leben

Die deutsche Autorin Angelika Overath lebt seit mehreren Jahren im Unterengadin. Kurz nach ihrem neuen Roman «Sie dreht sich um» sind jetzt erstmals romanische Gedichte von ihr erschienen.

Von Eva Pfister

«In üna / lingua estra / tout es da stà», so lautet eines der «Gedichte aus den ersten Wörtern», wie Angelika Overath ihren ersten Lyrikband, «Poesias dals prüms pleds», nennt. Und auf Deutsch: «In einer / fremden Sprache / ist immer Sommer». Seit 2007 lebt die deutsche Reporterin und Schriftstellerin mit ihrer Familie in Sent. Ihr Sohn lernte dort in der Schule Romanisch, und da die Autorin sich mit Begeisterung in das Leben im schönen Unterengadiner Dorf stürzte (sehr spannend zu lesen in ihrem Senter Tagebuch «Alle Farben des Schnees»), lernte sie das Unterengadiner Idiom Vallader gleich mit.

Die Gedichte seien spielerisch entstanden, schreibt Angelika Overath im Vorwort zu ihrem zweisprachigen Gedichtband: aus Freude über den Klang, die Reime und die Anschaulichkeit des Romanischen. Dass die Küche eigentlich das «Haus des Feuers» ist, wie die wörtliche Übersetzung von «Chadafö» lautet, inspirierte sie ebenso zu einem Gedicht wie der Apfel, als der sich das «Mail» entpuppte.

Doktorarbeit über lyrisches Blau

«Vallader schreiben heisst / mit der Sprache liebäugeln», stellt die Autorin in einem Gedicht («Scriver in vallader es / marusar cun la lingua») fest. Und in ihrer neuen Sprache entdeckt sie auch, dass Gedichte «Probeläufe fürs Leben» sein können: «Poesias: / spics / per la vita». Oder besser «Hilfslinien / für das Ich»? Denn eigentlich findet die neugeborene Lyrikerin, dass man romanische Gedichte nicht übersetzen kann. Darum bietet sie oft mehrere deutsche Varianten an.

Overath, die 1957 in Karlsruhe auf die Welt kam, war eine erfolgreiche Journalistin, ausgezeichnet mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, als sie begann, literarische Texte zu schreiben. «Nach dem Tod meiner Eltern sass ich am Computer und schrieb Erinnerungssplitter, die in keines meiner Themen, auch nicht in einen Essay, hineinpassten. Ich merkte: Da wollte etwas erzählt werden. So kam es zu meinem ersten Roman, der im weitesten Sinne eine Auseinandersetzung mit meinem Elternhaus ist.»

«Nahe Tage» erschien 2005, mit dem zweiten Roman, «Flughafenfische», kam Angelika Overath 2009 auf die Shortlist des Deutschen und des Schweizer Buchpreises. Ursprünglich hatte sie Kunst studieren wollen, schwenkte dann doch auf Germanistik und Geschichte um. Aber sie blieb mit der Kunst verbunden. Ihre Doktorarbeit widmete sie der Farbe Blau in der modernen Lyrik. Und von Kunst handelt auch ihr neuer Roman «Sie dreht sich um».

Dessen Protagonistin Anna Michaelis, fünfzig Jahre alt, Journalistin in Berufs- und Ehekrise, ist auf der Flucht. Sie nimmt den erstbesten Flug und landet in Edinburg. Dort führt sie ihr Weg in die National Gallery, denn «Museen waren sichere Orte. Tarnkappen. In ihren Räumen musste man sich nicht verhalten.» Erschöpft betrachtet sie Paul Gauguins «Jakobs Kampf mit dem Engel». Im Vordergrund des Bilds sind weisse bretonische Hauben zu sehen: junge Mädchen, die dem Kampf zuschauen.

Auf einmal hört Anna eine Stimme: «So war es aber nicht. Wir sind nicht dagestanden und haben fromm und ergriffen hingeschaut.» Eine der jungen Bretoninnen, die nur von hinten zu sehen ist, erzählt, wie es wirklich war 1888 in Pont-Aven, als Gauguin und seine Kollegen jede Ecke des malerischen Orts abpinselten und natürlich auch die jungen Frauen zum Modell nahmen. Nach dem ersten Schrecken lässt Overath ihre Protagonistin sinnieren: «Es gab das absolute Gehör. Für jemanden, der es nicht hatte, war das eine unglaubliche, eine nicht verständliche Begabung. Vielleicht gab es auch das absolute Sehen. Vielleicht radikalisierte sich die Wahrnehmung mit den letzten Kräften.»

Kunst als Freiheit und Trost

Jakobs Kampf mit dem Engel, diese biblische Geschichte, die für Paul Gauguin zum Sinnbild des Kampfes mit seiner Kunst wurde, inspiriert Anna Michaelis zu einer Expedition, die für sie auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst bedeutet. In verschiedenen Städten findet sie weibliche Rückenansichten, die vom Leben mit der Kunst und vom Zusammenleben mit Künstlern erzählen. In Boston etwa, wo sich Anna länger aufhält, was Angelika Overath auch Gelegenheit zu einem inspirierten Stadtporträt bietet, beginnt die Frau zu sprechen, die auf Edward Hoppers Gemälde «Room in Brooklyn» auf einem Bett sitzend zum Fenster hinausschaut. Es ist Hoppers Ehefrau Jo, die für ihren Mann die eigene Malerkarriere aufgab – unter der Bedingung, dass er nur sie zum Modell nahm. Anna lernt andere MuseumsbesucherInnen kennen, es sind kurze, intensive Begegnungen, aber immer zieht sie allein weiter, in die nächste Stadt, zum nächsten Bild, auf ihrer Expedition durch die vielfältigen Möglichkeiten des Lebens für Frauen, für Künstler.

Annas Reise verhilft ihr zu einem neuen Selbstbewusstsein. Kann denn Kunst Hilfe in einer Krise sein? «Ja, natürlich», sagt Angelika Overath: «Kunst kann eine Rettung sein. Wenn Sie mich jetzt fragen, was ich von Kunst erwarte, würde ich ganz holzschnittartig sagen: Freiheit oder Trost.»

Das gilt auch für die Poesie. «Schreiben, ein romanischer Reim» heisst eines der Gedichte. «Tants pleds per murir! / Ed üna spüra rima per viver», lautet die letzte Strophe. «So viele Wörter für sterben! / Und ein reiner Reim auf Leben.» Der Reim steht im Titel: «Scriver».

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