Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Die Essenz einer Kindheit

Von Anna Wegelin

Alter macht glücklich, weiss die Generationenforschung, also dürften wir getrost nach vorn schauen. Die eigene Erfahrung ist allerdings: Je mehr Jahre man auf dem Buckel hat, desto mehr holt einen die eigene Herkunft ein, im Schönen wie im Schwierigen.

Vom Schwierigen berichtet Urs Schaub zwar auch in seinem autobiografischen Erzählband «Das Lachen meines Vaters», von Kindheitserinnerungen an seine Arbeitsferien bei Verwandten auf einem Bauernhof im Oberaargau: zur Strafe Steine zusammenlesen auf dem Acker, die unerwiderte Liebe zur älteren Cousine aushalten, dem Teufel ins Gesicht sehen. Aber das Schöne, die Idylle, überwiegt in den Miniaturen, an denen der Stadtbasler Autor der Tanner-Krimis während vieler Jahre immer wieder gearbeitet hat. Es sei wie beim Konfieinkochen gewesen, meinte der 63-Jährige an der Buchvernissage: Am Schluss sei nur noch die Essenz übrig.

Das Schöne, das für ihn auch Sehnsucht und Stille bedeutet, ist im Buch: wenn er mit seinen Tanten, Onkeln, der schönen Cousine und dem Knecht Znüni isst, sich beim Kühehüten in verantwortungsvollem Nichtstun übt oder mit dem Hofhund gemeinsam ungebetene Gäste anknurrt. Schaub versteht sich auf die Kunst der kindlichen Erzählperspektive – unmittelbar am Geschehen, nah bei den Gefühlen, kreativ in der Fantasie. Dass die Ironie des erwachsenen Erzählers durchscheint, bekommt seinen Texten ausgesprochen gut. Die Essenz ist spürbar: Die Sätze wirken wie polierter Bergkristall.

«Das Lachen meines Vaters» sei eine «Familienangelegenheit», so der Autor auch in Bezug auf die Illustrationen von Sebastian Schaub, seinem älteren Sohn. Wer wie die Schreibende ein Landei ist und nicht mehr ganz jung, spürt eine Vertrautheit mit dem Erzählten. Gut, dass Schaubs Bauernhofgeschichten immer wieder auch nicht realistische, irrlichternde Momente enthalten. Sie geben dem Schönen und Schwierigen ein paar schräge Ecken und Kanten.

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