Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Schöner als schwer

Von Köbi Gantenbein

Gewiss, wir schlucken leer: «Heimat». Kann das gut kommen? Und erst noch, wenn ein Ländlertrio sie spielt? Das Coverdesign tröstet den Schluckauf. «Heimat» ist für den Schriftzug nicht im Krüzlistich, sondern mit der Maschine gestickt. Man darf also die CD in die Hände nehmen, ohne von seinesgleichen grad an einen Buurezmorge verbannt zu werden. Und Kapellmeister des Ländlertrios ist ja Pius Baumgartner, als Jazzmusiker weit gereist und also gewiss nicht heimatvernagelt.

Also tauchen wir ein in seine zweite Heimat, die Ländlermusik in Engadiner Art – von der Klarinette geführt, von Bass und Örgeli als Rhythmusinstrumenten getragen. Das zweite Stück, «Schöner als schwär», stimmt das Programm an. Ein Wettrennen in der zeitgenössischen Volksmusik heisst ja: schnell, lauter, am virtuosesten. Baumgartner könnte in diesem Spitzensport wohl mithalten, er setzt aber auf «schöner». Schön, wie er seine Klarinette durch die Ländler, Schottisch und Walzer führt. Nichts wird verschliffen, die Töne tanzen leichtfüssig, präzise und spitzig intoniert. Noch schöner, wie er die für die Klarinettengriffe komplizierten Melodien einfach tönen lässt. So, als ginge das mit einmal Luftholen. Und am schönsten, wie klar, hell und singend sein Handörgeler Johann Buchli (einer der Grossen an diesem Instrument), seine Bassistin Martina Rohrer und er selbdritt spielen, da und dort unterstützt von Markus Flückigers zweitem Örgeli.

Die Hälfte der Stücke hat der Engadiner Pius Baumgartner, der seit ein paar Jahren im Unterland lebt und als Saxofonist in bekannten Bands spielt, auch komponiert. Ganz im Genre dieser Musik fügt er Variationen zum kollektiven Klang, den eine breite Szene von MusikantInnen über Jahre entwickelt, Schrittchen um Schrittchen das lieb gewordene Gewohnte feiernd und sachte das Fenster der Heimat öffnend zu ungewohnt schrägen Passagen.

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