Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Der chaotische Grossbaumeister und seine Jünger

Dicke neue Bücher werfen unterschiedliche Blicke auf Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier und seine Wirkungsgeschichte. Bei aller kunsttheoretischen Tiefenschärfe: Dunkelstellen bleiben – vor allem politische.

Von Lennart Laberenz

Als Nicholas Fox Weber mit «Le Corbusier: A Life» im Jahr 2008 die bislang entschiedenste Biografie über Charles-Édouard Jeanneret-Gris alias Le Corbusier vorlegte, schätzte er die Zahl der Monografien über den Grossbaumeister der Moderne auf über 400. Seitdem sind noch etliche Arbeiten hinzugekommen. Ein interessanter Zugang liegt im Blick auf Le Corbusiers Wirkungsgeschichte. Das zeigen die Debatten um Prinzipien des Neuen Bauens und Bauformen des Brutalismus genannten Stils. Ein Blick auf die MitarbeiterInnen des 1887 in La Chaux-de-Fonds geborenen Sohns eines Uhrengraveurs fällt ebenfalls darunter: In den vierzig Jahren, in denen Le Corbusier sein Atelier in Paris unterhielt, arbeiteten über 150 junge ArchitektInnen mit ihm – oder vielmehr: für ihn.

Der Mann mit der schwer gerahmten Brille erstellte nie technische Zeichnungen. Das erledigten «helfende Hände» nach seinen spinnwebartigen Skizzen. Le Corbusier hielt sich auch bei der Ausführung im Hintergrund. «Vielleicht war Le Corbusier einer jener seltenen charismatischen Persönlichkeiten, deren Qualitäten (…) sie von der Menge abheben und vor allem junge Menschen anziehen, denen unbedingte Hingabe an Ideen und strikte Ablehnung jeglicher Mittelmässigkeit nicht selten oberste, aus Begeisterung geborene Pflicht ist», vermutet Ursula Muscheler in ihrem Überblick «Gruppenbild mit Meister. Le Corbusier und seine Mitarbeiter». So motiviert strömten junge ArchitektInnen und revolutionär gestimmte Geister von überall her zu Le Corbusier – bereit, sich einer karg entlohnten Fron zu unterwerfen, die von einem chaotischen, bisweilen cholerisch-verstiegenen «Künstlergenie» diktiert wurde.

Muscheler durchforstete die umfangreiche briefliche Kommunikation und Reflexionen der MitarbeiterInnen – und koppelte an die knappen Kapitel kursorische Überblicke über Lebenswege, Bau- oder sonstige Tätigkeiten der wichtigsten Figuren der jeweiligen Epoche. Dabei ist zu erfahren, wie Le Corbusier den SchülerInnen seinen Zufallsfund des «Béton brut» erklärt, ihre eigenen Arbeiten kritisiert – und versucht, sie für die Akquise von Aufträgen einzusetzen. Im Schüler-Meister-Verhältnis findet Muscheler prägende Einflüsse für viele später berühmte Architektenkarrieren. Überraschend wenig zu lesen ist allerdings über den Wandel Le Corbusiers vom funktionalen Puristen zum Vertreter einer poetischen Formensprache nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Baustelle als Forschungsort

Wer will, kann neben Muschelers Ausführungen den Band «Le Corbusier Le Grand» legen, quasi die leichtere Version des eingangs erwähnten Prachtexemplars von 2008. Damit lassen sich viele Projekte Le Corbusiers vergegenwärtigen – man kann sich aber auch verlieren im Bilderreigen des Le-Corbusier-Universums.

Wer näher an die Architektur heranrücken will, muss den Band «Le Corbusier. Béton Brut und der Unbeschreibliche Raum (1940–1965)» aus der Edition Detail zur Hand nehmen. Es ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Generaluntersuchung, die mit dem ersten wichtigen Bau in Sichtbeton, der Unité d’Habitation (1945–1952) in Marseille, beginnt und jede Arbeit bis zum Tod des Meisters diskutiert. Roberto Gargiani und Anna Rossellini folgen ebenso Le Corbusier ins Atelier und an den Strand wie seinen gedanklichen Streifzügen zur grafischen Gestaltung von Schalungszeichnungen. Dabei entsteht das Bild einer gewaltigen Baustelle als entscheidendem «Ort der Forschung zu zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen», auf der Le Corbusier Bezüge zur plastischen Kunst und Raumgestaltung herstellte.

Nachdem sich unter die Jubelfeiern – zum Beispiel zum 125. Geburtstag vor zwei Jahren – gerne despektierliche Beurteilungen von Le Corbusiers Bauten mischen, ist «Béton Brut und der Unbeschreibliche Raum» eine wohltuende Rückbesinnung auf seine künstlerische Arbeit. Dabei wird deutlich, wie sehr sich Le Corbusier seinen Bauten über die Psychologie des Blicks, über eine Bild- und Landschaftspolitik näherte. Wobei Le Corbusier gerade bei seiner Bildpolitik zuletzt nicht besonders gut wegkam: In der «Zeit» urteilte Daniele Muscionico, Le Corbusier sei vor allem ein Propagandist seiner selbst und in der Avantgarde des Neuen Bauens eher austauschbar gewesen.

Auffällig ist allerdings, wie sehr sich Muscheler dort, wo der offenkundige Opportunismus des Meisters in den Jahren des Vichy-Regimes hervortritt, zurückhält. Dabei liegt in der Affinität von Grossbaumeistern zu totalitären Systemen überhaupt viel interessantes Material. Le Corbusier schreibt am Tag von Marschall Pétains Verlautbarung der «Kollaboration» zwischen Vichy-Frankreich und dem «Dritten Reich» an seine Mutter, dass er hoffnungsvoll auf Hitlers «Neugestaltung Europas» warte.

Schwärender Antisemitismus

Auch hat sich Le Corbusier längst nicht vom schwärenden Antisemitismus seiner Zeit ferngehalten. Schon zu Beginn seiner Karriere finden sich seltsame Äusserungen («Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage ‹kleiner Jude›, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt.»).

Hat die Korrespondenz mit seinen SchülerInnen nicht mehr hergegeben? Muscheler berichtet jedenfalls nichts über Widersprüche und Reibereien zwischen dem Aufbruchsgeist jugendlicher MitstreiterInnen und Le Corbusiers dunkler Seite. Sie folgt ihm bei der Deutung, nach der die Zerwürfnisse, die zur Trennung zwischen ihm und seinem engsten Mitarbeiter, dem Vetter Pierre Jeanneret, führte, eher privater Natur gewesen seien. Dabei hatte Tim Benton bereits 2008 in der Einführung des grossen Phaidon-Bandes formuliert, dass «politische Differenzen» die Vettern trennten und Le Corbusiers Opportunismus nie halt vor ideologischer Unterstützung gemacht hatte: «Als ihm klar wurde, dass er keine Aufträge von der Vichy-Regierung zu erwarten hatte, hielt sich Le Corbusier an die Neofaschisten. Im Versammlungssaal des Redressement Français hielt er 1929 Vorträge und schrieb Artikel für dessen Zeitschrift. 1934 versuchte er, sich mit Vorträgen in Rom, Venedig und Mailand bei Mussolini einzuschmeicheln, und bemühte sich erfolglos um eine Audienz beim Duce.»

Es scheint, als sei in über 400 Monografien noch nicht alles gesagt.

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