Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Timbuktus Reichtum mutig geschützt

Wie ein Archivar und ein minderjähriges Mädchen den Übergriffen islamistischer Milizen trotzen. Eine Reportage über zwei widerständige Menschen in der säkularen Wüstenstadt Timbuktu.

Von Bettina Rühl, Bamako/Timbuktu

Die Krümel, die in den krausen Härchen der Filzunterlage hängen bleiben, haben die Farbe von Sand. Es sind Partikel jahrhundertealter Manuskripte. Die wertvollen Handschriften werden in einem behelfsmässigen Archiv in der malischen Hauptstadt Bamako digitalisiert. Seite für Seite wird auf eine Filzunterlage gelegt und mit einer digitalen Kamera fotografiert. Dann werden die zerbrechlichen Blätter mit aller Vorsicht von den ArchivmitarbeiterInnen hochgehoben. Trotzdem bleiben fast immer ein paar Partikel zurück.

Die Handschriften wurden in der Oasenstadt Timbuktu am südlichen Rand der Sahara verfasst und archiviert, die ältesten davon schon im 12. Jahrhundert. Als al-Qaida-nahe Islamisten von der Miliz Ansar al-Din (Verteidiger des Glaubens) den Kulturschatz im Januar 2013 vernichten wollten, kamen sie zu spät. Heimlich hatten die BewohnerInnen von Timbuktu rund 285 000 Manuskripte nach Bamako gebracht. «Das war sehr, sehr gefährlich», sagt Abdel Kader Haidara, der die abenteuerliche Rettung initiiert und damit sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Jetzt steht der freundliche Archivar in einem unscheinbaren Haus in Bamako, dem eilig eingerichteten Übergangsarchiv für die wertvollen Handschriften.

Flucht über tausend Kilometer

Nachdem islamistische Milizen im Juni 2012 die ersten Mausoleen in Timbuktu geschändet hatten, war Abdel Kader Haidara tief besorgt. Zusammen mit HelferInnen schmuggelte der Archivar die Handschriften während acht Monaten Kiste für Kiste aus der besetzten Stadt hinaus. Sie flohen auf Eseln, in Geländefahrzeugen oder in einfachen Booten über den Niger-Fluss nach Bamako. Dabei wurden sie immer wieder von den Milizionären der Ansar al-Din mit vorgehaltener Waffe kontrolliert. Dennoch schafften sie es, die wertvollen Manuskripte zu retten: Als die islamistischen Kämpfer die Bibliothek von Timbuktu Ende Januar 2013 dann tatsächlich in Brand setzten, waren fast alle Handschriften weg.

Die meisten sind heute an rund zwanzig Orten in Bamako in den Metallkisten versteckt, in denen sie ihre abenteuerliche Flucht überstanden haben. Nach und nach werden sie nun zum Schutz vor Feuchtigkeit und Zerfall in massgeschneiderte Boxen aus säurefreier Pappe gelegt. Dann werden sie digitalisiert, um sie so der Forschung zugänglich zu machen. Das alles wird mit Geld aus dem Ausland finanziert. An eine Rückkehr der Manuskripte nach Timbuktu ist vorerst nicht zu denken: Die Stadt wird zwar inzwischen von französischen Militärs und SoldatInnen der Vereinten Nationen kontrolliert, aber Islamisten wie Tuaregrebellen warten nicht weit davon entfernt auf eine zweite Chance, die Stadt zu stürmen.

Aus der Zeit gefallene Kulturstadt

Timbuktu liegt tausend Strassenkilometer oder zweieinhalb Flugstunden von Bamako entfernt. Die Oase mit ihren 55 000 EinwohnerInnen wirkt wie aus der Zeit gefallen: Nichts als Lehmbauten und enge Gassen, nur in den Randbezirken steht hier und da ein Haus aus Beton. In der verwaisten Bibliothek, dem staatlichen Ahmed-Baba-Institut, staut sich die Hitze. Abdoulaye Cissé, der stellvertretende Direktor des Zentrums, wacht über das fast leere Gebäude. Mit einem grossen Schlüsselbund führt Cissé seine BesucherInnen herum. Der moderne, schlichte Lehmbau ist ein Geschenk Südafrikas an Mali. Während der Besatzung der Stadt, die von der Uno als Weltkulturerbestätte gelistet wird, campierten die Milizionäre im Gästehaus des Archivs. Am 28. Januar 2013 mussten sie fliehen, nachdem die französische Armee eingegriffen hatte, um den Einmarsch der Islamisten in Malis Hauptstadt zu verhindern. «Als sie weg waren, haben wir hier ihre Kleidung und einige Dokumente gefunden», erzählt Cissé. Diese Unterlagen gaben Aufschluss über die Kommandostruktur der Ansar al-Din.

Ausserdem fanden Cissé und seine KollegInnen Drogen, Munition, Antipersonenminen und Granaten. «Die Milizionäre reden die ganze Zeit vom Islam. Und dann hausen sie mit Drogen und Waffen zwischen islamischen Schriften», sagt er empört. Die Drogen sind nicht nur für den eigenen Gebrauch gedacht: Die islamistischen Milizen in der Sahara finanzieren sich weitgehend durch Kokainschmuggel und Erpressung von Lösegeldern.

In seinem Büro schwärmt Cissé von seiner Heimatstadt: 99,8 Prozent der BewohnerInnen von Timbuktu seien gläubige MuslimInnen. «Die Stadt ist geprägt von Friedfertigkeit. Die Menschen streben nach Weisheit und Frieden.» Nicht einmal die Islamisten hätten es geschafft, diesen Geist zu zerstören. «Er ist die gelebte Weisheit aus den alten Handschriften und in der Stadt allgegenwärtig.»

Das erfährt zum Beispiel, wer Fatmata und ihre Familie besucht. Die Fünfzehnjährige lebt in einem der typischen Lehmhäuser der Stadt: Der Hof ist von niedrigen Lehmbauten mit einfachen Zimmern eingefasst, in denen die Mitglieder der Grossfamilie wohnen. Gerade bereiten mehrere Frauen und Mädchen gemeinsam die nächste Mahlzeit vor, mahlen Gewürze und Getreide. Von Kissen gestützt, liegt das Familienoberhaupt Aboubacar Aljoumat auf einer Matte im Zentrum des Hofs und liest im Koran. Aljoumat ist ein Marabut, ein islamischer Geistlicher. Mit heiserer Stimme erzählt er, wie die Islamisten seine damals dreizehnjährige Tochter Fatmata als Frau für einen der Milizionäre forderten. Das Mädchen war den Kämpfern bei einer ihrer Patrouillen durch Timbuktu aufgefallen: Sie hat ein zartes Gesicht und grosse Augen unter langen Wimpern. «Ich weigerte mich», sagt der Alte. «Meine Tochter war viel zu jung.» Doch die Männer bedrohten ihn mit der Kalaschnikow, hätten ihn fast umgebracht. «Da gab ich nach.»

Fatmata wurde ins Lager der Milizionäre gebracht und durfte das Haus nicht mehr verlassen. «Ich habe mich gefühlt wie im Gefängnis», erzählt sie leise. Über Wochen hatte Fatmata Angst um ihr Leben. Überall waren Waffen. Während sie vom ständigen Streit mit ihrem aufgezwungenen Ehemann erzählt, schaut sie immer wieder zu Boden. Ihre Finger sind rastlos, sie spielt mit einer Gebetskette. «Ich habe ihm nie geantwortet, nie mit ihm gesprochen.» Der Milizionär habe immer wieder getobt, weil sie sich ihm nie völlig unterwarf. Nach vier Monaten hatte er genug und brachte sie zurück.

Unglaubwürdige Muslime

Da war Fatmata schon schwanger. Ihr Vater nahm sie mit offenen Armen auf, erleichtert, seine Tochter lebendig und gesund zu sehen. Diese Freude ist nicht selbstverständlich: In vielen afrikanischen Ländern verstossen Christen und Muslime ihre Frauen oder Töchter, nachdem die vergewaltigt oder zur Ehe gezwungen wurden. «Man kann seine Tochter oder seinen Sohn nicht verstossen, egal was passiert», sagt dagegen Aljoumat. Die Kämpfer der Ansar al-Din und anderer extremistischer Gruppen in Mali würden sich zwar als Muslime bezeichnen, sagt er, sie hätten aber eine andere Religion als die Muslime von Timbuktu. «Vom Anbeginn der Zeit bis heute gibt es in Timbuktu nur eine einzige Religion: Toleranz und Solidarität», sagt der Alte. «Die Milizen dagegen quälen ihre Mitmenschen und mischen sich überall ein.»

Fatmata gebar eine Tochter. Inzwischen ist die Kleine anderthalb Jahre alt. Sie fühle sich in Timbuktu von niemandem abgelehnt, sagt die junge Mutter. «Aber ich schäme mich trotzdem. Ich versuche, die Scham zu überwinden, aber das ist schwer.»

Wer auf die beiden herabschauen würde, den würde auch Ben Essayouly zurechtweisen. Der Imam der Grossen Moschee von Timbuktu und die anderen Geistlichen der Stadt hatten das Unheil lange kommen sehen. Schon 2005 habe er die Behörden alarmiert, als in Timbuktu die ersten von saudischem Geld finanzierten Koranschulen eröffnet wurden. Aber der Staat im fernen Bamako habe auf die Warnung nicht reagiert, und die Hetzreden der Islamisten hörten nicht auf.

Islam: tolerant statt extrem

«Seit Menschengedenken war Timbuktu säkular, und so wurden seine Bewohner auch erzogen», erklärt der Imam seinen Widerstand gegen die sektiererischen Lehren. Die muslimischen Gelehrten von Timbuktu hätten immer schon den Respekt vor allen monotheistischen Religionen gepredigt. «Wir glauben schliesslich alle an den einen Gott, wenn auch jeder auf seine Weise», so Essayouly. Solche Lehren wollten viele junge Menschen nicht mehr hören und liessen sich von den radikalen Gruppen locken. Denn diese verdienen Millionen mit ihren kriminellen Machenschaften. «In einer Region voller Armut sind sie reich», sagt der Imam. «Und sie zahlen ihre Kämpfer gut.» Auf Dauer, so seine Sorge, könnte es ihnen doch noch gelingen, den wahren Reichtum Timbuktus zu zerstören: die Friedfertigkeit, die Toleranz und das Streben nach Wissen.

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