Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Ein nie willkommener Besuch

Simona Ducci ist Pfändungsbeamtin im zürcherischen Dietikon. Bei der Arbeit hält sie den Kopf für GläubigerInnen hin. Das ist für sie auch schon lebensgefährlich geworden.

Von Florian Niedermann (Text) und Ursula HÄne (Foto)

«Wenn ich mit Schuldnern über einen längeren Zeitraum zu tun habe und feststelle, dass sie den Weg aus den Schulden schaffen, freut mich das enorm», sagt Simona Ducci.

Vor einigen Wochen bekam Simona Ducci es mit der Angst zu tun: Ein Schuldner rief sie mehrmals in ihrem Büro im Dietiker Betreibungsamt an. Er drohte, das Gebäude zu stürmen und alle Anwesenden umzubringen. Sie alarmierte die Polizei, der Mann wurde festgenommen. Bei der Hausdurchsuchung wurden bei ihm mehrere Waffen sichergestellt. Wenn sie mit jemandem über längere Zeit zu tun habe, könne sie einschätzen, wie ernst eine Drohung zu nehmen sei, sagt die 25-jährige Ducci: «Dieser Mann war schon in unseren früheren Gesprächen sehr aggressiv. Ich wusste nicht, wozu er fähig ist.»

Ducci ist Pfändungsbeamtin. In ihrem Büro an der Poststrasse in Dietikon verstellt ein grosser, weisser Korpus gleich hinter der Eingangstür den Zugang zu ihrem Pult. Der Raum ist karg eingerichtet, das Licht der Neonröhren kalt. Auf der «Theke», wie sie den Korpus nennt, stehen weder Pflanzen noch der an Verwaltungsschaltern sonst übliche Dekoramsch. «Alles, was dort steht, könnte als Wurfgeschoss dienen», sagt Ducci. Wer von ihr vorgeladen wird, ist in der Regel schlecht gelaunt. «Ich werde jeden Tag beschimpft. Vor kurzem hat einer vor mir auf den Boden gespuckt.» Die junge Beamtin wirkt ruhig, fast stoisch, während sie sich daran erinnert. Sie verstehe es zu einem gewissen Grad, wenn sich einige ihrer KlientInnen vergessen, sagt sie. Schliesslich dringe sie tief in deren Privatsphäre ein und nehme ihnen meist etwas weg.

Menschliche Dramen

Mag ein Gläubiger nicht länger auf die Rückzahlungen eines Schuldners warten, wendet er sich an das Betreibungsamt und veranlasst einen Zahlungsbefehl. Nützt das nichts, so lädt die Pfändungsbeamtin den säumigen Zahler vor. Kann dieser seine Schuld nicht vor Ort begleichen und sind keine Mittel vorhanden, die beschlagnahmt werden können, folgt der Hausbesuch: Ducci geht zur Wohnung der betreffenden Person und pfändet alles, was von Wert ist – in erster Linie Autos oder Schmuck. Nur wenn der Schuldner seinen Wagen braucht, um seiner Arbeit nachgehen zu können, ist dieser von Gesetzes wegen unpfändbar. Einmal beschlagnahmt, muss der Schuldner die Wertsachen innert eines Jahrs auslösen, sonst werden sie versteigert. Den Erlös erhält der Gläubiger.

Simona Ducci lernte ihren Beruf in Schaffhausen. Bei der Kantonsverwaltung absolvierte sie eine kaufmännische Lehre, bevor sie für das Betreibungsamt Zahlungsbefehle auszustellen begann. Dabei erhielt sie auch Einblick in die Arbeit der PfändungsbeamtInnen. Zwei Jahre später machte sie selbst die ersten Hausbesuche bei SchuldnerInnen. Vergangenes Jahr wechselte Ducci schliesslich zum Betreibungsamt Dietikon.

Warum will jemand einen solchen Job überhaupt? «Weil er sehr abwechslungsreich ist», antwortet Ducci. Jeder Fall, den sie bearbeite, unterscheide sich vom vorherigen genauso wie die Schicksale, die sich dahinter verbergen. Das entschädige auch für die schwierigen Situationen, die sie erlebe.

Eine dicke Haut ist wichtig

Für eine Pfändungsbeamtin sei Dietikon ein attraktiver Arbeitsort, sagt Simona Ducci. 2013 vollzogen die BeamtInnen des Dietiker Betreibungsamts 4514 Pfändungen – im Kanton Zürich hatten ausserhalb der Städte Zürich und Winterthur nur drei Ämter eine grössere Zahl vorzuweisen. Der Anteil der SozialhilfebezügerInnen ist in Dietikon mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt des Kantons, 42 Prozent der 25 000 EinwohnerInnen sind AusländerInnen. Die vielen Pfändungen nur an der Sozialhilfequote oder am hohen AusländerInnenanteil festzumachen, greife zu kurz, sagt Ducci. In der Konsumgesellschaft würden viele Menschen über ihre Verhältnisse leben und so leicht in die Schuldenfalle geraten.

Die dicke Haut, die man in ihrem Beruf brauche, sei ihr schon immer eigen gewesen, erklärt sie: «Es ist mir aber enorm wichtig, eine klare Linie zwischen Privatleben und Beruf zu ziehen. Deshalb könnte ich nie in Dietikon wohnen.» Wenn sie abends mit dem Auto zurück zu ihrem Wohnort in der Nordostschweiz fährt, hat sie den Arbeitsalltag längst nicht mehr im Kopf. Doch wie kann man ruhig schlafen, wenn man anderen Menschen täglich Leid zufügen muss? «Meist hilft es, mir zu vergegenwärtigen, dass ich nur das Gesetz vollziehe», sagt sie. Empathie sei bei ihrer Arbeit fehl am Platz.

Auch während unseres Gesprächs ist Ducci keine Gefühlsregung anzusehen – bis sie auf die positiven Erlebnisse in ihrem Beruf zu sprechen kommt: «Wenn ich mit Schuldnern über einen längeren Zeitraum zu tun habe und feststelle, dass sie den Weg aus den Schulden schaffen, freut mich das enorm.» Und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über Simona Duccis Gesicht.

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