Nr. 49/2014 vom 04.12.2014

Hundert Kühe, doch es reicht nicht

Gut 200 Seiten sind zu wenig, um die globale Landwirtschaft zu erklären. «Foodmonopoly» liefert dennoch wichtige Denkanstösse.

Von Bettina Dyttrich

Die Frage ist ernst: «In vierzig Jahren muss die Landwirtschaft weitere zwei bis drei Milliarden Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Können wir überhaupt so viele Menschen ernähren?»

Um diese Frage zu beantworten, sind Ann-Helen Meyer von Bremen und Gunnar Rundgren weit gereist. Beide stammen aus Schweden, sie ist Journalistin, er ehemaliger Präsident der internationalen Biovereinigung IFOAM. Die Antwort, um es kurz zu machen: Ja – wir können. Aber wir müssen dafür einiges ändern.

Meyer von Bremen und Rundgren besuchen die Rohstoffterminbörse in Chicago, ein Hightech-Peperonigewächshaus in Holland, ein Gourmetrestaurant in Indien. Und viele Bauern und Bäuerinnen, kleine und grosse, ökologische und Pestizide spritzende, in den USA, Brasilien, Indien, Schweden und verschiedenen afrikanischen Ländern. Dabei wird klar, wie komplex die Probleme, wie widersprüchlich die Entwicklungen sind.

Wenn das Gift nicht mehr wirkt

Das zeigt sich etwa in Brasilien, das sich sein Sozialsystem, das Tausenden aus der Armut geholfen hat, nur dank der Agroindustrie leisten kann. Doch diese Industrie schafft neue Probleme: Mittlerweile sind drei Millionen Hektaren Ackerland von herbizidresistenten Unkräutern überwuchert, die sich nur mit immer noch stärkeren Giften bekämpfen lassen. Dass es anders ginge, erklären Meyer von Bremen und Rundgren am Beispiel der Familie Viera, die 83 verschiedene Baumarten anpflanzt – eine faszinierende Vielfalt, die Nahrung, Holz und Dünger liefert.

In Sambia treffen die beiden die Kleinbauernfamilie Mkandawire, die in der Armut feststeckt, obwohl der Staat Kunstdünger grosszügig subventioniert – oder gerade deshalb? Die Mkandawires bauen Jahr für Jahr Mais an und essen auch kaum etwas anderes. Das laugt den Boden aus, die Ernten sind schlecht, und der Erlös reicht kaum, um das Nötigste zu kaufen. Ökologische Methoden sind der Monokultur überlegen, das zeigen der Autor und die Autorin an konkreten Beispielen.

Meyer von Bremen und Rundgren sprechen viele wichtige Themen an. Sie zweifeln am Allheilmittel «grüner Konsum», beschreiben anschaulich, wie Handarbeit und Grosstechnologie heute in gnadenloser Konkurrenz zueinander stehen, und stellen die verbreitete Marktgläubigkeit infrage: «Der Markt (…) ist entwickelt worden, um Waren zu verteilen, nicht, um Arten, Landschaften oder das Klima zu bewahren.»

Doch wer die globale Landwirtschaft auf gut 200 locker bedruckten Seiten erklären will, kann nicht immer in die Tiefe gehen. So wie die Reisen im Buch hektisch wirken, wird es auch inhaltlich manchmal oberflächlich. Land Grabbing lässt sich nicht auf einer Seite erklären, genauso wenig wie die Probleme Äthiopiens; und sehr verkürzt ist auch die Abhandlung über China, dessen Geschichte zeige, «welche positiven Auswirkungen eine geringere staatliche Kontrolle der Landwirtschaft haben kann».

Am Abgrund

Auch einige Schlussfolgerungen der beiden AutorInnen werfen Fragen auf. Zum Beispiel die Behauptung, das Einkommen der BäuerInnen im Süden könne nur erhöht werden, «wenn weniger Menschen als Bauern arbeiten». Projekte einer ökologischen Intensivierung, wie sie etwa die Schweizer NGO Biovision erarbeitet hat, zeigen, dass das nicht stimmt. Auch was die Produktion von Gas aus Nutzpflanzen angeht, ist das Buch zu unkritisch.

Es ist wie so oft: Was wünschenswert wäre, lässt sich gut definieren. Aber wie kommen wir dorthin? Klar, ist das die weit schwierigere Frage. Sätze wie «Irgendwie müssen entweder der Handel an sich oder dessen Auswirkungen beschränkt werden» sind allerdings etwas gar vage.

Andererseits gehört das Kapitel über Schweden zum Anschaulichsten, was in den letzten Jahren über die Milchwirtschaft in Europa geschrieben wurde. Da besitzt einer hundert Kühe und hat gerade eine knappe Million Euro in einen neuen Stall mit Melkroboter investiert, und jetzt sinkt der Milchpreis. Und es reicht nicht. Hier wird überdeutlich, wie nah am Abgrund auch die scheinbar reichen europäischen Grossbauern und -bäuerinnen stehen. Und dass kleine Anpassungen nicht reichen, um ein vernünftigeres Agrarsystem zu bauen.

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