Nr. 50/2014 vom 11.12.2014

Das Schneebrett vor dem Kopf

Ein Katastrophenfilm ohne Katastrophe: Ruben Östlund schickt in «Turist» eine Vorzeigefamilie auf die schwarze Piste. Und erweist sich als atemberaubender Stilist.

Von Florian Keller

Nach der Lawine ist nichts mehr, wie es war: Die Liebe zwischen Tomas (Johannes Bah Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kongsli) wird von Naturgewalten aus den Angeln gehoben.

Da döst sie, die uniformierte Wintersportfamilie, in ihrem Hotelzimmer de luxe. Erschöpft vom Treiben auf der Piste, liegen alle beisammen im Elternbett: Vater und Mutter, flankiert von den beiden Kindern. Innig sieht das aus, aber auch irgendwie grotesk, denn das ganze Quartett ist himmelblau gekleidet in identische Thermounterwäsche. So ist das in diesem Film von Ruben Östlund: Selbst in den halbwegs idyllischen Momenten von «Turist» ist da immer ein Überschuss, der das Bild ins Absurde kippen lässt oder ins Gespenstische. Es ist, als habe sich jede Szene immer schon gegen die Figuren verschworen, die sie beleben.

Allein schon, wie der frühere Skifilmer Östlund diese Retortenstadt hoch in den französischen Alpen zeigt, ist ein Ereignis. Aus der Ferne sieht Les Arcs, wo «Turist» gedreht wurde, wie eine Basisstation auf einem fremden Planeten aus, im ewigen Schnee an den Berg gepflanzt. Im Hotel selbst ist alles Fachwerk, aus Holz gebaut, warme Materialien – aber was ein natürliches Wohlbehagen erzeugen soll, bewirkt hier das Gegenteil. Man fröstelt unweigerlich vor diesem Ungetüm von einem überdimensionierten Chalet. Selber schuld, wer hier heile Familie spielen will, weil man es sich leisten kann.

Nichts ist mehr, wie es war

Die Eltern: Das sind Tomas (Johannes Bah Kuhnke) und seine Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli), ein apartes Paar wie aus der Reklame für Karriereplanung. Beide so schön und erfolgreich, wie es ihre Kinder auch einmal sein sollen. Tomas arbeitet zwar zu viel daheim in Schweden, aber was solls, dazu ist man ja jetzt hier in den Skiferien. Abschalten in den Alpen. Dort, wo nachts die Pistenraupen ausschwärmen wie ferngesteuerte Aliens und wo immer wieder der dumpfe Knall einer Sprengung durch die weisse Arena hallt. So werden künstliche Lawinen ausgelöst, damit die Pisten sicher bleiben – gezielte kleine Katastrophen, um die grosse Naturgewalt zu bändigen.

Dann sitzt diese schwedische Vorzeigefamilie im Restaurant auf der Terrasse, als eine dieser Lawinen plötzlich ausser Kontrolle gerät. Und als sich der Schnee wieder lichtet auf der Terrasse, ist nichts mehr, wie es war zwischen Tomas und Ebba.

Mit einem grossen, weissen Nichts an Action hebt Ruben Östlund also eine ganze bürgerliche Familie aus den Angeln. Passiert ist nichts, aber etwas ist doch vorgefallen. Und dieses Etwas ist womöglich viel fundamentaler, als wenn es wirklich zur Katastrophe gekommen wäre. In seinem dramaturgischen Kniff erinnert das frappant an «The Loneliest Planet» von Lisa Loktev, einen anderen Bergfilm. Auch dort führt eine einzige kleine Reflexhandlung im Gebirge dazu, dass die innige Nähe zwischen zwei Liebenden sich augenblicklich in eine bodenlose Fremdheit verkehrt. Bei Östlund kommt die unerhörte Begebenheit viel früher im Film – und fortan sehen wir Tomas beim Verdrängen zu, so lange, bis er jämmerlich kollabiert.

Schrei dich frei!

Ein Freund des Paars, gespielt von Kristofer Hivju aus «Game of Thrones», versucht noch, die verfahrene Situation mit Instantdiagnosen zu retten. Aber der redet auch nur so therapeutisch daher, weil er selbst zwei Jahre in die Therapie ging – mit dem Effekt, dass er jetzt die reinigende Kraft des Urschreis predigt und eine Geliebte hat, die halb so alt ist wie er.

Man kennt das Gerüst: Es heisst bürgerliches Drama und handelt von der Erschütterung der Selbstbilder und anderer falscher Gewissheiten. Aufregend an «Turist» ist aber die rigorose Ästhetik, in der das Vertraute ins Fremde umschlägt. Das beginnt auf der Tonspur, wo das Zischen der Schneekanonen genauso wichtig ist wie das Konzert der elektrischen Zahnbürsten, wenn sich die ganze Familie abends im Badezimmer versammelt. Als Vorbote des Unheils erklingt immer wieder Vivaldis «Vier Jahreszeiten», aber eben nicht der Winter, sondern der Sommer, gespielt auf einem – Akkordeon. Und mitten in die tiefgefrorene Ironie dieses Psychodramas streut Östlund ein irres Bild ein, in dem sich die ganze Krise der Männlichkeit, der wir in diesem Film beiwohnen, in einer atavistischen Bierdisco unter halb nackten Kerlen entlädt.

«Turist» ist aber auch ein Film, der nicht so recht weiss, wann er zu Ende sein will. Da dreht er eine Schlaufe um die andere, und Ebba gibt ihrem Gatten die Chance, seine Männlichkeit neu zu beweisen. Der Mann darf Held spielen: Das sieht dann so aus, als habe Östlund diese archetypischen Geschlechterbilder nur so gnadenlos zerlegt, um sie danach umso nachhaltiger zu zementieren. Aber Männlichkeit ist auch nur eine Maskerade, die das bürgerliche Spiel am Laufen hält. Dass diese Leere, die der Film aufgerissen hat, zuletzt notdürftig verdeckt wird: Das ist nur ein Happy End, wenn wir es so haben wollen.

«Turist» läuft ab 11. Dezember 2014 in den Kinos.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch