Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Bauernmalerei mit Coltrane

Von Köbi Gantenbein

«Wysel» war die erste Sprechoper der Ländlergeschichte: ein melodramatisches Heldenbild eines Musikanten aus der Innerschweiz mit allem, was dazugehört, vom virtuosen Spiel über das Lotterleben, die unbändige Musikfreude, die Vielweiberei, die grosse Liebe, die Karriere in der Grossstadt bis zum frühen Tod. Zu sehen und zu hören war die Oper in Altdorf, später im Schiffbau in Zürich. Eingerichtet hat sie Franz-Xaver Nager, Musikethnologe und Ländlerkenner wie keiner, zusammen mit dem Musiker Christoph Baumann. Aufgeführt wurde sie von neun Musikern aus Jazz und Ländler wie Hans Hassler, Marcel Oetiker, Noldi Alder oder Adrian Pflugshaupt und dem Sprecher Walter Sigi Arnold. Es war ein Ereignis. Die Musik, das Drama und die Bilder von Lorenz Rieser, die als bewegtes Bühnenbild Wysels Lebensfaden farbig anschaulich machten. Es war eine lustvolle Einführung in die Sozial- und Musikgeschichte des Ländlers.

Nun gibt es «Wysel» als CD bei Musiques Suisses, dem Label der Migros, das laufend bemerkenswerte zeitgenössische Ländlermusik veröffentlicht. Christoph Baumann, man kennt ihn als virtuosen Salsa- und Jazzpianisten seit vielen Jahren, hat aus der Oper «Wysel Remix» eine Suite in sieben Teilen gebaut. Er fügt die Hits von Ländlermusikanten wie Kasi Geisser, Jost Ribary oder Hermann Lott mit Passagen frei improvisierter Musik zusammen. Man hört John Coltranes Tränen, man lacht über heitere akustische Bauernmalerei mit Jazzsoli, Zäuerli mit Clustern und Klangteppichen – welch heitere Collage!

Fast gleichzeitig hat Lorenz Rieser seine Zeichnungen, die als visuelles Storyboard die Oper begleitet haben, in ein Buch gepackt, ergänzt von Franz-Xaver Nagers klugen Texten. Und so kann man auf dem Sofa sitzen und die grandiosen Zeichnungen von Rieser zum musikalischen Gemälde von Baumann betrachten. Und eintauchen in die «Flegeljahre der Ländlermusik».

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