Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Wenn Männer zu Löwen werden

Zwischen magischen Träumen und realistischen Enthüllungen: In seinem Roman «Das Geständnis der Löwin» erzählt der Autor Mia Couto aus Moçambique eine Geschichte von Menschen und Tieren, von Gewalt und Angst.

Von Ulrike Baureithel

«Du wirst nie die Trauer einer Mutter erleben», sagt Hanifa Assulua nach der Beerdigung. Diese Worte der Mutter schweben über Mariamar wie ein böses Orakel. Gerade wurde ihre Schwester Silência zu Grabe getragen, als letztes Opfer der Löwen, die seit einiger Zeit um Kulumani herum ihr Unwesen treiben. Mariamar weiss, dass Frauen im Dorf wenig wert sind und unfruchtbare Frauen überhaupt nichts. Dass es für die Frauen in Kulumani keine erwiderte Liebe gibt und sie fortgehen müsste.

Aber da ist die Liebe zum Jäger, dem Mariamar als Sechzehnjährige einmal begegnet ist. Und dieser Jäger, Arcanjo Baleiro, kehrt im Auftrag eines Erdölkonzerns zurück, um die Löwen zu erschiessen. Es soll seine letzte Jagd sein.

Unermessliche Erlösungssehnsucht

Nach zahlreichen Erzählungen, Kinderbüchern und Lyrikbänden, die bislang nicht übersetzt worden sind, ist jetzt ein weiterer Roman des 1955 in Beira, Moçambique, geborenen Autors Mia Couto auf Deutsch erschienen. Er handelt von Menschen und Tieren, von Gewalt und Angst – und von unermesslicher Erlösungssehnsucht. Das titelgebende «Geständnis der Löwin» ist eine zwischen magischen Träumen und realistischen Enthüllungen changierende Beichte. Sie betrifft auf der einen Seite das ganze Dorf Kulumani, auf der anderen entspringt sie dem dunklen Geheimnis der Familie Baleiro, der der Jäger entstammt.

Alternierend erzählen Mariamar und Arcanjo Baleiro aus ihrer Perspektive die Ereignisse, die durch den Einbruch der Löwen in Gang gesetzt werden. Mariamar ist in ihrer Kindheit von einer plötzlichen Lähmung heimgesucht und auf Initiative ihres christlich assimilierten Grossvaters Adjiru in eine Missionsstation gebracht worden, wo sie lesen lernt und wieder zu laufen. Auch dadurch ist sie zur Aussenseiterin im Dorf geworden, hat «keinen Platz in einer nach archaischen Gesetzen ausgerichteten Welt».

Auch der an Schlaflosigkeit leidende Jäger bewegt sich am Rand der Gemeinschaft. Er trägt schwer am Tod des Vaters, der durch eine Kugel seines Bruders ums Leben kam, der nun seinerseits dem Wahnsinn verfallen ist. Einsam nähert sich Arcanjo seiner Schwägerin Luzilia mit einem Brief, in dem er ihr seine Gefühle offenbart. Luzilia erhört ihn nicht, doch der Brief wird zum Ausgangspunkt des «Tagebuchs des Jägers», das sich mit Mariamars Bericht verschränkt.

Als der Jäger zusammen mit dem Provinzverwalter aus der fernen Stadt und einem Schriftsteller, der über die Jagd schreiben will, nach Kulumani kommt, sind die DorfbewohnerInnen aufgebracht. Denn sie – und insbesondere Mariamars Vater, der Fährtenleser Genito Mpepe – fühlen sich selbst berufen, die Löwen zu erlegen. Mariamars Mutter, die wie die anderen Frauen weiss, dass im Grunde nicht die Löwen für die Morde im Dorf verantwortlich sind, sondern das Tier im Mann, sieht eine Chance, sich für den Tod ihrer Tochter zu rächen.

Und dann bekommt Arcanjo Baleiro plötzlich einen Löwen vor die Flinte, ihm versagt aber die Hand: «Welcher Fluch liegt auf mir, dass ich, anstatt abzudrücken, meine Seele Gott empfehle. (…) Eine Seele zu haben ist für mich jedoch eine so grosse Belastung, dass ich sie nur im Tod ertragen könnte.»

«Parade der Buchstaben»

Die von Mia Couto romanhaft überlieferte Geschichte bezieht sich auf Ereignisse, die der Autor 2008 in Vila de Palma im Norden Moçambiques in seiner Funktion als ausgebildeter Biologe verfolgt hat. Dort wurden 26 Menschen von Löwen getötet, die wiederum von Jägern erlegt wurden; die Dorfbevölkerung jedoch schrieb die Geschehnisse Geistern zu.

Dem Grauen, das sich über das Dorf legt, versucht Couto sich nicht dokumentarisch, sondern magisch-realistisch anzunähern: Der vergangene Bürgerkrieg spielt dabei eine Rolle, die Verwilderung der Männer und die traditionelle Unterdrückung der Frauen. Der Autor verwebt dabei nicht nur die Erzählstränge von Mariamar und Arcanjo, sondern auch die Ebenen zwischen Tatsächlichem und Erträumtem in einer Bildsprache, die sowohl von der lateinamerikanischen Erzähltradition beeinflusst ist als auch vom Chimaconde, der Sprache der Indigenen.

Auf einer weiteren Ebene reflektiert der Geschichtenerzähler Mia Couto, dessen Eltern zur portugiesischstämmigen Minderheit Moçambiques gehören, über das Schreiben, das weder Mariamar noch Arcanjo Baleiro in die Wiege gelegt worden ist. Mariamar hat «durch die Tiere lesen gelernt», durch die «Parade der Buchstaben»: «Die Bücher hatten mir Stimmen geschenkt, mich gerettet wie Schatten mitten in der Wüste.» Der Grossvater, der die Enkelin unterstützt, warnt sie: «Schreiben ist wie eine gefährliche Form von Eitelkeit. Sie macht den Menschen Angst.» Auch der tagebuchschreibende Jäger weiss, dass «Schreiben nicht dasselbe ist wie Jagen. Man braucht dafür viel mehr Mut. Man muss aus sich herauskommen, sich exponieren, ohne Waffe, ganz ungeschützt.»

Am Ende ist er nicht mehr der Jäger, sondern der schriftstellernde Leichenfledderer, der den Menschen das Geheimnis ihres Lebens und Sterbens zu entreissen sucht. Wer am Ende «die Löwin» ist, die Genito Mpepe erschossen hat, bleibt offen. Denn Mariamar hat es «schon vor langer Zeit aufgegeben, in dieser Welt nach Wahrheit zu suchen».

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