Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Sittenbilder von den Inseln

Von Pit Wuhrer

Kann man ein Buch, das überwiegend aus kurzen Texten des begnadeten «taz»-Kolumnisten und erfahrenen Reporters Ralf Sotscheck besteht, auf einer Sachbuchseite vorstellen – einer Seite also, die sich überwiegend mit politwissenschaftlichen, ökonomischen oder sonstigen sehr ernsthaften und fundierten Büchern beschäftigt? Man kann nicht nur, man muss sogar.

Denn all die Geschichten, die Sotscheck manchmal lapidar, oft spöttisch und mit einem sicheren Gespür fürs Skurrile erzählt, basieren auf Fakten. Sie schildern eindrücklicher als manche trockene Analyse die gesellschaftlichen Zuständen in Britannien und Irland. Und sie sind hochpolitisch – weil der Autor unten und oben nicht verwechselt. Er beschreibt die Blödheiten, die es unten natürlich auch gibt, zwar ebenfalls bissig, aber längst nicht so sarkastisch wie den Protz, den Dünkel, die Arroganz und das Unvermögen der Reichen, Mächtigen und Arrivierten.

Und so erfährt man, wie der Steuerflüchtling Bono von U2 einmal drei «Afrikanerinnen» Manieren beizubringen versuchte (es waren die US-Präsidentengattin Michelle Obama und ihre beiden Töchter). Dass am Arthur’s Day der Guinness-Brauerei 2013 ein neuer Rekord aufgestellt wurde (921 Mägen mussten ausgepumpt werden). Dass die irischen Behörden noch immer Hexafluoridkiesel ins Trinkwasser mischen, obwohl das laut einer Untersuchung den IQ senken soll (weshalb sich die Regierung weigert, das Gesetz aufzuheben). Was Prinz Charles besitzt und wie er seine Steuerbefreiung rechtfertigt. Welche Sorgen die britischen Lords haben. Und was Tony Blair bereut (nicht den Irakkrieg).

Nach und nach tauchen alle auf: tumbe PolitikerInnen, privatisierungsbesessene Behörden, der Hundepsychologe der Queen, vorbestrafte PolizistInnen (ungefähr tausend davon gibt es in Britannien), handyverrückte Jugendliche, Potemkinsche Dörfer beim G8-Gipfel im Jahr 2013 in Nordirland, englische Heimwerker an der Gasleitung … Aber was schreibe ich da? Selber lesen!

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