Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Globuli fürs liebe Vieh

Über fünfzig Tonnen Antibiotika für die Tiermedizin werden jedes Jahr in der Schweiz verkauft. Um diese alarmierende Menge zu verringern, wäre vor allem eines nötig: eine andere Tierhaltung.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Annette Boutellier (Fotos)

Drastische Worte: Antibiotikaresistenzen seien die «grösste biologische Bedrohung» für die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung. Das schreibt die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit in einem Bericht, der im November veröffentlicht wurde. Die Kommission empfiehlt Massnahmen für die Human- und die Tiermedizin; das Fernziel müsse eine antibiotikafreie Landwirtschaft sein.

«Eine Landwirtschaft ganz ohne Antibiotika ist illusorisch», kommentiert Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz (STS). «Auch bei optimaler Haltung kann ein Tier so krank werden, dass es Antibiotika braucht.» Aber es wäre möglich, den Antibiotikaverbrauch stark zu senken, wenn man die Strukturen der Tierproduktion ändern würde. «Das sind systemimmanente Probleme, die kennt man schon lange.»

Zarte Tiere mit grossen Augen

Der Kälbermarkt Thun ist von weitem zu hören. Pausenlos muhen die Kälber hinter den Metallzäunen. In Gruppen von vier oder fünf stehen sie da, unruhig, eines besteigt das andere, ein drittes stürzt beim Ausweichen. Das Gelände der Thun Expo, zwischen Kaserne und Möbelmarkt, ist jeden Montag der Umschlagplatz für die Tränkekälber, die vom Geburtsbetrieb auf den Mastbetrieb kommen, und für die schlachtreifen Bankkälber. Ein Mann versucht, ein Bankkalb in einen Anhänger zu ziehen, es folgt nur widerwillig. Dauernd wird ein- und ausgeladen, man sieht mehr Fahrzeuge als Menschen: die Lastwagen der Viehhändler und die kleinen Anhänger an den Autos der Bauern. Auf einigen liegt eine dünne Schicht Schnee. Bauern und Händler – Frauen sind keine zu sehen – tragen blaue Kittel, darunter Faserpelz.

«Der Kälbermarkt ist heute vor allem zum Umladen da», sagt Samuel Graber. Weniger Bauern als früher kämen nach Thun: «Sie haben heute ja immer mehr Stress. Darum sind die meisten froh, wenn der Händler die Kälber abholt.» Trotzdem setzt sich Graber, SVP-Kantonsrat und Kälbermäster in Horrenbach oberhalb von Thun, für den Kälbermarkt ein: «Irgendwo muss man die Tiere umladen. Es kann nicht sein, dass das im Wald oder auf einer Autobahnraststätte geschieht – Tiere könnten ausbrechen, der Tierschutz wäre nicht gewährleistet. In Thun ist die Infrastruktur gut. So haben die Tiere am wenigsten Stress.»

Die kleinsten Kälber, die auf den Kälbermärkten gehandelt werden, sind gerade vier Wochen alt: zarte Tiere mit grossen Augen und langen Beinen. Und das ist einer der Gründe für den hohen Antibiotikaverbrauch in der Kälbermast. Nach der Geburt gibt die vitamin- und antikörperreiche Kolostralmilch den Kälbern einen guten Schutz, später können sie ihr eigenes Immunsystem aufbauen. Doch dazwischen sind sie sehr empfindlich – und genau dann werden sie gehandelt. Auf dem Markt und auf dem Mastbetrieb kommen sie mit Dutzenden von anderen Kälbern aus diversen Betrieben in Kontakt – also mit einer geballten Ladung Krankheitserreger. Auf konventionellen Mastbetrieben gibt es daher präventiv Antibiotika ins Futter.

Er bekomme meistens etwa sechswöchige Kälber, sagt Samuel Graber. Sechs Wochen, das sei schon deutlich besser als vier. Aber nicht immer bekämen die Kälber auf den Herkunftsbetrieben genug Kolostralmilch und Eisen: «Auf vielen Milchbetrieben ist das Kalb im Prinzip ein Abfallprodukt. Man stellt ihm Milch hin, aber schaut ihm nicht wirklich; man wäre froh, es wäre schon nach vierzehn Tagen weg. Zum Glück sind wir noch nicht so weit wie in Neuseeland, wo neugeborene Kälber zum Teil gleich getötet werden.»

Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz beobachtet Ähnliches: «Ein spezialisierter Milchbetrieb will Milch produzieren und möglichst nichts anderes. Diese Spezialisierung hat der Staat ja auch gefördert.» Darum sei eine Rückkehr zur früheren Praxis, als fast jeder Bauer seine Kälber selber mästete, nicht realistisch. «Aber gut wäre, wenn zumindest die Beschaffung der Tränkekälber regional organisiert würde. Das würde die Länge der Transporte und die Keimbelastung reduzieren.»

Kälbermäster Samuel Graber unterstützt diese Forderung. Er selber versucht, es so zu machen: «Ich mäste fünfzig Kälber. Davon habe ich etwa fünfzehn von den eigenen Kühen, zwanzig organisiere ich privat und fünfzehn von Händlern aus der Region. Die kommen aber auch oft direkt von anderen Höfen, nicht via Thun.»

Es ist ein Strukturproblem der spezialisierten Milchwirtschaft: Hochleistungsmilchrassen wie Holstein setzen kaum Fleisch an, aber auch sie gebären Stierkälber. Diese zu mästen, lohnt sich kaum. Hansuli Huber plädiert für sogenannte Zweinutzungsrassen, zum Beispiel Simmentaler oder Original Braunvieh. Sie geben weniger Milch, dafür mehr Fleisch. Und sie sind robuster, das hilft Medikamente sparen.

Die Sau muss fahren

Über fünfzig Tonnen Antibiotika werden in der Schweiz jährlich für die Tiermedizin verkauft. Welche Tierart wie viel bekommt, weiss niemand. Klar ist jedoch: Die Schweineproduktion braucht viel.

Auch wenn die Ställe nicht so gross sind wie in der EU, ist die konventionelle Schweineproduktion auch in der Schweiz durchindustrialisiert. Besonders in der sogenannten arbeitsteiligen Ferkelproduktion: Auf einem Betrieb werden die Sauen gedeckt, dann werden sie zum Gebären in einen anderen Betrieb gefahren, und auch die Mast hat mehrere Stationen. Das führt zu mehr Transporten und einem höheren Gesundheitsrisiko. Für Huber ist klar: «Dieses System gehört verboten!» Die Sauen würden ohnehin schon ausgenutzt «bis zum Gehtnichtmehr»: «Man hat sie auf hohe Ferkelzahlen gezüchtet – heute haben sie oft mehr Ferkel als milchführende Zitzen. Kein Wunder, ist eine Sau nach vier, fünf Würfen ausgelaugt.»

Dass es nicht einfach ist, Schweine gesund zu halten, weiss Werner Ammann. Der Biobauer aus Ganterschwil im unteren Toggenburg hält neben den Milchkühen um die dreissig Muttersauen. Vor zwanzig Jahren war er so weit, dass er damit aufhören wollte: Kaum geboren, begannen die Ferkel, an Durchfall zu leiden. Sie trockneten völlig aus; die Hälfte starb schon am ersten Lebenstag. Ammann probierte die verschiedensten Antibiotika – nichts half. In seiner Verzweiflung wandte er sich an den Thurgauer Tierarzt und Homöopathen Andreas Schmidt, der den trächtigen Sauen homöopathischen Schwefel gab. Ammann glaubte nicht so recht daran. «Aber schon der nächsten Gruppe, die ferkelte, ging es viel besser. Es wirkte einfach! Das war mein erstes Schlüsselerlebnis.»

Hauptsache, es nützt

Dem Schlüsselerlebnis folgten viele weitere. Auch eine Sau, die mit hohem Fieber halb bewusstlos am Boden lag – «sie war heiss wie eine Herdplatte» – kam mit homöopathischen Globuli in wenigen Stunden wieder auf die Beine. Ammann stellte systematisch auf Homöopathie um, zuerst im Schweine-, dann auch im Kuhstall. Schliesslich beschloss er, seine guten Erfahrungen weiterzugeben: mit dem Projekt Kometian (Komplementärmedizinisches Tierheilangebot). Seit drei Jahren beraten Tierärzte und Tierheilpraktikerinnen die TierhalterInnen telefonisch oder auf dem Betrieb. Inzwischen nutzen 220 Bauern und Bäuerinnen das Angebot, und jeden Monat kommen einige dazu.

Nicht nur bei Kometian – in der ganzen Schweiz bilden sich immer mehr TierhalterInnen in Homöopathie weiter und tauschen sich in Arbeitskreisen aus. Oft aus einer pragmatischen Haltung heraus: Hauptsache, es nützt. Ein wichtiges Argument ist für viele die Rückstandsfreiheit: Es fällt keine Milch an, die man entsorgen muss. «Ich bin beeindruckt, welches Wissen sich viele Bauern und vor allem Bäuerinnen angeeignet haben», sagt Werner Ammann.

Euterentzündungen sind das dritte grosse Antibiotikaproblem in der Nutztierhaltung: während der Melkperioden, aber auch dann, wenn die Kühe zur Erholung in den Wochen vor dem Kalbern keine Milch mehr geben sollen. Vor allem Tiere mit hoher Milchleistung riskieren dabei Entzündungen, sie werden meistens routinemässig mit Antibiotika «trocken gestellt». Ammann ist es in den letzten zehn Jahren immer gelungen, Euterentzündungen anders zu bekämpfen: mit Homöopathie und dem häufigen, vorsichtigen Ausmelken kranker Euterviertel.

Eine antibiotikafreie Landwirtschaft müsse das Ziel sein, sagt Ammann. Auch wenn man vielleicht nie ganz ankomme. Noch etwa einmal im Jahr braucht er Antibiotika für die Schweine – wenn es auch Tierarzt Schmidt für nötig hält. Mit ihm habe er Glück, sagt Ammann: Es gebe zu wenig TierärztInnen, die sich in der Komplementärmedizin gut auskennen.

Wichtig sei in der Homöopathie vor allem eines: Beobachten. «Ist das Tier ranghoch oder -niedrig, ist es träge oder nervös, plump oder schlank? Ist die Kuh, die immer als Erste zum Melken kam, plötzlich die Letzte?» Vielleicht passt die Homöopathie deshalb so gut auf viele Höfe: Sie knüpft an eine alte bäuerliche Praxis an, in der die Beobachtung schon immer entscheidend war. «Der Bauer improvisiert beständig», schreibt der Schriftsteller John Berger, ein genauer Beobachter der bäuerlichen Arbeit. So improvisierte Werner Ammann, als er seinen hinkenden Stier behandelte, der ihn nicht in die Nähe liess: Er schmuggelte die Globuli in einen Apfel, den das Tier gerne frass.

Doch Beobachten braucht Zeit. «Viele Bauern sind heute so unter Druck, dass sie die Verantwortung sofort an den Tierarzt abgeben wollen, wenn ein Tier krank ist.» Der Telefondienst von Kometian soll es gestressten TierhalterInnen einfacher machen. Immer wieder erlebt der Biobauer, dass die Homöopathie bei ihnen etwas auslöst: «Sie hilft verstehen, dass man für das Tier verantwortlich ist.»

«Pflege und Beobachten sind beim Tierschutz die halbe Miete», sagt auch Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz. Darum findet er es wichtig, dass der Trend zu immer grösseren Höfen gestoppt wird. Die Agrarpolitik sei hier widersprüchlich: Der Bundesrat plädiere zwar für Ökologie. «Aber gleichzeitig will er einen offenen Wirtschaftsraum, was zu riesigen Farmen führen wird.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch