Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Von Miss-Kronen und Missständen

Zuerst mit Protesten, später mit Debatten im Parlament: Ein Überblickswerk zeigt, wie die Frauenbewegung die Schweiz seit 1968 verändert hat.

Von Nina Kunz

Sie ist schlank, hat aber grosse Brüste. Sie trägt nichts ausser einem Bikinioberteil und Stöckelschuhen, bringt gerade ein Kind zur Welt und kümmert sich gleichzeitig mit ihren sechs Armen um Job und Haushalt. Am Telefon bespricht sie Geschäftliches, während sie in der Bratpfanne das Essen für die Familie zubereitet. Diese Karikatur einer «Idealfrau» zierte 1976 das Titelblatt der studentischen Zeitschrift «Prisma».

Die drei Historikerinnen Kristina Schulz, Leena Schmitter und Sarah Kiani haben die letzten Jahre damit verbracht, Archive in der ganzen Schweiz nach solchen Quellen zu durchforsten. Das Ergebnis dieser Arbeit ist nun in Buchform erschienen. «Frauenbewegung – Die Schweiz seit 1968» zeigt auf, mit welchen Mitteln Frauen für ihre Gleichstellung kämpften. Bei der Darstellung werden die Kontroversen innerhalb des feministischen Milieus nicht ausser Acht gelassen. Es entsteht gar der Eindruck, dass die Aktivistinnen öfter unterschiedlicher als gleicher Meinung waren. Der Band ist dreigeteilt: in Quellen, Archivlisten und Bibliografie. Obwohl einen die gedruckten Sitzungsprotokolle und Briefe fesseln: Dies ist kein Buch für den Nachttisch – es eignet sich eher für das Studium in der Bibliothek.

Von 1968 bis heute

Die Frauenbewegung spielte sich seit Anfang der siebziger Jahre immer auf der Strasse und in den etablierten Institutionen zugleich ab, so die These der Autorinnen. Aber von vorne: Frau schreibt das Jahr 1968. Es wird gegen Vietnam, gegen autoritäre Erziehung und für mehr Liebe demonstriert. Die Frauenbewegung schloss sich den Protesten um «68» jedoch nur teilweise und mit Vorbehalt an. Denn die Aktivistinnen kritisierten, dass auch die Männer, die für eine sozialistische Revolution kämpften, ihre Rolle gegenüber den Frauen nicht hinterfragten. Der feministische Kampf war also eine Gegenbewegung, die ausserhalb der etablierten Parteien und des etablierten Protests entstand. Ein Hauptanliegen der frühen Bewegung war die straflose Abtreibung.

Als 1971 das Frauenwahl- und -stimmrecht eingeführt wurde, spaltete sich die Bewegung. Einerseits gab es weiterhin die autonome Strömung, die sich für Frauenräume einsetzte. Andererseits näherten sich gleichzeitig manche Frauen dem «Establishment» an und forderten ihre Rechte auch auf juristischer Ebene ein – ganz zum Unverständnis der anderen Aktivistinnen, die das herrschende Rechtssystem für ein «Machtwerk des Patriarchats» hielten, das zu boykottieren sei.

Das gespaltene Verhältnis zur Institutionalisierung sollte die Frauenbewegung bis in die Gegenwart prägen. Damals wie heute gingen die Meinungen auseinander, welcher Weg der richtige sei.

Ab dem Ende der achtziger Jahre traten Feministinnen erstmals als Expertinnen auf. An den Universitäten, in Unternehmen und in der Verwaltung wurden Gleichstellungsbüros geschaffen. Aber nicht nur in den Institutionen wurde die Bewegung gestärkt. Als nach der Jahrtausendwende antifeministische Haltungen und konservative Mütterlichkeitsideale wieder salonfähig wurden, reagierten die Frauen mit kreativen Protestformen. So wurde beispielsweise 2011 an einer Demonstration eine feministische Version des Gratisblatts «Blick am Abend» verteilt. Dieses beinhaltete folgende Schlagzeile: «IWF-Chef hinter Gittern, Feministinnen erreichen vor Gericht entscheidenden Sieg im Kampf gegen Sexismus und Gewalt gegen Frauen».

Antibabypillenautomaten

Um die Geschichte der Frauenbewegung von 1968 bis 2011 zu erzählen, bleiben die Historikerinnen fast immer auf der Ebene der Institutionen. So erfahren die LeserInnen zwar, wann der Gewerkschaftsbund mit der Ofra (Organisation für die Sache der Frau) zusammengearbeitet hat – aber individuelle Akteurinnen kommen nur vereinzelt zu Wort. Leider, denn mehr O-Töne hätten den Text einem breiteren Publikum zugänglicher gemacht. Zudem bleibt auch im Dunkeln, weshalb die Frauen zum Beispiel Discoabende veranstalteten, an denen Männer keinen Zutritt hatten, oder warum einige Frauen überhaupt eine feministische Gegenkultur forderten. Generell wird das Wie im Buch geklärt, das Warum jedoch nicht.

Zweifellos ist das Werk ein hervorragender Ausgangspunkt für weitere Forschungsprojekte, aber mit dem Stoff hätte man auch ein richtig unterhaltsames Buch schreiben können – wie die folgende Anekdote von 1969 vermuten lässt.

Damals schleuste sich ein Mitglied der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) in einen Zürcher Schönheitswettbewerb ein. Sie siegte tatsächlich und erhielt zum Preis einige Kleider. Diese versteigerte die FBB symbolisch, um mit dem Geld einen Antibabypillenautomaten zu finanzieren. So wollten die Aktivistinnen auf den Objektstatus der Frau aufmerksam machen – als Gebärmaschine und als Püppchen. Sie riefen: «Wir lassen uns nicht durch Miss-Kronen über den Miss-Stand in dieser Gesellschaft täuschen!»

Solche Anekdoten sind leider selten, verschwurbelte Formulierungen dominieren den Text. Im einleitenden Kapitel heisst es beispielsweise: «Der Auswahl der hier versammelten Quellen ging eine Konstruktionsarbeit im Untersuchungsgegenstand voraus.» Der einzige Missstand, den es bei diesem Buch also zu beseitigen gäbe, wäre das enge Korsett des akademischen Publizierens.

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