Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Die besten Mauern

Meisterleistungen der anonymen Architektur, die perfekte Symbiose von Natur und Kultur: Ein Buch gibt Trockenmauern den Platz, den sie verdienen.

Von Bettina Dyttrich

Eine uralte und faszinierende Technik: «Il Muro del Bombögn» am Pizzo Campo, Tessin. Foto: Michael Rast, Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz, Verwendung gemäss Creative Commons CC-BY-SA-4.0

Wer im Mittelmeerraum wandert, geht auf Trockenmauern. Etwa in Korsika: Die Basis der alten Wege durch die Berge sind Steinmauern, in unvorstellbarer Handarbeit zwischen die Felsen gebaut. Nur so wurde das Trassee in den steilen Schluchten breit genug für ein Maultier.

Auch Reben, Oliven und Kastanien stehen in einer Terrassenlandschaft, die heute immer mehr zerfällt. Da und dort sind die Mauern notdürftig mit Beton geflickt, aber das schadet mehr, als es nützt. Denn auch wenn es vielleicht erstaunt: Trockenmauern sind stabiler ohne Mörtel. Sie können sich den Temperaturen anpassen, und sie sind wasserdurchlässig. In Simbabwe sind trocken gemauerte Brücken die ersten, die die jährlichen Hochwasser überstehen.

Entworfen hat diese Brücken Richard Tufnell, ein Brite, der sein Leben den Trockenmauern verschrieben hat. Langweilig? Das täuscht gewaltig. Tufnells Tätigkeit hat ganze Landschaften zum Besseren verändert – wer kann das schon von sich behaupten? Bei den letzten Trockenmauerpraktikern Schottlands ausgebildet, verbreitete er das Wissen über die uralte Technik in vielen Ländern und entwickelte – wie in Simbabwe – Lösungen, die einen Bruchteil der Gelder für «moderne» Bauwerke kosten. In den neunziger Jahren kam er auf Einladung von Marianne Hassenstein von der Stiftung Umwelt-Einsatz auch in die Schweiz, um das Handwerk zu lehren. Mit Folgen: Zivildienstleistende bauten in den letzten fünfzehn Jahren fast 22 000 Quadratmeter Trockenmauern, Freiwillige und Lernende weitere 14 000.

Was ist so faszinierend an Trockenmauern? Sie sind wunderschön, zweckmässig, und Dutzende von Tier- und Pflanzenarten leben darauf und darin: die perfekte Symbiose von Natur und Kultur. Trockenmauern würden anschaulich zeigen, dass Naturveränderung «nicht mit Naturzerstörung identisch ist», schreibt der Alpenspezialist Werner Bätzing in seinem Beitrag im neuen, fast zwei Kilo schweren Grundlagenwerk «Trockenmauern». Neben einer umfassenden Anleitung für die Praxis enthält das Buch eine umfassende Geschichte des ländlichen Bauens mit Stein, der «elementaren anonymen Architektur», wie es die Autorin Ingrid Schegk nennt. Es geht Fauna und Flora der Mauern nach und stellt beeindruckende Trockenmauerlandschaften vor, etwa die zum Teil über zwanzig Meter hohen Rebmauern im Wallis.

Am meisten freue es ihn, dass Hunderte von Arbeitsplätzen im Trockenmauerbau entstanden seien, schreibt Richard Tufnell. «Sie verändern unsere Welt, Stein für Stein, zum Besseren.» Auch sein schönes kleines Buch ist weiterhin erhältlich – für alle, die vor allem bauen wollen.

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