Nr. 08/2015 vom 19.02.2015

Sci-Fi-Fantasie einer Langspielplatte

Von Astrid Kaminski

Was in den letzten Jahren entstanden ist zwischen Lyrik und Illustration, ist unvergleichlich. Und in seinen Wechselwirkungen fast so komplex wie das Thema «Musik und Tanz». Die Berliner Verlage Kookbooks, J. Frank und einige Zeitschriften hatten die Szene angekurbelt, nun scheint ein eigenes Genre, man könnte es «Illusie» nennen, heranzureifen. So etwas ist der neue Band «I Am the Zoo. Candy. Geschichten vom inneren Biest» von Zeichnerin Nele Brönner und Lyrikerin Monika Rinck. Den Anfang macht eine Zeichnung von Brönner, die eine zerkratzte Platte darstellen könnte, Rinck illustriert sie in Worten, entlockt ihr Knistern und Töne, macht sie archaisierend zur «Scheybe», von der man fallen kann – und so geht es 24 Mal hin und her. Heraus kommen «Geschichten vom inneren Biest».

Unklar bleibt, wer Candy ist, das Biest oder ein Alter Ego, das gegen das Biest angerufen wird? Und was, wenn das Ich sich mit Candy zusammen in das Innere eines Affen verlagert, der Affe also von ihnen besessen ist? «Wenn wir ihn befragen, sollten wir sicherstellen, dass unsere Fragen nicht auf unser eigenes vom Affen mitverkörpertes Restbewusstsein treffen.» Sicher ist: «Ein Besessener kann nie wieder solo tanzen.»

Rincks Dialektik und Brönners Zeichnungen sind verspielt und schräg: Gegenstände haben «formwandlerische» Fähigkeiten, Wesen schlüpfen in Verkörperungen, von siamesisch bis fünffüssig. Sie träumen vom Ende der Gewalt, scheitern aber «aufgrund der verbliebenen Gewaltpartikel, die in allen Verhältnissen aufstauben». Zunehmend gewinnt das Team an Fahrt, gerät gar in Raserei: «Wir waren der Zügel, und der Zügel gab nach.» In kosmischer Weite stehen dann zwei Sonnen am Himmel, eine weniger als in Schuberts Winterreise. Sie könnten aber auch reine Datenmengen sein, ununterscheidbar in Kopie und Original, eine Option, die sich möglicherweise als Sci-Fi-Fantasie einer Langspielplatte erweist. «I Am the Zoo» ist ein hochstehender Fabulierspass, der zwischen Bild und Sprache immer wieder neu erlebbar ist.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch