Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Eine weitsichtige Moosflechte

Von Stephan Pörtner

In einer engen Schlucht in einem abgelegenen Tal in einem landkartenunwürdigen Randgebiet hatte sich eine dicke Moosschicht gebildet, der fast nie langweilig war. Das lag vor allem daran, dass sie vollkommen in Ruhe gelassen wurde und sich so ihren Interessen widmen konnte, die denen der Wanderer, Kanufahrerinnen und Kletterer, die sich der stillen Natur so hartnäckig und unsensibel aufdrängten, diametral zuwiderliefen. Von den Plänen, die Idylle in einen Seilpark zu verwandeln, ahnte sie zum Glück nichts. Der windige Initiant stürzte beim ersten Rekognoszieren auf einer weitsichtigen Moosflechte aus und hätte seither als vermisst gegolten, wenn ihn denn jemand vermisst hätte.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben. Es ist ebenso wie «Mordgarten» unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich. www.stpoertner.ch