Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Porträt der Autorin als aussergewöhnliche Frau

Sie hat ein breit gefächertes Werk hinterlassen, war eine Brückenbauerin zwischen Romandie und Deutschschweiz, und sie war politisch engagiert. Mitte Februar erlag Anne Cuneo ihrem Krebs.

Von Isabelle Falconnier

Anne Cuneo war eine vielschichtige Frau, militante Feministin und grosse Liebende, eine anspruchsvolle Intellektuelle und entschiedene Kämpferin.

Geboren wurde sie 1934 als Anna Lisa Cuneo in Paris, wobei ihre italienischen Eltern Lydia und Alberto wenig später in die Nähe von Mailand zurückkehrten. Gestorben ist sie am 11. Februar als Anne Cuneo in Lausanne, jener Stadt, in der sie sich ein neues Leben erfunden hatte. Sie war strebsam, hartnäckig, warmherzig und spröde, anspruchsvoll, bockig, leidenschaftlich, ängstlich, neugierig und unversöhnlich, energisch und sensibel, mutig und unverschämt, treu und einsiedlerisch. Sie war meine Freundin, und ich hielt sie für unsterblich.

Sie hatte den Tod so manches Mal überlebt, einen Krebs überwunden, eine Herzschwäche ein paar Jahre später. Sie hatte bereits die Geschichte ihres Lebens geschrieben («Portrait der Autorin als gewöhnlicher Frau» 1980/82), da sie dachte, sie werde sterben, und ihre Tochter Eva werde anderenfalls nichts über ihr Leben wissen. Sie errichtete sich ihr Leben trotz unsäglicher innerer Verwundungen: die Zurückweisung bei der Geburt durch die Mutter, die sich einen Sohn gewünscht hatte und ihr später immer den kleinen Bruder vorzog, der Verlust des verehrten Vaters, erschossen während der Kriegswirren in Italien, von der spielsüchtigen Mutter verlassen, das Waisenheim in Lausanne in den vierziger Jahren, der Wechsel der Sprache, die Trennung vom Bruder, der Rassismus, der Machismo, die demütigende Arbeit, um sich das Studium zu erkämpfen.

Superfrau in steter Bewegung

Anne Cuneo war die widerstandsfähigste Person, die ich kenne. Sie hatte einen Ehemann, sie hatte Ehemänner, ein kleines Mädchen, das sie zu eben jenem Zeitpunkt im Alter von zwei Jahren adoptierte, als ihr tot geborener Sohn dieses Alter erreicht hätte. Sie war stets in Bewegung, Superfrau, die die Arbeit der Familie voranstellte, immer ein Eisen im Feuer, ein Theaterstück, eine Reportage, ein Bericht, der zu schreiben war, Recherchen für ein neues Buch, eine Geschichte, die es zu erzählen galt. Sie lebte zwischen Zürich und Genf, und niemand konnte uns unverbesserliche Welsche besser dazu bringen, die deutschsprachige Schweiz zu lieben: durch ihre Reportagen im Schweizer Fernsehen oder ihre Berichte in der Presse. Aber sie zog doch Lausanne vor, jene Stadt, in der sie kämpfte, um aus der Einsamkeit auszubrechen und aus der Armut, wo sie das Schicksal bezwang, um trotz allem zu studieren, und sich für das Schreiben entschied, die Stadt ihrer Krimiheldin, der Ermittlerin Marie Machiavelli.

Zorn und Poesie

Sie, die erzählte, sie habe ihren ersten Roman mit acht Jahren geschrieben, in den Kochtopf der Bücher gefallen wie in einen magischen Trank, sie konnte mit ihrer Feder alles entstehen lassen: Romane, Lebenserzählungen, Berichte, Reportagen, Theaterstücke.

Ich kannte Anne so lange, dass ich mich nicht mehr an den Tag erinnere, an dem ich sie zum ersten Mal traf. Ich bin mit ihren Büchern aufgewachsen, ihren Wörtern, ihren Traurigkeiten, ihren Freuden, ihrem Zorn, ihrer schwärmerischen Poesie. Zuerst ihre autobiografischen Bücher, ihre Frauenbücher, zwischen 1970 und 1980, vom Verleger Bertil Galland entdeckt, ihre so moderne autobiografisch fundierte Fiktion: «Gravé au Diamant», dann «Dinge, bedeckt mit Schatten», der ergreifende Bericht über eine unerwünschte Schwangerschaft, «Eine Messerspitze Blau», ein ebenso ergreifender Bericht über die erste Krebserkrankung, schliesslich das traumhafte Buch «Passage des Panoramas».

Da dachte sie, sie habe nichts mehr zu sagen und zu schreiben. Sie schrieb Theaterstücke, drehte Dokumentarfilme. Dann entdeckte sie die Fiktion neu, den historischen Roman, Krimis. Seit dem Werk, das Anne als ihren ersten Roman bezeichnete, «Station Victoria» von 1989, belebte sie die Tradition des historischen Romans mit einem intuitiven Talent und einer Arbeitskraft, die ihresgleichen in der Schweiz suchen. Ihre drei Bücher, die Helden der europäischen Renaissance gewidmet waren («Der Lauf des Flusses» über Francis Tregian, «Dark Lady» zu Shakespeare und «Eine Welt der Wörter» über John Florio), waren zugleich sehr leicht lesbar und auf unglaublich belesene Weise dokumentarisch. In «Garamonds Lehrmeister» über den Verleger Antoine Augereau und in «Eine Welt der Wörter» explodierte ihre Leidenschaft für die Sprache, die Welt des Schreibens.

Sie fand im Dokumentarfilm eine Form, ihre Liebe zu Literatur und Theater miteinander zu verbinden. Ihr «Opération Shakespeare à la Vallée de Joux» zeugt von einer Besessenheit der Gestaltung, die sich nur entfalten kann, wenn sie mit der Gemeinschaft, der Gesellschaft geteilt wird. Eine Intellektuelle und Künstlerin durch und durch, konnte sie sich die Literatur nicht ohne politisches und soziales Engagement vorstellen. Sie war Mitbegründerin der demokratischen Studentenbewegung, des Parti ouvrier et populaire und dann der trotzkistischen Bewegung in der Schweiz und prangerte unermüdlich die sozialen Ungerechtigkeiten an, die Unterdrückung der Schwachen, ob es Frauen oder AusländerInnen waren.

Durch ihre erste Heirat Schweizerin geworden, repräsentierte Anne den Kulturaustausch in seiner besten Ausprägung; sie liebte die Deutschschweiz mit demselben Feuer wie die Romandie oder das Tessin und bevölkerte ihre Romane mit historischen Figuren, die sich, wie sie selbst, dem Auftrag verschrieben hatten, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu erklären, zu drucken und zu erzählen.

Wie Mechaniker oder Schneiderin

Ich habe letzten Herbst ein wunderbares Wochenende mit ihr in London verbracht, auf den Spuren von Carlo Gatti, dem Helden ihres letzten Romans, «Gatti’s Variétés». Nichts hat sie mehr berührt als das Schicksal des Tessiners, der mit seinen Cafés und Patisserien im 19. Jahrhundert London eroberte. Sie sprach Italienisch, ihre Muttersprache, Französisch und Deutsch, aber Englisch war ihre Lieblingssprache, jene der schönen Flucht nach London mit fünfzehn Jahren, von der ihr Roman «Station Victoria» inspiriert ist, die Sprache von John Florio, dem Intellektuellen der europäischen Renaissance in «Eine Welt der Wörter», der zwischen England, Graubünden, Italien hin und her reiste.

Sie glaubte, den Krebs gezähmt zu haben, der im vergangenen Winter wieder aufgetaucht war. Sie war müde, aber ihre Haare begannen wieder zu wachsen. Und dann hat sie der böse Winterwind wieder abstürzen lassen.

«Ich nenne mich Schriftstellerin, um die Welt zu ärgern, weil das nicht als Beruf anerkannt ist. Wenn ich mich im Pass als Schriftstellerin bezeichne, bedeutet das für mich, dass es ein Brotverdienst sein sollte wie Mechaniker, Chauffeur oder Schneiderin. Und nicht bloss eine Ehre», schrieb sie in «Portrait der Schriftstellerin als gewöhnlicher Frau». Anne Cuneo war eine aussergewöhnliche Frau.

Isabelle Falconnier ist Ressortleiterin Kultur, Gesellschaft und Projekte beim Magazin «L’Hebdo» und Präsidentin des Genfer Buchsalons.

Aus dem Französischen von Stefan Howald.

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