Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Bildungsromane aus einem Jahrhundert der Niedertracht

Danilo Kiš, einst Literaturstar aus Jugoslawien, Antinationalist und Antikommunist, scheint heute fast vergessen. Eine Werkausgabe ermöglicht die Wiederentdeckung des 1989 Verstorbenen.

Von Hans Ulrich Probst

In den achtziger Jahren war er für den Literaturnobelpreis im Gespräch, hochgerühmt für seine innovative und sinnliche Prosa, in der er gegen das Vergessen der Schoah und der stalinistischen Verbrechen anschrieb. Heute, 25 Jahre nach dem frühen Krebstod des charmanten Kettenrauchers – «Ich habe meine Lunge weggeraucht» – scheint die unstrittige literarische Bedeutung von Danilo Kiš im umgekehrten Verhältnis zu seiner Bekanntheit zu stehen.

Zwei Publikationen laden nun zur Wieder- oder Erstbegegnung mit diesem modernen und virtuosen Erzähler ein: Soeben auf Deutsch erschienen ist die Biografie «Geburtsurkunde. Die Geschichte von Danilo Kiš», kundig verfasst vom britischen Historiker Mark Thompson; und zum 25. Todestag vergangenen Oktober hat der Hanser-Verlag die grossen Romane und Erzählungen in einem dicken Band erneut herausgebracht. Neben der grandiosen Romantrilogie «Familienzirkus» zu seiner eigenen tragischen Familiengeschichte ragt Kiš’s Erzählzyklus «Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch» heraus; in «sieben Kapiteln ein und derselben Geschichte» porträtiert Kiš Revolutionäre aus ganz Europa, die alle Opfer des Stalinismus wurden.

Fluchten

Danilo Kiš kommt 1935 als Sohn eines ungarisch-jüdischen Vaters und einer serbisch-orthodoxen Mutter aus Montenegro in Subotica in der ehemals ungarischen Vojvodina im damaligen Jugoslawien zur Welt. Er wächst in Novi Sad auf und in den Weltkrieg hinein. Sein Vater ist ein ehemaliger Oberinspektor bei der jugoslawischen Staatsbahn und ingeniöser Verfasser eines internationalen Fahrplans für den Bahn-, Schiffs- und Flugverkehr. Gepeinigt von einer Angstneurose und üblem Antisemitismus ausgesetzt, überlebt er nur zufällig die grosse Razzia und das Massaker an den JüdInnen von Novi Sad im Januar 1942.

Die Familie flieht ins westungarische Geburtsdorf des Vaters, wo dieser von ungarischen Gendarmen aufgegriffen und mit seinen Verwandten – wie nahezu alle ungarischen JüdInnen ausserhalb von Budapest – nach Auschwitz deportiert und umgebracht wird. Nach dem Krieg zieht Kiš mit seiner Schwester und seiner Mutter in deren Herkunftsort Cetinje, wo er die Schule besucht. Nach einem Literaturstudium in Belgrad beginnt er, zu schreiben und zu übersetzen. Tausende Gedichtzeilen hat er aus dem Ungarischen, Französischen und Russischen serbokroatischen LeserInnen erschlossen.

Zauberhafte Kindheitsszenen

Für die Familientrilogie, die Kiš selbst «Familienzirkus» nannte, orientierte er sich an modernen Erzähltechniken und schwor der Figur des allwissenden Autors ab: «Ich möchte, dass meine Bücher glaubwürdiger sind als sogenannte realistische Romane. Ich glaube nicht, dass ein Schriftsteller alles weiss.»

«Garten, Asche» (1965) entfaltet das tragische Leben des Vaters, die Vertreibung aus dem Paradiesgarten der Kindheit hinein in Armut, Angst, Krieg und den unverstandenen Verlust der schillernden Vaterfigur. Kiš schreibt dabei kunstvoll variierend, teils aus Kinder-, teils aus Erwachsenenperspektive. Diese einzigartig farbige und zugleich kompakt reflexive Prosa hat oft proustsches Format.

«Frühe Leiden» (1970) berichtet aus der Perspektive des sensiblen Kinds in poetisch leuchtenden Skizzen mit unsentimentaler Zartheit von alltäglichem Glück und Schmerz, vom Bettnässen im Traum, von unschuldig-schamhaften ersten Küssen, aber auch von der Melancholie der Herbstwiesen, von einem Pogrom oder einem grausamen Katzentod.

«Sanduhr» (1972) schliesslich, laut Kiš ein «anthropologischer Roman»‚ erzählt in 67 Abschnitten in verschiedensten Genres vielstimmig von Träumen und Albträumen der Vaterfigur Eduard, ist eine Hommage an diesen und ein Memento für die Vernichtung der mitteleuropäischen JüdInnen, raffiniert in der Vermischung von Fakten und Fiktion.

Antinationalist und Kosmopolit

Mit diesem ambitionierten, auch in Jugoslawien ausgezeichneten Werk hatte sich Kiš an die Spitze der jugoslawischen AutorInnen geschrieben – und anders als viele andere beharrte er auf dieser Bezeichnung, er wollte nie ein «serbischer», «jüdischer» oder «montenegrinischer» Schriftsteller sein. Schon 1973 – Tito hatte gerade die Phase liberaler Reformdiskussionen brüsk beendet – attackierte Kiš heftig den noch latenten Nationalismus der verschiedenen Ethnien als Kitsch, Folklore und reaktionäre Geisteskategorie.

Mit seinem nächsten Buch, «Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch» (1976), verursachte er einen Literaturskandal. «Die Revolution frisst ihre Kinder» hätte der Titel auch lauten können. Kiš schildert sieben Schicksale europäischer Revolutionäre, die im stalinistischen Gulag enden oder ermordet werden. Es sind ungemein dichte kurze Bildungsromane aus einem Jahrhundert der Niedertracht.

Die jugoslawischen KP-Funktionäre fühlten sich selbst entlarvt und entfachten eine Kampagne gegen Kiš mit läppischen Plagiatsvorwürfen. Der Autor verteidigte sich mit einer punktgenauen Polemik («Die Anatomiestunde», 1978), bekam vor Gericht recht, zog dann aber von Belgrad weg nach Paris – «ohne Heimweh», wie er trotzig schrieb; zuvor schon hatte er als Lektor für Serbokroatisch an den Universitäten von Strassburg, Bordeaux und Lille gewirkt. Neben Erzählungen («Die Enzyklopädie der Toten», 1983) schrieb Kiš auch glänzende Essays und hatte Teil an der vor 1989 von Autoren wie Milan Kundera oder György Konrad lancierten Mitteleuropadebatte. Doch der unheilbare Lungenkrebs stoppte ihn jäh in seiner Karriere.

Literatur ist konkret und individuell

In der Krankheit vermochte Kiš seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen – die Sprachleidenschaft, das Ringen um die «Gnade der Form», die ihn für jedes Buch ganz neu die angemessene, zuvor nie angewendete Form hatten suchen und finden lassen, haben ein so intensives wie schmales Werk hervorgebracht. Sein zeitloses Anliegen hat der exzessiv lebende, doch äusserst disziplinierte Autor einmal so formuliert: «Ich glaube, dass Literatur die Geschichte korrigieren muss: Geschichte ist allgemein, Literatur ist konkret; Geschichte ist vielfältig, Literatur ist individuell. Literatur korrigiert die Indifferenz historischer Daten, indem sie den Mangel an Spezifik der Geschichte durch eine spezifische Individualität ersetzt.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch