Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Ein glücklicher Optimist in vielen Zeiten

Er war erst Kommunist stalinistischer Prägung, dann Häftling in einem kommunistischen Gefängnis, später Flüchtling und Wissenschaftler. Und blieb trotzdem ein Linker.

Von Pit Wuhrer

«Es war eine Freude, Kommunist zu sein, sich als kleines Rädchen der riesigen Maschine zu wissen, die Ungarn und die ganze Welt einer schönen, gerechten Zukunft entgegenführen würde.» Mit diesem Satz beginnen die persönlichen Passagen in «Schauprozesse», dem Grundlagenwerk von György Hodos über die stalinistischen Säuberungen in Osteuropa. Er selber, das gibt Hodos in diesem Buch freimütig zu, gehörte bis Mai 1949 zu den Gläubigen, die Stalin für einen weisen Vater hielten. Und er war nicht allein. Auch Laszlo Rajk, damals der zweite Mann in der ungarischen KP, und die Genossen, mit denen Hodos in der Schweiz zusammengearbeitet hatte, waren stramme Kommunisten – bis zum Sommer 1949, als die gesamte, nach dem Krieg nach Ungarn zurückgekehrte «Schweizer Gruppe» und viele anderen wegen Spionage und Trotzkismus verhaftet wurden.

Es folgten Isolationshaft, Torturen, erpresste Geständnisse, Schauprozesse, Todesurteile (für Rajk, Tibor Szönyi, Andras Szalai und Ferenc Vagi von der «Schweizer Gruppe») und lange Haftstrafen. György Hodos bekam zehn Jahre. Wieder Einzelhaft, Zwangsarbeit und Ungewissheit – denn nur eins war sicher: Diesem «chronisch kranken System, das sich verlogenerweise Sozialismus nannte» (so Hodos in «Schauprozesse») war nicht zu trauen. Erst im September 1954, eineinhalb Jahre nach Stalins Tod, wurde er rehabilitiert.

Von der NZZ …

Und was sagt er viele Jahre später beim WOZ-Interview in Budapest (siehe WOZ Nr. 50/2011)? «Eigentlich habe ich in meinem Leben immer viel Glück gehabt.» Und interessant sei das Leben auch gewesen. Dann schilderte er auf seine verschmitzt-charmante, bescheidene Art, was da gewesen war: die behütete Jugend in Buda, wo er 1921 auf die Welt kam, dann die Lehre und das Geschichtsstudium in der Schweiz, wohin ihn sein Vater – ein Textilkaufmann – 1939 vorsichtshalber geschickt hatte und wo er sich mit anderen jungen ungarischen KommunistInnen zusammentat. Hier engagierte er sich – weitgehend unberührt von den Vorgängen im Rest von Europa – für Freiheit und Gerechtigkeit. Anders als sein Vater und viele seiner jüdischen Angehörigen überlebte er so den Holocaust.

1945 kehrte György Hodos nach Ungarn zurück. Dort arbeitete er als Wirtschaftskorrespondent der NZZ und anderer Zeitungen – und freute sich, in der «bürgerlichen Presse des Westens» die «Wahrheit» über die grossartigen Errungenschaften der sozialistischen Planwirtschaft publizieren zu können. Vier Jahre später begannen die Säuberungen. Nach seiner Entlassung aus der Haft war er als Lektor und Übersetzer beim Budapester Europa-Verlag tätig – und erlebte den Ungarnaufstand 1956, den er mit gemischten Gefühlen verfolgte: «Ich war mir nicht sicher, ob die demokratische oder die nationalistische, die fortschrittliche oder die reaktionäre Seite gewinnen würde.» Gesiegt haben die sowjetischen Panzer. Hodos, der auch im Gefängnis ein Linker geblieben war, verliess mit seiner Frau Marta und seiner Tochter das Land und zog nach Wien. Die USA, wo seine Mutter und seine Schwester lebten, liessen das KP-Mitglied nicht einreisen; auch die Schweiz lehnte ihn ab. Also reiste er als Produktionsberater eines Textilunternehmens durch ganz Österreich und besonders häufig zur Strumpffabrik Wolff in Hard bei Bregenz.

… zur WOZ

Nach zwölf Jahren, die McCarthy-Ära war vorbei, erteilten ihm die US-Behörden doch noch eine Einreiseerlaubnis; das ermöglichte ihm den dritten Neuanfang. Er versuchte sich in Los Angeles als Textilunternehmer, kam danach als Lohnabhängiger bei seinem Schwager unter und begann, wieder zu schreiben. 1987 erschien unter seinen englischen Vornamen George Herman das – in mehrere Sprachen übersetzte – Buch «Show Trials». Ende der neunziger Jahre folgte seine hervorragende historische Analyse über die Geschichte von «Mitteleuropas Osten» (so der deutsche Buchtitel). In ihr erläuterte der mittlerweile anerkannte Historiker, weshalb das Bürgertum – und damit die bürgerliche Demokratie – in Polen, Tschechien, der Slowakei und in Ungarn nie richtig Fuss fassen konnte: Im Unterschied zu Westeuropa hatte der osteuropäische Adel, so seine These, auf die Krise der Feudalwirtschaft im 17. und 18. Jahrhundert nicht mit einer Lockerung der Herrschaftsverhältnisse reagiert, sondern mit einer Verschärfung der Leibeigenschaft. Der Nachhall dieser historischen Entwicklung erkläre unter anderem, sagte Hodos beim WOZ-Gespräch, weshalb so viele UngarInnen den Autoritarismus von Viktor Orban befürworten.

Nach dem Tod seiner Frau Marta und dem Systemwechsel kehrte der sanfte, lächelnde und überaus kluge György Hodos nach Budapest zurück, auch weil er sich in Judit Kinszki verliebt hatte («Da habe ich wieder Glück gehabt!»). Und er schrieb für die WOZ, beispielsweise über den 50. Jahrestag des Ungarnaufstands (siehe WOZ Nr. 42/2006).

Ein bisschen Glück hatte er auch zuletzt: Vor seinem Tod, der ihn am 12. Februar im Schlaf ereilte, bekam der begierige Zeitungsleser den wachsenden Protest gegen die Orban-Regierung noch mit. Dass Diktaturen auf Dauer keinen Bestand haben würden – das wusste der stets widerspenstige und von der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft beseelte György Hodos allerdings schon vorher.

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